Aardappel/Kartoffelburen

Deutsch-niederländisches Agrartheater

Von Juliane Lenssen

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Aardappel/Kartoffel
In der Sonne flirrendes flaches Land, jede Menge Staub und reichlich Mücken – im Juli 2013 wurde ein Acker im niedersächsischen Altluneberg zum Schauplatz eines außergewöhnlichen Theaterstücks. Im Mittelpunkt stand die Kartoffel, der 15 Jugendliche aus Deutschland und den Niederlanden mit Spielszenen und Dialogen, viel Bewegung und großer Hingabe auf die Pelle rückten.

„Kartoffelburen" lautete der Titel der selbst entwickelten Inszenierung, und auch die Geestensether Künstlergruppe Das Letzte Kleinod betrat mit dem Projekt Neuland. „In dieser Intensität hatten wir noch nicht mit Jugendlichen gearbeitet", blicken Kleinod-Macher Juliane Lenssen und Jens-Erwin-Siemssen zurück. Vielfältige Themen führten von der Geschichte in die Gegenwart: „Das Agrarprodukt Kartoffel war wesentlich spannender, als wir geahnt hatten." Auch die Kooperation mit der niederländischen PeerGrouP aus Groningen trug Früchte. „Wir setzten sie in diesem Jahr mit einem neuen Stück fort", bestätigt Siemssen. „Außerdem helfen wir uns mit Ideen und Material aus, sind zu guten Nachbarn geworden."

Der Anstoß für die grenzüberschreitende Partnerschaft kam vom Fonds Soziokultur e.V., der im September 2012 in Amsterdam je zehn innovative Ensembles aus Deutschland und den Niederlanden zusammengebrachte. Die Chemie zwischen Kleinod und PeerGrouP stimmte sofort, denn beide Theater arbeiten „site-specific", inszenieren Orte und deren Geschichte an Originalschauplätzen. Dass Lenssen und Siemssen fließend Niederländisch sprechen, war sicher ein Vorteil, aber auch die Kommunikation unter den Jugendlichen klappte von Anfang an. „Es war faszinierend, wie schnell die Gruppe zusammenfand, Englisch als Sprache benutzte, dann eine verbindende Ästhetik entdeckte."

Gemeinsam arbeiten und gemeinsam leben – der Ozeanblaue Zug machte es möglich. Zwei Wochen lang waren der Bahnhof Geestenseth und die Waggons der Ausgangspunkt für die Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler zwischen 14 und 18 Jahren. Es wurde zusammen gekocht und gegessen, die spontan gebildete Brass Band spielte auf dem Wochenmarkt und vor der Bäckerei des Ortes, die anschließend die Versorgung mit Brötchen übernahm. Temperaturen von bis zu 35 Grad zogen ungewöhnliche Probenzeiten nach sich: Frühstück um 6.30 Uhr und dann ab 7.30 raus auf den Acker. Für Jugendliche eigentlich eine Zumutung, dennoch zogen alle mit. „Dafür konnten wir ja unter Mittag an den See", lobt Siemssen das Engagement der Gruppe.

Hitze, Staub und Mücken: „Nicht wir spielen die Hauptrolle, sondern der Acker", brachte es der 16-jährige Murat vor der Premiere auf den Punkt. Die Umgebung wurde mit allen Sinnen aufgenommen, die Berichte von Zeitzeugen hatten sich mit den Eindrücken zu einem Stück verdichtet. „Nach der Aufführung werden auch die Zuschauer das Feld ganz anders sehen", versprach der 15-jährige Rutger und sollte Recht behalten. „Meidet die grünen Kartoffeln!" – das Publikum der „Kartoffelburen"-Vorstellungen in Deutschland und Holland war schwer beeindruckt.

ProjektträgrIn
Das Letzte Kleinod
Gegründet 1991
www.das-letzte-kleinod.de

Ziele: Die Künstlergruppe inszeniert Orte und ihre Geschichten. Eine unbewohnte Insel, ein Tiefkühlhaus oder eine Hafenkaje wurden Schauplätze von außergewöhnlichen Theatervorstellungen.

Angebote: Kindertheater im Eisenbahnwaggon; Theater mit Jugendlichen, Dokumentationstheater. Das internationale Ensemble realisierte zahlreiche Projekte in Deutschland, Europa und Übersee.

Clips for Matter

Ein deutsch-niederländisches Medienkunstprojekt über den Umgang mit Ressourcen

von Stephanie Brysch

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Clips for matter

Mit einem 30-Sekunden-Clip die Welt verbessern? Diese Chance bekamen je 30 Jugendliche aus Venlo und Dortmund im Alter zwischen 14 und 16 Jahren im Rahmen von zwei gemeinsamen Projekttagen im »Dortmunder U«, dem Zentrum für Kunst und Kreativität im denkmalgeschützten ehemaligen Lagerhochhaus der Union-Brauerei.


Dort präsentiert der Hartware MedienKunstVerein (HMKV) seit 2010 internationale Ausstellungen zeitgenössischer Medienkunst. Im Mai 2014 hatte er die Ausstellung »World of Matter« in seinem Programm, die sich mit den komplexen Ökosystemen und den Ressourcen unserer Welt auseinandersetzt. Für die teilnehmenden Jugendlichen der Albrecht-Dürer- Realschule Dortmund und des Valuas College Venlo war dies ein spannender Ort, um in gemischten Gruppen mit ökologischen Fragen unsere Welt zu erkunden. So konnten die Jugendlichen z. B. in beeindruckenden Projektionen die Ernte von Baumwolle in verschiedenen Ländern verfolgen und gleichzeitig kritische Stimmen von Farmern mit Stellungsnahmen von Konzernsprechern vergleichen. Durch einen schnellen Blick auf das Etikett des eigenen T-Shirts rückten die Bilder aus anderen Ländern dabei plötzlich sehr nahe.


Das Projekt zielte darauf ab, den Jugendlichen die Bedeutung unseres Umgangs mit den Ressourcen deutlich zu machen und sie anzuregen, selbstständig kreative Lösungen zu entwickeln. Dabei sollten sie bewusst grenzübergreifend zusammenarbeiten und sich über die internationale Dimension der Probleme bewusst werden.


ExpertInnengruppen wurden gebildet, die inspiriert von den ausgestellten Arbeiten Themen wie Wasserverbrauch, Erderwärmung, Transportwege von Gütern oder CO2-Verschmutzung diskutierten. Dabei zeigten sich schnell die globalen Auswirkungen  des Welthandels, dessen Ressourcenverbrauch allein ökonomischen Gesetzmäßigkeiten folgt. Warum wird deutscher Zucker nach Nigeria verkauft und später wieder zurück transportiert? Warum steigt in Bangladesch der Meeresspiegel? In aufregenden Gesprächs-runden lernten sich die Jugendlichen gegenseitig  kennen, tauschten ihre Gedanken und Meinungen aus, hinterfragten die Konsequenzen des eigenen Handelns und dachten über Lösungsvorschläge nach.
Diese wurden am Nachmittag in Gruppen aus je einem niederländischen und einem deutschen Jugendlichen in Film-Clips umgesetzt. Hierfür wurde der vom niederländischen Kooperationspartner HOLY. nl entwickelte HOLY Animator verwendet, der es ermöglicht, ohne große Vorkenntnisse mit Hilfe von  Internetbildern kleine Animationsfilme herzustellen. So entstanden ca. 30 Clips von max. 30 Sekunden Länge, welche die Gedanken der Jugendlichen anschaulich machen. Sie zeigen auf kritische und trotz-dem humorvolle Weise globale Probleme auf und regen zum Nachdenken an.


Gleichzeitig werden einfache Lösungsvorschläge gemacht: zum Beispiel Kleidung umzunähen anstatt sie wegzuwerfen oder auch mal aus zweiter Hand zu kaufen. Die Jugendlichen konnten im Anschluss an den Projekttag im Internet länderübergreifend an ihren  Projekten weiterarbeiten, Kontakt halten und die Filme in ihren sozialen Netzwerken verbreiten, um andere mit ihren Gedanken zu inspirieren.

Eine Auswahl der Clips wurde eine Woche lang im Programm der Informationstafeln der U-Bahn-Haltestellen in Dortmund gezeigt. So konnten diese Filme einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden und haben vielleicht die Welt ein bisschen besser gemacht. (www.clipsformatter.holy.nl)

Projektträger

Hartware MedienKunstVerein
gegründet: 1996
www.hmkv.de

Ziele: Produktion, Präsentation und Vermittlung zeitgenössischer Medienkunst, um ein Verständnis für vielschichtige soziale, politische, ökonomische und ökologische  Zusammenhänge herzustellen

Angebote: Ausstellungen,  Performances, Vorträge, Konzerte, Konferenzen, Filmprogramm, Work-shops, Exkursionen, Führungen, Kulturelle Bildung

Crossing Dance Festival

Neue Impulse für den zeitgenössischen Tanz

Von Gerda König

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Schon einmal hatte ein Festival der Tanzcompany DIN A 13 neue Impulse für den zeitgenössischen Tanz gesetzt, die die Sehgewohnheiten der ZuschauerInnen durch neue ästhetische Qualitätsmaßstäbe bereicherte. Die große öffentliche Resonanz bei Publikum und Medien nahmen die Verantwortlichen zum Anlass, »den Faden weiter zu spinnen« und ein Folgefestival mit einer inhaltlich veränderten Konzeption und neuem Programm zu entwickeln. So wurde 2008 in bewährter Kooperation mit dem Tanzhaus NW das »Crossing Dance Festival« ausgerichtet, bei dem die künstlerische Zusammenarbeit von Tänzern mit und ohne Behinderung im Mittelpunkt stand.


Mit Bühnenprogramm, Workshops, Fach- und Publikumsgesprächen und Filmen wurde eine umfassende Diskussion um die Inszenierung und Wahrnehmung von »Andersheit« im zeitgenössischen Tanz angeregt. So entstand ein Forum, in dem sich Menschen mit und ohne Behinderung begegneten und in der die Präsentation von Behinderung in der darstellenden Kunst aus verschiedenen Blickwinkeln erlebt, erforscht und analysiert werden konnte. Die Mannigfaltigkeit des Programms regte zum Austausch an und ließ das unerschöpfte, künstlerische Potenzial der mixed-abled Ästhetik für die Entwicklung neuer gesellschaftlicher Perspektiven erahnen.


Ein mehrfacher Crossover an Tanzstilen der verschiedenen Kulturen, die sowohl Flamenco, multimediale Performance, Tanztheater, Butoh und nicht zuletzt eine site-spezifische Performance umfassten, bildeten einen besonderen Schwerpunkt des »Crossing Dance Festivals«. Eine site-spezifische choreografische Intervention verfolgte zudem das Ziel, diese Kunstform einem dem Theater ferneren Publikum näher zu bringen. Die Inszenierung am Düsseldorf Hauptbahnhof, in der Rheinbahn und dem Messegelände Düsseldorf brachte die Wahrnehmung des mixed-abled Tanzes in den öffentlichen Raum. Die zeitgleiche Ausrichtung des Festivals mit der internationalen Fachmesse für Menschen mit Behinderungen »REHACARE« setzte weiterhin auf Synergien, die die Grenzen der Tanz- und Theaterwelt erweiterten.


Im Rahmen der Inszenierung wurde ein Film entwickelt, der gleichzeitig zur öffentlichen Performance in der Messehalle ausgestrahlt wurde. Darüber hinaus bot ein »Filmprogramm« andere Blickwinkel auf die Thematik. »Tanzworkshops« luden Teilnehmer ein, den eigenen Horizont zu erweitern und neue Bewegungsqualitäten zu entdecken. Und die im Anschluss zum Bühnenprogramm geführten Publikumsgespräche erfreuten sich einer überaus regen Beteiligung der ZuschauerInnen und vertieften durch den Dialog mit den KünstlerInnen das sinnlich Erlebte. Die abschließende Podiumsdiskussion »Blickfang« über die Inszenierung und Wahrnehmung von »Andersheit« eröffnete zudem den Raum für die theoretische Auseinandersetzung mit der Materie.


Auf Grund des großen Erfolges des Festivals und der Wichtigkeit dieser Kunstsparte für den Dialog der Kulturen ist beabsichtigt, das »Crossing Dance Festival« als festen Bestandteil der Tanzlandschaft zu etablieren und somit neue Tätigkeitsfelder für TänzerInnen und ChoreographInnen zu erschließen, die im Feld der Mixed-Ability tätig sind. Die Vermischung unterschiedlicher ästhetischer Fähigkeiten und künstlerischer Fertigkeiten gerade im Tanz bietet par-éxcéllence die Möglichkeit für eine erweiterte Wahrnehmung der Welt.

 ProjektträgerIn

DIN A 13 e. V. / DIN A 13 tanzcompany
gegründet: 2000
www.din-a13.de

Ziele: Förderung der darstellenden Kunst im Bereich zeitgenössischer Tanz, insbesondere im Blick auf die Verbindung von zeitgenössischem Tanz und Behinderung; die Förderung der internationalen Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Behinde-rung im Bereich Kultur.

Angebote: Performance-Aufführungen, Workshopangebote, internationale Tanz-Festivals. Internationale Zusammenarbeit und Projektent-wicklung neuer mixed-abeld Tanzkompanien, Netzwerkarbeit

 

Crossover Saarbrücken

Ein Film von Jugendlichen über sich und ihre Stadt

von Thomas Langhammer

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Ein Film ohne Drehbuch, geht das? Bei der Projektpräsentation kam die Frage auf, wer denn bei diesem Projekt „den Hut anhabe"? Der Untertitel des Films verdeutlicht die Anlage des Konzepts, das weitgehend ohne Drehbuch auskam. Die Aufgabe des label m-Teams war lediglich die Bereitstellung von Möglichkeiten und einer Struktur, also von Werkzeugen, Organisation, Koordination. Die TeilnehmerInnen selbst prägten dann den demokratisch künstlerischen Prozess der Realisierung.

Während im letzten Filmprojekt „Crossover Malstatt", das 2011/12 umgesetzt wurde, der Fokus auf den Jugendlichen eines Stadtteils im Alter von 14 bis 17 Jahren lag, die ihr Leben und ihre Wünsche darstellten, wurde nun, 4 Jahre später, ihr weiterer Lebensweg verfolgt und im Kontext der regionalen Jugendkultur Saarbrückens dargestellt. Aus dem Crossover verschiedener Gruppen innerhalb des Stadtteils wurde ein Crossover mit anderen kreativen Jugendszenen der Stadt. Die Art, Räume für Kommunikation und Kreativität zu erobern, stellt ein besonderes Element der aktuellen Jugendszenen dar. Der Dialog mit dem öffentlichen Raum und dessen Aneignung bildeten daher den Hintergrund, das Bühnenbild.

Die Idee zu einer Fortführung des Filmprojekts 2011 entstand bereits im Kreis der damaligen TeilnehmerInnen: Die Frage: „Was wird aus uns allen wohl werden?" stand damals am Ende der gemeinsamen Projektarbeit. Für die nun älteren Jugendlichen von heute war wichtig, nicht Jugendkultur im Allgemeinen darzustellen, sondern ganz konkret ihre lokale und ganz eigene Szene zu zeigen, eben „ihre" Stadt. So wurde auch der programmatische Titel Crossover Saarbrücken gewählt, um damit den starken Bezug zur eigenen, einzigartigen und selbstbewussten Jugendkultur zu unterstreichen.

Das Drehbuch entwickelten die TeilnehmerInnen im laufenden Prozess. Dabei spielten die Sozialen Medien eine wichtige Rolle, denn die Kreise erweiterten sich damit enorm, räumlich wie inhaltlich. „Was geht?" – „Wir sind Wall!" lautete die zentrale Message. Spontane Verabredungen waren überall und immer möglich. Der öffentliche Raum gewann an Bedeutung. Neben informellen Treffs entstanden Locations in abgelegenen Industriearealen und damit Bühnen für die Jugendszenen. Einige Filmausschnitte wurden im nahen Frankreich gedreht, die Vernetzung war grenzüberschreitend.

Auch die Ankündigung der Film-Premiere erfolgte ausschließlich über digitale Netzwerke. Ohne weitere Werbung war das ausgewählte Kino überfüllt, spontan wurde freundlicherweise für die Wartenden eine zweite Vorführung eingerichtet: Über 250 BesucherInnen fanden sich ein, um das Ergebnis der gemeinsamen Projektarbeit zu begutachten.

Der Film ist eine Selbstdarstellung der Lebenswelten einiger Cliquen. Er zeigt nur einen kleinen Ausschnitt der vielfältigen Jugendkulturen (aus 20 Std. Material wurden 30 Min. geschnitten) und kann dennoch eine Ahnung vermitteln von der kreativen Energie im Untergrund unserer Stadt. „Saarbrigge, du Geiler!" texteten High Risk Area zu einem jazzigen Hip Hop-Sound, den man so noch nicht gehört hatte.

Auf diesem wilden Experimentierfeld gedeiht die Kultur von Morgen. Dilnas, der 22 jährige Kameramann und Cutter in unserem Projekt, wird wohl aus seiner Leidenschaft eine Profession machen, ebenso wie manche andere auch. Der Grundstein in Sachen professionelle Filmarbeit ist somit gelegt.

Projektträgerin
label m – Werkstatt für Jugendkultur e.V.
gegründet: 2009
www.labelm.org

Ziele: Entwicklung des Potenzials benachteiligter Jugendlicher durch Kunst und Sozialarbeit, Förderung von Selbsterfahrung, Identität und Identifikation durch kulturelle Partizipation


Angebote: spartenübergreifende Medienprojekte, kulturelle Beteiligungsmöglichkeiten im Rahmen der Gemeinwesenarbeit, künstlerische Projekte zum Demokratieverständnis

Culture Clash: Die Entführung

Eine RapOper frei nach W. A. Mozart

Von Sabine Busmann

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Culture Clash

Rap meets Oper – Oper meets Rap. In einer ein-jährigen Projektphase haben 70 Jugendliche aus Hannover im Alter von 14 bis 20 Jahren, insbesondere aus sozial benachteiligten Verhältnissen, »Culture Clash: Die Entführung«, eine RapOper nach W. A. Mozarts Singspiel »Die Entführung aus dem Serail«, erarbeitet. Bei dem Projekt konnten die Verantwortlichen vom MusikZentrum die Staatsoper Hannover als Partner gewinnen, der die personelle (Orchester, Opernsänger) und materielle Infrastruktur einschließlich der Bühne für die Aufführungen bereitstellte – eine Kooperation, bei der beide Partner Neuland betraten.

Die Jugendlichen kamen aus den Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit in städtischer und freier Trägerschaft, von den Integrierten Gesamtschulen Linden und Kronsberg sowie der Paul Dohrmann Förderschule. Klassische Musik war ihnen bislang noch weitgehend fremd; gewonnen wurden sie über ihr Interesse für die Kombination von Bewegung und Musik. Je nach Neigung und Talent entschieden sich die Jugendlichen für Arbeiten an der Produktion zwischen den Bereichen Schauspiel, Gesang, Rap, Tanz sowie Bühnenbild und Ausstattung.

Die Proben fanden zu Beginn wöchentlich an ein und demselben Ort statt. Zunächst wurde im Training ein Eindruck von den beteiligten Jugendlichen gewonnen; zusätzlich sollten die Talente und Neigungen beobachtet und eine entsprechende Gruppenbildung in die Wege geleitet werden. Daraus entwickelten sich die Inhalte zur Stückbearbeitung für den Regisseur. Anschließend wurden die Wochenenden und auch die Ferien mit eingebunden und zusätzlich die Probenbühne des Opernhauses genutzt. Die Texte für den Rap wurden zum Teil selbst entwickelt, zum Teil wurden die Originalvorlagen in die moderne Zeit transferiert.

Durch die Verknüpfung von jugendkulturellen Musikrichtungen mit klassischer Musik wurden das Musikerleben und die Ausdrucksmöglichkeiten der Jugendlichen wesentlich erweitert. Zwei professionelle Opernsänger und eine Opernsängerin unterstützten die Jugendlichen mit ihrem Können auf der Bühne und brachten den TeilnehmerInnen die Welt auf der Bühne nahe. Alle beteiligten Jugendlichen hatten im Rahmen des Projekts zudem die Möglichkeit, sich für verschiedene Arbeitsfelder zu qualifizieren. Als Auszeichnung bekamen sie ein individuelles Abschlusszertifikat, 25 Teilnehmer erhielten zudem den »Kompetenznachweis Kultur«.

Die RapOper fand bei den insgesamt drei Auf-führungen mit jeweils 1.200 ZuschauerInnen einen sensationellen Anklang. Sie hat gezeigt, welche Potenziale bei den Jugendlichen vorhanden sind, und bewiesen, dass Rap eine Form ist, die Kinder und Jugendliche – insbesondere aus bildungsfernen Familien – anspricht. Die Staatsoper Hannover als Vertreterin der klassischen Musik kooperierte mit dem MusikZentrum Hannover als Experten für Popularmusik und dem Evangelischen Jugenddienst als Facheinrichtung der Offenen Jugendarbeit für eine vollkommen neue Zielgruppe und Stilrichtung: Durch die Vermischung von klassischer Musik mit HipHop und Rap fand eine Bündelung der Ressourcen statt, von der letztlich alle profitierten. Schließlich hat die Arbeit den Jugendlichen so viel Spaß gemacht, dass sie bereits ein Folgeprojekt ins Auge gefasst haben.

ProjektträgerIn

MusikZentrum Hannover gGmbH
gegründet: 1993
www.musikzentrum-hannover.de

Ziele: Förderung der hannoverschen Amateurmusiker und Unterstützung aller BürgerInnen, die an Musik interessiert sind

Angebote: Veranstaltungen, Proben-bühne, Tonstudio, Projektarbeit, Rockmobil, Musiktheater, Unterricht/Seminare/Workshops, Beratung/Layout-Service, Übungsräume

 

Das rasende Bauhaus

Inszenierung des Weimarer Marktplatzes

Von Susanne Steinmann

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Es war bereits die vierte soziokulturelle Großinszenierung aus dem Weimarer Kulturzentrum »mon ami«. Initiiert wurde sie von Helfried Schmidt, dem künstlerisch-pädagogischen Leiter der Einrichtung. Das grandiose Kulturspektakel ließ das Bauhaus-Jubiläumsjahr in der Heimstätte der deutschen Klassik bunt und bewegt ausklingen.

Das 1919 in Weimar gegründete Bauhaus war getragen vom Gedanken der vielfältigen Möglichkeiten der Gestaltung von Wohnen und Leben. Vor diesem Hintergrund verstand sich die Produktion des »rasenden Bauhauses« als gelebte Interdisziplinarität in einem soziokulturellen Schaffensprozess – und hob sich deshalb von zahlreichen hochkarätigen Ausstellungen und Veranstaltungen des Festjahres ab. Bespielte man in den vergangenen Jahren die repräsentative klassizistische Fassade des »mon ami«, wollte man beim »rasenden Bauhaus« erstmalig den Weimarer Marktplatz in seiner ganzen Dimension von Fläche, Raum und begrenzenden Hauswänden verzaubern und neu erfinden.

Das Spektakel fand an einem spätsommerlichen Wochenende im September 2009 statt. Auf verschiedenen Bühnen und den Balkonen, in Fenstern und auf den Dächern der Gebäude agierten etwa 180 DarstellerInnen, MusikerInnen, Chöre, SängerInnen, ArtistInnen und bildende KünstlerInnen. Hinter den Kulissen und mittendrin, unverzichtbar, waren 50 TechnikerInnen, HelferInnen und BetreuerInnen aktiv. Zentraler Spielort und Bühne war eine Kopie des als Weltkulturerbe geschützten sogenannten »Musterhauses am Horn«, in der Mitte des Marktplatzes als Traversenkonstruktion aufgestellt, die Wände durch eine dreidimensionale transluzente Leinwand geformt. Einem Füllhorn verwandt, entließ dieser Ort ausdrucksstark verschiedene Aktionen:

Tanz und Malerei, Bewegung spielte mit Form und Farbe, beflügelte oder störte, Schattenbilder und Artistik, Clownerie, Choreografie, Tanz und Musik ... Komposition und Experiment hielten die Balance. Weitere Bühnen, Videoboxen, Installationen und der Marktbrunnen bildeten die raumübergreifende Voraussetzung für verschränkendes Handeln: Alphornbläser im Dialog mit Bauchtänzerinnen, das Modetheater in den Fenstern inspiriert durch Oskar Schlemmer. Experimentelle Klang- und Videocollagen lösten Räume auf oder standen in Debatte mit Sprechchören und Liedgesang. Das nur scheinbar kunsthistorische Spektakel repräsentierte eine lebendige Schule der Ideen. Verächter und Spötter gab es auch vor 90 Jahren. Immerhin verließ das Bauhaus in den 20er Jahren Weimar und übersiedelte nach Dessau, was vom singenden Handwerkerchor entsprechend kommentiert wurde:

»Schaltet jetzt das Bauhaus ab, fort, ihr schlimmen Geister. / Geht nach Dessau, tragt zu Grab eure schlimmen Meister. / Weimar, das ist wahrer Ort, Klassik, Schiller, Goethe. / Bauhaus, Bauhaus muss hier fort, sind dann frei von Nöten«.

Die öffentliche Resonanz auf die abendliche Großinszenierung, zu der das Publikum in Scharen erschienen war, beeindruckte nicht nur die örtlichen PressevertreterInnen: »Der kreative Kraftakt vereinte viele, teils soziokulturelle Ensembles zu diesem großartigen Unsinn« (Thüringer Allgemeine Zeitung vom 14.9.2009). Am Ende war man rund-um zufrieden, nicht den bekannten Nöten ums Geld, sondern den spielfreudigen Wünschen aller Beteiligten Tribut gezollt zu haben. Die Verantwortlichen von »mon ami« hatten mit ihrem Mut zum Experiment mal wieder Recht behalten.

ProjektträgerIn

Jugend- und Kulturzentrum mon ami Weimar
gegründet: 1999
www.monami-weimar.de

Ziele: Organisation (jugend-) kultureller Veranstaltungen und soziokultureller Projekte unter Einbeziehung städtischer Initiativen und Vereine

Angebote: Monatliches Veranstaltungsprogramm (Lesungen, Musikveranstaltungen, Theater etc.), Kommunales Kino im Keller, Projektarbeit, Tagungen

 

Der Rosengarten – De Rozentuin

Ein deutsch-niederländisches Theaterprojekt über Widerstand in der NS-Zeit

von Dr. Michael Gander

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De Roztentuin

Die Geschichte der Verfolgung von Niederländern, die sich dem Arbeitseinsatz im nationalsozialistischen Deutschland zu entziehen suchten, verbindet die Gedenkstätte Augustaschacht im niedersächsischen Hasbergen mit dem niederländischen Nationaal Monument Kamp Amersfoort. Gemeinsam haben beide das Theaterprojekt »de Rozentuin – der Rosengarten« realisiert. An zwei Wochenenden lernten niederländische und deutsche TeilnehmerInnen aus drei Generationen die Orte und Geschichten der zwei Gedenkstätten kennen.

Aus dieser Auseinandersetzung entstand ein modernes Theaterstück mit Schauspiel, Tanz, Musik und Video, in dem SeniorInnen und Jugendliche aus beiden Ländern die Themen der beiden Gedenkstätten an den historischen Orten erzählen und darstellen. Sie wurden begleitet vom Amersfoorter Videokünstler Theo van Delft, der Choreographin Lenna Schouten und den Regisseuren Katrin Orth und Ralf Siebenand vom Osnabrücker Musiktheater Lupe.

Die Handlung basiert auf Erfahrungen der MitspielerInnen, Berichten deutscher und niederländischer ZeitzeugInnen und historischen Ereignissen. Im Mittelpunkt steht die Geschichte des Niederländers Henk, der in beiden Ländern inhaftiert war. In Szenen aus seinem Leben wurden weitere Ereignisse und Personen eingeflochten, die mit den beiden Lagern verbunden waren. Auch der gefürchtete Strafplatz des Amersfoorter Lagers, der so genannte Rozentuin (Rosengarten), fand Eingang in das Stück, in dem es letztlich darum ging, Menschlichkeit zu bewahren als Akt des Widerstandes.

Das von Vorurteilen nicht freie deutsch-niederländische Verhältnis war ebenfalls Thema, fand aber schnell eine passende Einschätzung. Senior und Mitspieler Heinz Niemann brachte es folgendermaßen auf den Punkt und formulierte ganz nebenbei seinen Gesamteindruck: »Niederländer und Deutsche passen nicht zusammen? Es passt sehr wohl zusammen, und wenn dann noch ein paar alte Leute dazukommen, ist es auch nicht schlimm. Doch dieses sprachliche Durcheinander von Niederländisch, Deutsch und Englisch war manchmal etwas anstrengend, aber ich glaube die Anstrengung hat sich gelohnt.«

Nach den ausverkauften Erstaufführungen in beiden Ländern im Herbst 2014 mit über 500 BesucherInnen waren die Medienberichte und Besucherreaktionen durchgängig positiv: »Der Rosengarten ist nicht in Klischees festgefahren, vor allem weil es klein gehalten wurde. Eine sehr starke Aufführung, eine Aufführung die berührt und bewegt, weil die Zuschauer mit Henk mitfühlen.« (Eempodium, Amersfoort)

BesucherInnen mit und ohne eigenen Erinnerungen an die Lager zeigten sich besonders davon beeindruckt, wie überzeugend die Jugendlichen die Geschichte der SeniorInnen an den historischen Orten darstellten: »Es war laut und leise, schnell und langsam, alt und neu, und so war die Grausamkeit, aber auch die Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit, die dort damals passiert ist und gelebt wurde, überall spürbar und verursachte mir immer wieder eine Gänsehaut.« (Nina, 9. Klasse, Zuschauerin)

Der große Zusammenhalt der TeilnehmerInnen führte zu sechs zusätzlichen Aufführungen in der Gedenkstätte Augustaschacht im April 2015, zu denen auch die niedersächsische Kultusministerin und der niederländische Generalkonsul in Düsseldorf zählten. So überrascht es nicht, dass am Projektende der feste Wunsch entstand, die wertvolle Zusammenarbeit in einem neuen Projekt fortzusetzen.

ProjektträgerIn

Gedenkstätte Augustaschacht e. V.
gegründet: 2000
www.gedenkstaetten-augustaschacht-osnabrueck.de

Ziele: historisch-politische Aufklärung über die Opfer des Nationalsozialismus in der Region Osnabrücker Land, bes. Beachtung der Niederländer als größte Gefangenengruppe des Arbeitserziehungslagers Ohrbeck der Gestapo

Angebote: Ausstellungen, Führungen, Workshops und Veranstaltungen, internationale Begegnungs-, Kunst- und Theaterprojekte zur NS-Geschichte und Erinnerungskultur vor allem für Kinder, Jugendliche und ältere Menschen

Fluchtpunkt Afrika

Theater als gespiegelte Wirklichkeit

von Edzard Schoppmann

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Baal Novo

Am Anfang stand die Frage: Was wäre wenn? Wenn Europa in wirtschaftliche Not geraten würde, krisengeschüttelt von Arbeitslosigkeit, Umweltkatastrophen, geplagt von Hunger, Kriegen, sich auflösenden Staaten? Wenn EuropäerInnen sich auf den Weg in den Süden machen und nach Afrika fliehen würden, einen reichen Kontinent, wo sie hoffen, Arbeit zu finden und eine Perspektive für ein menschenwürdiges Leben zu haben?

Die Idee war, die derzeitige Situation zu spiegeln, am sich wohlig eingerichteten Bewusstsein von Europäern zu rütteln, zu verunsichern. Die Ausgangsbehauptung war: Jeder kann in die Situation geraten, fliehen zu müssen. Wichtig war es den Theatermachern, dass diese Spiegelgeschichten auf der Bühne von Flüchtlingen, MigrantInnen und Deutschen erzählt werden als Beispiel für gelungene, selbstverständliche Integration. Indem die Rollen der Flüchtlinge von Deutschen übernommen wurden, sollte erreicht werden, dass Flüchtlinge ihrer Opferrolle abstreifen können.

Das Projekt mit mehr als einjähriger Laufzeit gliederte sich in eine Recherche-, eine Schreib- und eine Probephase. Anfangs erzählten die Flüchtlinge über sich, ihre Flucht und ihre Träume. Der Regisseur wollte, dass die deutschen TeilnehmerInnen, bewegt von den Flüchtlingsberichten, ihre eigene Flucht von Deutschland nach Afrika phantasierten, erfanden, aufschrieben. So entstanden sehr persönliche, authentische Prosatexte und Dialoge. Dieses Textmaterial wurde dramaturgisch bearbeitet, in Proben bebildert, chorisch und in Bewegung umgesetzt. Sehr eindrucksvoll war z.B. eine Szene, in der 15 SpielerInnen an der Rampe stehen, erst leise, dann immer lauter ins Publikum fordernd rufen: „Ich will arbeiten!" oder der provokante Schluss, als weiße SpielerInnen ihre Gesichter schwarz färben – und Schwarze ihre Gesichter weiß.

Während der Arbeit entstanden Freundschaften, Verantwortungsgemeinschaften, es wurde viel auch privat unternommen. Jeder Flüchtling hatte eine Paten, der ihm half, in seinem neuen Leben mit all den Schwierigkeiten zurechtzukommen. Es galt, die Flüchtlinge, die wie in einem endlosen Wartesaal zwischen Hoffen und Depression hin- und her schwankten, immer wieder neu zu motivieren.

Die zehn sehr gut besuchten Aufführungen lebten von der Ehrlichkeit und Authentizität der SpielerInnen, die, obwohl nicht professionell, eine große Kraft und Ausstrahlung auf die Bühne brachten. Das Publikum war betroffen, bewegt. Für das Theater BAAL novo, dessen Schwerpunkt professionelle interkulturelle Theaterarbeit ist, war das Jahr prägend, kostete gleichzeitig sehr viel Kraft und war doch künstlerisch und menschlich bereichernd.

Am Ende blieben aber auch viele offene Fragen, Zweifel, denen BAAL novo sich in weiteren Projekten stellen will: Was sind die Motive von Flüchtlingen? Wirklich nur Not? Nicht auch Abenteuerlust oder persönliche wirtschaftliche Hoffnungen, die Europa gar nicht erfüllen kann? Was passiert mit den Heimatländern der Flüchtlinge, wenn gerade die jungen Männer gehen? Können von islamischer Kultur geprägte Flüchtlinge integriert werden in ein Wirtschaftssystem, das sich über hohe Leistungsbereitschaft, hohe Qualifikation und Individualismus definiert? Kritische Fragen, denen Kunst und Soziokultur sich nach Meinung von Regisseur Edzard Schoppmann stellen muss. Man darf auf das nächste Stück des Theaters gespannt sein.

ProjektträgerIn
BAAL novo - Theater Eurodistrict
gegündet: 2005
www.baalnovo.com

Ziele: zeitgenössisches professionelles Theater für alle, Aufgreifen gesellschaftlich relevanter Themen mit künstlerischen Mitteln, Theater als Grenzgänger und Brückenbauer

Angebote: theaterpädagogische und soziokulturelle Projekte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Junges Theater, Theater der Migranten, Unternehmenstheater

flusswärts 05

Kunst und Kultur in der Leineaue

Von Klaus Grupe

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Mit flusswärts 05 wagte sich der bauhof hemmingen an ein völlig neues und umfangreiches Projekt: Die Landschaft der südlichen Leineaue in der Region Hannover sollte künstlerisch bearbeitet und erfahren werden. Die Verbindung von Kunst, Kultur und Natur sollte neue Vermittlungsformen für Kunst schaffen. Und man hoffte, damit eine stärkere Identifizierung der BewohnerInnen mit der Region zu fördern. Für die Realisierung des Projekts konnten viele FörderInnen gewonnen werden sowie zahlreiche KünstlerInnen, vorwiegend aus der Region Hannover.


Die bildnerische und objekthafte Auseinandersetzung mit der Leineaue bildete das Grundgerüst der fünfmonatigen Veranstaltungsreihe. An zum Teil ungewöhnlichen Orten fand ein anspruchsvolles Rahmenprogramm aus Musik, Literatur, Film, Hörspiel, Wanderungen und Workshops statt. Dabei kam dem Wasser als verbindendem Element die wesentliche Rolle zu. Wie beispielsweise bei der Lesetour auf einem Solarboot, das gemächlich über den Maschsee schipperte. Oskar Ansull trug Gedichte und Prosa rund ums Wasser vor. Maria Klemt spürte mit verschiedenen Instrumenten aus der Blockflötenfamilie den Klängen, Farben und Rhythmen des Sees nach. Oder das Hör-Picknick im Wasserwerk und der Landart-Workshop für Kinder und Erwachsene, bei dem allerlei Treibgut, Blätter und Blüten künstlerisch verwertet wurden…


Vorher musste jedoch zwei Jahre lang organisatorische Arbeit geleistet werden. Die ursprüngliche Idee einer Ausstellung mit dem Thema Leineaue hatte schnell neue Formen angenommen. Unter anderen mit BildhauerInnen einer benachbarten Ateliergemeinschaft schmiedete das Programmteam des bauhofs Pläne, Kunst auch in der Landschaft zu platzieren. Es mussten zahlreiche schlaflose Nächte wegen der Finanzierung überstanden werden und das Team arbeitete bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Nicht zuletzt musste sichergestellt werden, dass das Projekt das Landschaftsschutzgebiet nicht über Gebühr belastet. Nachdem eine zeitliche Befristung zugesichert worden war, erteilten die Behörden die Genehmigungen. Am Ende waren sich alle einig: Es hat sich gelohnt!


Highlights waren die Kunstwerke in der Landschaft. Ein 20 Tonnen schwerer Granit wurde aus dem Harz mit Sattelschlepper und Kranwagen an seinen Platz nahe einer Kiesgrube geschafft. Anschließend konnten PassantInnen den Entstehungsprozess des Hemminger Tors durch den Künstler Paul Hoffmann mitverfolgen. Im Volksmund wurde der Stein bald liebevoll Baggerzahn genannt. Er ist inzwischen zum Wahrzeichen für das Kunstprojekt flusswärts 05 geworden. Aber auch der mit heimischen Materialien errichtete Pfahlbau von Burkhard Bumann-Döres stellt eine interessante Symbiose zwischen Kunst und Landschaft her. Ebenso wie Die Spur der Steine von Fokko Brants - eine Bearbeitung in der Natur vorhandener Gesteinsbrocken.
Auch die Medienresonanz war außergewöhnlich: Das Projekt fand nicht nur in den lokalen Zeitungen Beachtung, sondern auch im Feuilleton der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Damit hat es nicht nur den Bekanntheitsgrad des kulturvereins bauhof hemmingen gesteigert. Es hat allgemein der kulturellen Arbeit überregional Anerkennung verschafft.

ProjektträgerIn:

Kulturzentrum bauhof hemmingen e.V.
gegründet: 1999
www.bauhofkultur.de

Ziele: Umwandlung eines ehemaligen städtischen Bauhofs in ein Kulturzentrum
Angebote: Musik, Theater, Comedy, Bildende Kunst, Literatur, interkulturelle Projekte

Grenzfälle *

Deutsch-deutsche Grenzgeschichte

von Volkert Matzen

* Hauptpreisträger des Innovationspreises Soziokultur zum Thema »Kulturarbeit jenseits der Metropolen«

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25 Jahre nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs" beschäftigte sich das Theater Kulturkate mit dem Thema „Grenzfälle". Etwa 40 Menschen aus Ost- und Westdeutschland, Laien und professionelle KünstlerInnen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene erprobten kreative Ausdrucksformen zum Thema Grenze und führten das Theaterstück „Die vergessene Brücke" auf einer schwimmenden Bühne auf. Ausgangspunkt der inhaltlichen Auseinandersetzung war die Elbe, der Fluss, an dem im „Dreiländereck" von Niedersachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern einmal die Grenze zwischen zwei Weltanschauungen verlief.


Das Projekt setzte einen Schwerpunkt auf die künstlerische und inhaltliche Zusammenarbeit von unterschiedlichsten Menschen aus der Region. Gemeinsam wurden historische Themen recherchiert, diskutiert und persönliche Schicksale zusammengetragen. Dabei wurde das Phänomen „Grenze" von verschiedenen Seiten her beleuchtet: Die politische Grenze ist aufgehoben, aber was bedarf es, um soziale und kulturelle Grenzen zu öffnen? Und wie kann durch Kreativität und individuelle menschliche Annäherung eine Sprache entstehen, die Grenzen zwischen Kulturen, Generationen und sozialen Schichten öffnet? Welche Auswirkungen haben Eingrenzung und Ausgrenzung auf die betroffenen Menschen?


Neben den Proben wurden Gespräche, Umfrageaktionen, Schulprojekte und diverse andere Aktivitäten durchgeführt: In einer Schulklasse wurde quer durch das Klassenzimmer ein blaues Tuch (die Elbe) gelegt, das tagelang nicht überschritten werden durfte. Nach anfänglicher Begeisterung der SchülerInnen für dieses Spiel wuchs nach kurzer Zeit der Unmut darüber, dass man nicht mehr zu seinen Freunden durfte und endete tatsächlich in einer „friedlichen Revolution". Die Aktion wurde dokumentiert und in einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert.


Eine weitere Projektgruppe widmete sich den Zeitzeugen. Gespräche und Treffen mit einem über die Elbe Geflüchteten beindruckten vor allem die jüngeren TeilnehmerInnen und weckten bei ihnen das Interesse, mehr über die Zeit der deutschen Teilung zu erfahren. Die Befragungen bewegten zudem weitere Zeitzeugen, ihrerseits von ihren Erfahrungen zu berichten. Der entstandene Kontakt hat inzwischen zu fortlaufenden Zeitzeugengesprächen in den Schulen der Region geführt.


Den Projektverantwortlichen war es zudem wichtig, 25 Jahre nach dem Mauerfall etwas über die deutsch-deutsche Befindlichkeit heute herauszubekommen. Kinder und Jugendliche führten daher bei den verschiedenen Veranstaltungen Umfragen im Publikum durch und stellten fest, dass es unter den 14- bis 25-Jährigen kaum noch Vorurteile zwischen „Ossis" und „Wessis" gibt.


Die Teilnehmenden wurden für das historische Thema der innerdeutschen Grenze sensibilisiert und haben sich intensiv mit den inhaltlichen Grundlagen befasst. Die Ergebnisse wurden künstlerisch verarbeitet und flossen in die Stückentwicklung ein. 15 Aufführungen an 5 historischen, symbolischen Orten beiderseits der Elbe fanden schließlich am Verlauf der ehemaligen Grenze vor weit mehr als 3.000 ZuschauerInnen statt. Die intensive gemeinsame Arbeit begünstigte eine hohe künstlerische Qualität und führte zu einem Zusammenwachsen des sehr heterogenen Ensembles. Dabei regte das Theaterstück zu kontroversen Diskussionen an und fand bei Publikum und Presse große Anerkennung. Die in diesem Prozess aufgeworfenen Fragen werden ganz sicher bei allen Beteiligten nachwirken.

ProjektträgerIn
Theater Kulturkate e.V.
gegründet: 1998
www.kulturkate.de

Ziele: Verankerung und Förderung von Theaterarbeit im ländlichen Raum, spielerische Auseinandersetzung mit gesellschaftsbezogenen Themen


Angebote: Theater in ländlicher Region; Freilichttheater, Kindertheater, Schulprojekte, Workshops, Sommerfeste, Familienfeiern, Betriebsausflüge, Projekte zur Gewaltprävention

Hajusom in Bollyland *

Musiktheater von und mit jungen Flüchtlingen und Migranten

Von Dorothea Reinicke

* Gewinner des Innovationspreises Soziokultur zum Thema »Kulturelle Strategien und soziale Ausgrenzung«

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Hajusom in Bollyland

Die Formensprache der populären Bollywoodfilme zum Ausgangspunkt der neuen Produktion zu machen, wurde auf einer Ensembleversammlung von Hajusom einstimmig beschlossen. Negar brachte es auf den Punkt, warum gerade für MigrantInnen und Flüchtlinge dieses Genre großen Reiz hat: »Ich habe kein Heimatland, es kann nicht Iran, es kann auch nicht Deutschland sein. Aber es gibt Orte für mich, die ein zu Hause sind – z. B. Bollywood. Da wird durch verschiedene Vehikel das Unmögliche möglich. Total übertrieben gespielte Emotionen sind so ein Vehikel.«

Jenes utopische Potenzial der Filme und das Thema der Emotionen überzeugten auch die künstlerische Projektleitung, unter dieser Vorgabe ihr Konzept umzusetzen: Jugendliche Flüchtlinge der »Shooting Stars«, der Hajusom-Nachwuchsgruppe, sollten in kontinuierlicher Arbeit mit KünstlerInnen unterschiedlicher Genres ein Stück entwickeln, das ihre Lebenswelten einem großen Publikum vermittelt. Nach zunächst getrennten Probenarbeiten sollten sie am Ende gemeinsam mit den jungen erwachsenen »alten Hasen« des erfolgreichen Ensembles erstmals auf der Bühne stehen.

Im insgesamt eineinhalbjährigen künstlerischen Prozess entstand im Frühjahr 2011 schließlich eine Performance, für die sie mit ihren Texten über Armut und Gewalt, Flucht und Exklusion, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und einer Welt ohne Krieg die wichtigsten Versatzstücke lieferten. Sie wurden eingewoben in die Welt Bollywoods – zitiert durch farbenprächtige Choreografien und O-Töne melodramatischer Szenen.

Gemeinsam mit der indischen Tänzerin und Choreografien Varsha Thakur gingen die 20 jungen DarstellerInnen ebenso wie das Publikum in der 90-minütigen Performance durch ein Wechselbad der Gefühle, deren Abfolge einem alten indischen Regelwerk folgte.

Die Umsetzung der »Rasa-Theorie« – dem Erleben von Liebe, Komik, Kummer, Heldentum, Angst, Ekel, Wut und Staunen – erwies sich nicht nur in ihrer Wirkung auf das begeisterte und berührte Publikum, sondern auch für den Arbeitsprozess im Probenraum als eine Art magischer Schlüssel, der die Performer persönlich öffnete zu einer außergewöhnlich harmonischen, vertrauensvollen Arbeitsweise mit großem Engagement und voll hoher Energie. Daneben war das Mittel der Live-Musik ein weiterer wichtiger Faktor. Der von den gegensätzlich geprägten MusikerInnen gemeinsam kreierte Sound von Bollyland – die klassische indische Sitar trifft auf wummernde Beats und Samples – hat die Performance auf entscheidende Weise mit getragen und den AkteurInnen einen sicheren und coolen Halt auf der Bühne gegeben.

Hoffnungslos ausverkaufte Vorstellungen auf Kampnagel mit insgesamt fast 1.900 ZuschauerInnen, die Einladung auf mehrere Festivals, das riesengroße, bundesweite Echo in den Medien und schließlich der Gewinn des Innovationspreises Soziokultur erfüllen heute alle TeilnehmerInnen mit großem Stolz und neuem Selbstbewusstsein. Sahar aus dem Iran: »Die Proben waren ganz schön anstrengend zum Schluss, aber es hat sich gelohnt. Wir sind jetzt Künstler.«

Die Shooting-Stars sind durch Bollyland zu alten Hasen geworden und bei der neuen Produktion zum Thema »Paradies Europa« mit Premiere im Jahr 2013 alle wieder mit dabei. Ousmane aus Guinea: »Alles glücklich. Für mich in Bollyland ist gut gelaufen. Viele Leute kennen gelernt. In Hajusom habe ich eine neue Familie. Ich bin glücklich mit Hajusom. Bleibe dabei.

ProjektträgerIn

Hajusom e. V. – Transnationales Kunstprojekt
gegründet: 1999
www.hajusom.de

Ziele: Empowerment junger Flüchtlinge und MigrantInnen durch Kunst, Entwicklung von internationalen Theatermodellen

Angebote: Performance-Nachwuchsarbeit mit jungen Flüchtlingen; Mädchengruppe / Tanz; Musik-Band; Ensemble HAJUSOM; Beratung /  Mentoring; Kooperation mit PsychologInnen, Anwälten

 

Her(t)zlich hören und sehen!

Von Schauspielbrettern und Sprechkünstlerstimmen im Radio

von Angelina Urbanczyk

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Es war das „Seepferdchen" für zwei junge Thüringer Studentinnen aus dem Soziokultur-Anfängerschwimmkurs. Mit „Her(t)zlich hören und sehen!" haben Katharina Gerlach und Angelina Urbanczyk, die Initiative Junges Theater Erfurt, ihr erstes Projekt gestartet. Mit einem äußerst ambitionierten, aber dennoch erfolgreichen Programm: Von November 2014 bis Juni 2015 brachten sie ExpertInnen aus der regionalen Kulturpraxis mit SchülerInnen der fünften bis achten Klasse der Theater-AG des Heinrich-Hertz-Gymnasiums Erfurt zusammen.

Das erste gemeinsame Etappenziel: Ein Theaterstück selbst schreiben und den eigenen Text spielen. Dabei im Fokus: Wer und was ist alles wichtig für eine Geschichte? Wie funktioniert sie? Was denkt meine Figur und wie geht, steht und spricht sie? Durch Schreibübungen und Spiele wurden nach langen Unterrichtstagen einmal pro Woche letzte Kräfte mobilisiert. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: ein Stück über kriminelle Netzwerke, Drogenkonsum und -handel, Mafia und Polizei mitten in der Landeshauptstadt Erfurt, das unter dem Titel „Emily und Luca" zu den 24. Erfurter Schultheatertagen im März 2015 im Theater „Die Schotte" aufgeführt wurde. Und die Erkenntnis: „Man kann und muss nicht immer gleich alles perfekt machen."

Nach dem Schreiben und allerhand Übungen, die Mut und Spontanität von den Kindern forderten, folgte ohne Erholungspause der zweite Teil des Projektes: das Theaterstück als Hörspiel aufnehmen – ein den Kindern noch völlig unbekanntes Pflaster. Über weite Teile des zweiten Schulhalbjahres lag der Fokus somit auf Sprache, Stimme und Sprechausdruck. Der für das Hörspiel umgearbeitete Text, die der Teilnehmerfluktuation geschuldete Neuverteilung der Rollen und die Tatsache, hinter dem Mikro die Stimme als einziges Ausdrucksmittel zu haben, waren dabei die größten Herausforderungen. Nicht zu vergessen: mit anderen im Studio auch mal still sein zu müssen. Das Durchhaltevermögen der Kids wurde am Ende mit den professionellen Aufnahmen im Radio F.R.E.I. belohnt – laut Feedback das Projekthighlight schlechthin! Über den Sender ging das Hörspiel „Kreisrund – Ein Erfurt-Krimi" dann Mitte Februar 2016 im Programmangebot „Jugendzeit".

Die Kinder haben, durch die ExpertInnen begleitet und unterstützt, einen eigenen kreativen Prozess von der Idee bis zum fertigen Produkt verfolgt. Leere Räume mit eigenen Gedanken und Ideen zu füllen, Vertrauensspiele zuzulassen, sich in Stimm- und Atemübungen auszuprobieren, in der Rolle eines Sprechkünstlers den eigenen Körper und die Stimme (neu) zu entdecken, Eigeninitiative und Durchhaltevermögen zu zeigen und die eigene Bedeutung in der Gruppe, all das war Teil ihrer Erfahrung. Der Effekt: Sie sind merklich aus sich herausgegangen, teilweise sogar über sich hinaus gewachsen und forderten trotz des langen und intensiven Prozesses eine Fortsetzung.

Und die beiden Leiterinnen? Auch wenn die Junge Kulturinitiative bei der Vielzahl an neuen Spielregeln, unvorhergesehenen Planänderungen und sich wandelnden Aufgaben immer wieder ins Schwimmen gekommen ist, hat der Hechtsprung ins nasse Kühl abgehärtet und nicht abgeschreckt. Das Duo – nun mit einem absolut synchronisierten Kraul- und Arbeitsrhythmus ausgestattet – hat sich vorgenommen, beim nächsten Projekt vielleicht auch Bronze zu schaffen und arbeitet dafür in heimischen Kiesgruben bereits an einer neuen Kür.

ProjektträgerIn

Initiative Junges Theater Erfurt
gegründet: 2014

Ziele: Förderung individueller Stärken und Umsetzung eigener Ideen durch theaterpädagogische Arbeit, Schulung der eigenen Körpererfahrung, Entwicklung von Kritikfähigkeit und Teamfähigkeit


Angebote: Einzel- und Gruppenunterricht in den Bereichen: Sprecherziehung, Sprechkunst, Hörspiel, Theater, kreatives Schreiben, Deutsch als Fremdsprache

KLANGSPORT Revue

KLANGSPORT ist Musik, Sport, Kunst oder auch eine Philosophie ...

Von Marina Sahnwaldt

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Klangsport

Beim ersten Hinhören weckt der Begriff Irritationen. Doch das Anliegen ist ganz einfach. Im KLANGSPORT wird die Geräuschkulisse, die sich beim Hallensport natürlicherweise und unwillkürlich ergibt, zu Musik. Diese Musik will allerdings entdeckt werden.

Der Komponist John Cage hat in der Musik der 20er Jahre dem Moment der Stille einen eigenen Platz eingeräumt. So bekamen die umgebenden Geräusche eine ganz neue Dimension. Die Aufmerksamkeit des Konzertpublikums wurde damit auf akustische Beiläufigkeiten gelenkt. Dieser Grundgedanke kann auch auf die Klangmöglichkeiten des Sports angewendet werden. Damit eröffnet sich eine akustische Entdeckungsreise durch den Hallensport.

Drei etablierte Musiker und weitere KünstlerInnen arrangierten gemeinsam mit AkteurInnen aus Sport, Musik und Theater aus der Geräuschkulisse, die sich beim Hallensport ergibt, eine Komposition. Der Percussionist Stephan Froleyks untersuchte die Rhythmen im Sport und entschied, das Wilde, Ungestüme und somit das Ungeordnete in seinen Klangbausteinen aufzugreifen. Markus Kuchenbuch interessierte sich als Blasinstrumentalist für den Atem, der von SportlerInnen und MusikerInnen gleichermaßen von großer Bedeutung ist. Der Sounddesigner Kai Niggemann schließlich wollte die stillen, unscheinbaren Töne durch Mikrophone hörbar machen.

Nach ersten musikalischen Überlegungen kündigt das Leitungsteam zweimal wöchentlich ein Schnuppertraining in der Lotharringer Sporthalle in Münster an. Hier empfängt Kai Niggemann die Interessierten mit einem »Ear-Cleaning«. Ziel ist es, den TeilnehmerInnen die akustischen Reize einer Sporthalle näher zu bringen. Anschließend beginnt Dennis, der das Projekt aus sportlicher Sicht über den Landessportbund begleitet, mit einem Aufwärmtraining. Und damit beginnen auch schon die ersten Klänge: das Trippeln von Gymnastikschuhen, das Prellen von Basketbällen und Quietschen von Turnschuhen auf dem Hallenboden; schließlich klackernde Tischtennisbälle, schlagende Hockeyschläger, dazu das Schieben der bekannten blauen Sportmatten.

Im Laufe von zwei Monaten findet sich ein buntes, 20-köpfiges Ensemble von Azubis, HandwerkerInnen, RentnerInnen, SchülerInnen, Hotelfachfrauen, Versicherungskaufleuten, AkademikerInnen und MusiktherapeutInnen im Alter von 12 – 65 Jahren zusammen. Nun arbeiten die Musiker mit den frisch gebackenen KLANGSPORTLERINNEN an ihren Kompositionen. Das Ensemble ist engagiert bei der Sache.

Die Journalistin Sigrun Damas begleitet die Proben; es entsteht dabei das Feature »Sinfonie in Turnschuhen« für das Deutschlandradio Kultur sowie ein Dokumentarfilm von Michael Spengler. Bei den Proben werden nach und nach so genannte Klangbausteine kreiert, die in der Gesamtpartitur ihren Platz finden. Ende April 2009 moderiert Jan Sturmius Becker alias Sturmvater Jan die Uraufführung der KLANGSPORT Revue vor einem neugierigen Publikum. Weitere Aufführungen in der Region folgen. Alle treffen auf ein begeistertes Publikum.

KLANGSPORT eröffnet eine Vielzahl von faszinierenden Möglichkeiten und ist eine Herausforderung für SportlerInnen, MusikerInnen und Publikum. Gemeinsam mit der Sportjugend des Landessportbundes NRW soll die neue Disziplin weitergeführt, ausgebaut und schließlich im sportlichen und musikalischen Angebot etabliert werden. Noch nie war Sport musikalischer...

ProjektträgerIn

theaterformen
gegründet: 2006
www.theaterformen.com

Ziele: Integration von künstlerischer Arbeit in politische, pädagogische, soziale und sportliche Strukturen und Institutionen, Themen mit theatralen Mitteln einen Ausdruck geben

Angebote: Experimentelle Projekte; Zusammenarbeit mit wechselnden KünstlerInnen, Kulturschaffenden und ExpertInnen verschiedener Themengebiete

 

RapLab

Beats & Bilder aus deinem Block

von Robert Hillmanns

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„In Düsseldorf werden die Villen knapp", titelte 2013 die Rheinische Post. Da war es wieder, das typische Bild von Düsseldorf als einer reichen „Schicki-Micki"-Stadt, geprägt von Altstadt und Königsallee. Doch wie sieht das Leben in den Stadtteilen aus? Dieser Frage gingen Jugendliche zwischen 16 und 23 Jahren im Projekt RapLab nach. In zwei professionell angeleiteten Workshops erarbeiteten sie Rapsongs und eine Videoinstallation zu fünf Düsseldorfer Stadtteilen und brachten zum Abschluss alles in einem multimedialen Abschlussfestival auf die Bühne.

Ein wesentliches Ziel von RapLab war Dezentralisierung: Das Düsseldorfer Zentrum für Aktion, Kunst und Kultur (zakk) arbeitete dafür außerhalb der eigenen Wände, vor Ort in Stadtteilen, die oft ausgeblendet werden. Über die kulturellen Ausdrucksformen Rap und Video sollte den Jugendlichen dort eine authentische Stimme verliehen, sie zu einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrem Lebensumfeld angeregt und künstlerisch das Lebensgefühl vor Ort wiedergegeben werden.

RapLab entstand als erste Kooperation zwischen der Filmwerkstatt Düsseldorf, einer eher künstlerisch ausgerichteten Einrichtung, und dem soziokulturellen Zentrum zakk, um neue Experimentierräume zu erforschen. Es ging auch um die Frage, wie Rap und Videokunst gleichberechtigt miteinander verbunden werden können. Deshalb war das Ziel der Filmgruppe nicht etwa, Musikvideoclips zu den Songs zu erarbeiten, sondern eigenständige künstlerische Videoarbeiten, die in einer Installation zusammengefasst wurden. Da die Filmwerkstatt eine andere Klientel von Jugendlichen anspricht als das zakk, konnten neben unterschiedlichen Kunstformen auch verschiedene Stadtteile, Jugendszenen und soziale Milieus zusammengebracht werden.

Ein Problem stellte die TeilnehmerInnenakquise der Rap-Gruppe dar. Es gab nur wenige Orte oder Veranstaltungsformate, um für das Projekt zu werben. So musste der Außenblick auf einige Stadtteile in die Songs und Videos einfließen, da nicht genügend TeilnehmerInnen aus den Stadtteilen gefunden werden konnten. Eine Gleichwertigkeit zwischen Video und Musik auf der Bühne herzustellen, war eine weitere Herausforderung. Die Videoinstallation sollten nicht nur als „Beiwerk", sondern als eigenständiges Format wahrgenommen werden. Deshalb wurde die Installation auf fünf raumfüllende 4x3m Leinwände in der zakk-Halle projiziert und die BesucherInnen zum Einlass mit aufgenommenen Straßengeräuschen beschallt.

Im Rückblick ist es mit RapLab gelungen, die sehr heterogene TeilnehmerInnengruppe für ihr Umfeld und für politische Themen zu interessieren. Das zeigen nicht nur die entstandenen Songtexte und Videos, sondern auch das neue politische Engagement nach Abschluss des Projekts. Als Gruppe traten die TeilnehmerInnen der Rap-Gruppe u.a. beim „beats against racism"-Festival auf und veröffentlichten eigene politische Songs. Insgesamt waren das Projekt und die gut besuchte Abschlussveranstaltung ein weiterer Entwicklungsimpuls für die lokale Rap-Szene, den das zakk aber aufgrund beschränkter Ressourcen nicht sofort aufnehmen konnte.

RapLab hat den Bedarf der lokalen Szene nach Treffpunkten und Austausch aufgedeckt. Deshalb will das zakk seine diesbezügliche Arbeit fortsetzen. Die Kooperation mit der Filmwerkstatt hat sich hingegen schon verstetigt.

ProjektträgerIn
zakk gGmbH
gegründet: 1977
www.zakk.de

Ziele: „Kultur für und von alle(n)" durch kulturelle Teilhabe, Partizipation und Akzeptanz, interkulturelle Öffnung und Schaffung von Freiräumen im städtischen Kulturleben


Angebote: Wort & Bühne (Literatur, Kabarett), Musik, Kunstprojekte, Veranstaltungen zu politischen Themen, Interkultur als Querschnittsaufgabe, Flüchtlingscafé, Disco

 

Robin Hut_der Retter der Baumkrone

Landschaftstheater im Südschwarzwald

von Arnd Heuwinkel

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Häg-Ehrsberg im Südschwarzwald, gelegen zwischen Basel und Freiburg, 860 m über dem Meeresspiegel, 841 Einwohner. Im Jahr 2011 ist hier ein Theaterverein entstanden, der vieles erreichen wollte: Theater auf dem Land spielen, Menschen mit und ohne Theatererfahrung zusammenbringen, dem Ort den Makel der Provinz nehmen, aus dem Muff des traditionsbehafteten Bauerntheaters ausbrechen...

Wie an vielen Orten in Deutschland entstand auch hier zunächst ein gemeinnütziger Verein, der sich allerdings zur Aufgabe gemacht hatte, an theaterfernen Orten, zusammen mit Profis und „Laien", ein Theater zu etablieren, welches die durch Traditionen geprägte Region durch zeitgemäße Inhalte reformieren könnte. Und das auf einem Berg. Die Gründer gaben daraufhin ihrem Verein den Namen „Theater in den Bergen". So konnte zusammen mit den BewohnerInnen des Dorfes ein Genre etabliert werden, das zukünftig maßgeblich die Vereinsarbeit bestimmen sollte: das Landschaftstheater.

Bei dieser Art des Theaters hat das Publikum keine festen Sitzplätze, sondern wandert mit den Mitwirkenden durch Wälder, Felder oder Dörfer. Mit einem Klapphocker ausgerüstet, geht es zu Fuß von Station zu Station immer wieder zu einem neuen „Bühnenbild", das hier die Landschaft verkörpert, dem Finale entgegen. Inhaltlich sind die Stücke, die zwischen drei und vier Stunden dauern, an der Populärkultur und regionalen Geschichten orientiert. So entstand nach einem Dorfkrimi im Jahr 2011, eine Zeitreise und schließlich das Projekt „Robin Hut, der Retter der Baumkrone".

Ausgehend von den idealen Bedingungen des Schwarzwalddorfes mit seinen Wäldern sollte 2015 ein Stück realisiert werden, das zwar die Geschichte eines jungen Helden erzählt, der gegen das Unrecht kämpft, allerdings mit dem Anspruch, zeitbezogene Inhalte in der Handlung zu thematisieren. „Robin Hut, der Retter der Baumkrone" handelte folglich von einem modernen Helden, der in Strumpfhosen Green Peace gründet, gegen die Verdummung seiner Mitmenschen ankämpft und die verschlungenen Wege von Briefkastenfirmen der Regierung aufdeckt.

Dabei wurden altersspezifische Rollenzuschreibungen auf den Kopf gestellt. Kinder spielten „das Böse", Frauen spielten Männer und die typischen Helden waren so gar nicht männlich. Der regionale Dialekt wurde dabei betont. Nicht, um der Mundart willen, sondern um den SpielerInnen ein größeres Selbstbewusstsein zu ermöglichen. Wer redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, der fühlt sich wohl und muss nicht versuchen, sich zu verstellen.

Nachdem in den ersten Inszenierungen hauptsächlich BürgerInnen aus dem beschaulichen Bergdorf Häg-Ehrsberg mitgewirkt hatten, öffnete sich das Theater in den Bergen 2015 auch für InteressentInnen aus Orten der näheren Umgebung. Die MacherInnen sehen sich nicht zuletzt als ReformerInnen des folkloristischen Bauerntheaters, die einen neuen Begriff des Volkstheaters entwickeln wollen. Dabei stehen der künstlerische Anspruch und die Bereitschaft, sich mit eigenen Vorschlägen einzubringen, im Vordergrund.

Das Gemeinschaftswerk von Kindern und Erwachsenen, Laien und Profis ließ das Theaterprojekt zu einem sozialen Erlebnis werden, in dem alle gleichermaßen angesprochen und inszenierter Teil der Landschaft wurden; sowohl auf der Seite der ZuschauerInnen wie auch auf der der SchauspielerInnen. Allen Beteiligten hat die Arbeit an Robin Hut so viel Spaß gemacht, dass schon das nächste Stück in Planung ist.

 

ProjektträgerIn

Theater in den Bergen e.V.
gegründet 20011
www.theaterindenbergen.de

Ziele: Zusammenführung von Menschen unterschiedlichen Alters, Dekontextualisierung von Alltagsorten zur Neuerfahrung, Gewährleistung eines Kulturangebots im ländlichen Raum


Angebote: Jährliche Realisation eines Theaterprojekts mit Möglichkeiten zur Partizipation ohne Altersbeschränkung

Spinozas Garden

Schauspiel an historischen Orten

von Lennart Scholz, Svenja Käshammer

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Spinozas Garden

Anfang 2014 gründeten junge Menschen als Plattform zukünftiger gemeinsamer Projekte das Künstlerkollektiv »Theater-vision 2.0«. Bereits wenige Monate später bevölkern 22 junge AkteurInnen zwei Wochen lang die verlassene ehemalige Landesirrenanstalt am Domjüchsee bei Neustrelitz (MV) und entwickeln einen dreistündigen Theaterparcours. Die Auseinandersetzung mit der Philosophie Spinozas rahmt die Betrachtung des Anstaltslebens in den 1920er Jahren ein. Es entsteht eine virtuose Geschichtsbegehung und -betrachtung.

»Spinozas Garden« ist zunächst nicht mehr als eine Vision. Es wird recherchiert, gesponnen, diskutiert. Anträge werden gestellt, die Kooperation mit dem Verein zum Erhalt der Domjüch aufgebaut, Kontakt in der Region zu dem Kunsthaus Neustrelitz geknüpft. Plötzlich ist es Sommer. Vor den AkteurInnen liegt die ehemalige Anstalt als künstlerische und menschliche Herausforderung: ab sofort Bühne, Wohn- und Arbeitsraum zugleich. Vor ihnen oszillieren die Themenfelder Spinoza, Psychiatrie, die 1920er Jahre, die düsteren Vorzeichen des Nationalsozialismus und mit ihnen die Gräuel der Euthanasie.

Gecoacht von Folke Witten erhält das junge Kollektiv Anregungen, keine Direktiven. Der freischaffende Künstler und Theaterpädagoge vermittelt sowohl ästhetische als auch inhaltliche Eckwerte, aber kein Korsett. Etabliert werden ab dem ersten Tag Verantwortung, keine Hierarchien. Das beginnt beim Ab-wasch und endet bei der dramaturgischen Koordination der entstanden Arbeiten.

Inspiriert von dem Ort, durch Impulsvorträge der TeilnehmerInnen und einer Sammlung aus Büchern, Zitaten und Texten entsteht eine Flut an Dialogen und Szenen. Täglich finden Kleingruppen neu zusammen, entwickeln Bilder, Szenen, Videomaterial, Tänze. Figuren werden zum Leben erweckt und treten miteinander in Beziehung. Handlungsstränge entstehen, beeinflussen sich, fließen ineinander.

Der Ort, das Konzept, das Kollektiv schaffen einen Freiraum, in dem es möglich wird, dass jede Idee, und sei es nur der Schatten einer Figur oder der Beginn eines Dialogs, mit Hilfe sich ständig neu einander zuordnenden Menschen zu etwas Greifbarem, Verhandelbarem wird. Zwei Wochen vergehen wie im Flug. Die Vernetzung in der Region und Kontakte zur örtlichen Presse sind erfolgreich, über 100 Gäste tummeln sich zur Präsentation am 1. August 2014 auf dem Parkplatz der ehemaligen Anstalt und werden in eine opulente Collage gezogen: Die Anstalt der 1920er Jahre, ihre Angestellten und Insassen erwachen zum Leben. Immer wieder durchdrungen und gespiegelt von Spinoza und seiner Philosophie.

»Spinozas Garden« wird zur Auslotung von Potenzialen der kulturellen Nutzung an schlummernden Orten, ein Stück Bild gewordene Geschichte und sinnliche Suche nach dem, was den Menschen damals und heute ausmacht. Schauspieler Janosch Amtenbrink bringt rückblickend seine emotionale Betroffenheit folgendermaßen auf den Punkt: »Im Projekt ›Spinozas Garden‹ habe ich gelacht, gelitten wie ein Hund, war berauscht, war meinen inneren Themen und denen unserer Welt unglaublich nah.«

Für die beteiligten AkteurInnen ist »Spinozas Garden« keine Vision mehr. TheaterVision 2.0. hat sein erstes Stück inszeniert und dabei eine ganz neue Form der geschichtlich orientierten Theaterarbeit entdeckt. Im Sommer 2015 wird mit »Fallada oder die Kunst, ein unperfektes Leben zu führen« die theatrale Spurensuche fortgesetzt.

ProjektträgerIn

TheaterVision 2.0
gegründet 2014
https://theatervision.wordpress.com/

Ziel: Entwicklung innovativer theatraler Spielformen im öffentlichen Raum, Aufgreifen aktueller gesellschaftspolitischer Themen in ihrem historischen und sozialen Kontext

Angebote: theater- und kunstpädagogische Projekte außerhalb eines in sich geschlossenen Kunstbetriebes, Performances, Installationen, Diskurse im öffentlichen Raum

Sprechende Steine

Ein akustischer Stadtteilrundgang

Von Thomas Farken/Florian Schetelig

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Stellen Sie sich vor, Sie gehen eine Straße entlang und hören plötzlich Klänge, ein Wispern, etwas, das nicht zu den Lauten der Straße gehört. Sie werden neugierig, suchen den Klangursprung, finden ihn und sind erstaunt: Je näher Sie herangehen, desto deutlicher wird der Klang, der wie von Geisterhand in Sprache übergeht. Sie haben einen »Sprechenden Stein« entdeckt! Er erzählt Ihnen die Geschichte des Ortes, an dem sie stehen, und die seiner BewohnerInnen. Am Ende schickt er Sie auf die Suche nach dem nächsten Stein.

Denn so’n oller Leipziger Stadtteil wie Eutritzsch hat ’ne Menge Geschichten zu erzählen. Uralte, zum Teil verfallene Gewerbegebiete, eine über 400 Jahre alte Schule, eine malerische Kirche im alten Dorfkern, ein traditionsreiches Krankenhaus, das GeyserHaus, in dem ein berühmter Leipziger Kupferstecher wohnte ... Hier begegnen sich Altes und Neues – Alteingesessene und Zugezogene. Wer aber weiß etwas vom anderen? Wie funktionierte Schule vor hundert Jahren, wo steht das älteste Krankenhaus Leipzigs, und was hat Goethe mit Eutritzsch zu tun? Fragen über Fragen –Geschichten, die verborgen sind.

Der GeyserHaus e. V. – soziokulturelles Zentrum in Leipzig-Eutritzsch – hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Geschichten ans Licht zu bringen. Mit einer einzigartigen technischen Lösung, die aus der Zusammenarbeit mit dem Leipziger Klangkünstler Erwin Stache entstand, und dem Anspruch, junge und alte BewohnerInnen des Stadtteils mit einzubeziehen und gemeinsam mit ihnen die Geschichten-Schätze zu heben. Dabei gibt es viel zu tun: die Geschichte und die Gegenwart des gewählten Ortes zu recherchieren, das Material zu sichten und auszuwählen. Und schließlich müssen die Texte eingesprochen und vertont werden.

Für das Team des GeyserHaus e. V. gilt es dabei immer, zunächst die technische und organisatorische Umsetzung sicherzustellen: ProjektpartnerInnen zu gewinnen, Bau- und Zeitpläne zu erstellen, Genehmigungen einzuholen und die Finanzierung auf die Beine zu stellen. Für die technischen Fragen stand ein kompetenter Partner bereit: Erwin Stache, seines Zeichens Musiker, Tüftler, Klangkünstler, hatte bereits gemeinsam mit dem Geyser-Haus den »Klangspielplatz« (www.klangplan-x.de) gebaut. Nun wurde ein Klangmodul entwickelt, dass sich über ein Sensorsystem einschaltet, so-bald jemand sich in der Nähe des Steines bewegt oder aufhält.

Schließlich war es soweit: Mit dem Stein an der Parkbühne wurde der erste seiner Art eingeweiht. Er erzählt den interessierten ZuhörerInnen eine kleine Geschichte des Eutritzscher Arthur-Bretschneider-Parks. AnwohnerInnen erzählen über ihre Erlebnisse in der Nachkriegszeit und auch über den Parkbühnenbetrieb zu DDR-Zeiten. Seitdem sind neun weitere »Sprechende Steine« entstanden: Die Pyramide der Adam-Friedrich-Oeser-Schule beschäftigt sich mit dem Leben und Wirken Oesers. Die Tontafeln, aus denen die Pyramide besteht, wurden von den SchülerInnen gestaltet, die Texte zum Namensgeber im Unterricht erarbeitet. Die »Sprechende Orgel« der Christusgemeinde erzählt die Geschichte des ältesten noch erhaltenen Gebäudes im Stadtteil – erforscht und gesprochen von den Gemeindemitgliedern; die »Sprechende Flasche« plaudert die Familiengeschichte des Inhabers des ERLO-Getränkemarktes aus. Und der mobile Stein, der zu einer Stadtratssitzung an den Oberbürgermeister der Stadt Leipzig übergeben wurde und seitdem im Leipziger Rathaus steht, erinnert an die Wünsche, die Kinder beim Ferienspiel »Stadt in der Stadt« an die Politiker formuliert haben.

ProjektträgerIn

GeyserHaus e.V.
gegründet: 1991
www.geyserhaus.de

Ziele: Kultur für Alle - Kultur von Allen; aktive Teilhabe an kulturellen, künstlerischen, demokratischen und bildenden Prozessen

Angebote: Konzerte, Musikschule, Jugendtreff, Spielen, Malerei, Theater, internationale Projekte, Freiwilligendienste, Keramik

 

Stadtbilder - Bilderstadt

Ein Kinderkunstprojekt an den "Rändern der Stadt"

Von Andrea Siamis

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»Gelb für die Sonne über Bremen, Grasgrün für meinen Spielplatz, Ziegelrot für das Haus, in dem ich wohne, Lakritzschwarz für die Straße auf meinem Schulweg und Himmelblau für mein neues Fahrrad«, Kinder malen, was sie erleben und fühlen; sie malen nicht nur das, was sie sehen. So gesehen sind Kinder die besseren BeobachterInnen. Ihr Blickwinkel kann StadtplanerInnen eine Hilfe sein, besonders in einem Stadtrandgebiet und sozialen Brennpunkt wie dem Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever. Hier findet eine Basissanierung statt: Ganze Hochhauskomplexe werden abgerissen und vollkommen neue Räume entstehen. Beim Projekt »Stadtbilder – Bilderstadt« des Quartier e. V. stand in sechs Bremer Stadtteilen die Sicht der Kinder im Mittelpunkt.

Das Projekt gliedert sich in drei Phasen: Beobachten, Gestalten, Verändern. Im Jahr 2005 ging es ums Beobachten. Im Folgeprojekt 2006 wurden die im Vorjahr entstandenen »Stadtbilder« in dreidimensionale Miniatur-Modelle verwandelt. 2007 wird ein Teil der Bilder und Modelle großformatig umgesetzt; als verwirklichte Wohnträume in den Stadtteilen.

Bevor aber Fantasien zu Modellen werden konnten, machten sich die Kinder an die Bestandsaufnahme. Sie erkundeten gemeinsam mit KünstlerInnen und PädagogInnen ihr Wohnumfeld: Sie beobachteten, erforschten, befragten und dokumentierten. »Was gibt es hier? Was finde ich schön? Was finde ich hässlich? Was ist interessant? Was ist typisch? Was haben wir, das andere nicht haben?« Eine Gruppe von Kindern saß in einem Rapsfeld, auf den Knien ein Zeichenbrett, einen Zeichenstift in der Hand, die Skyline der umliegenden Hochhäuser skizzierend. Sie sahen Vorhandenes und entwickelten Fantasien zu Entstehendem. Die gesammelten und dokumentierten Eindrücke auf Skizzen, Filmen, Fotografien und Interviews verarbeiteten die Kinder in Großraumateliers in ihren jeweiligen Stadtteilen. An Staffeleien entstanden »Stadtbilder« in Öl, Acryl, Ei-Tempera, Kreiden. Die Atelierarbeit wurde durch Workshops ergänzt: 30 Bildende KünstlerInnen leiteten zirka 1.500 Kinder und Jugendliche an, zum Beispiel in Farbspektren und Farblehre, und zeigten ihnen, wie man Pigmente zu Farben mischt, Staffeleien und Keilrahmen baut und diese mit Leinwand bespannt. In einem Stadtteil animierte die konzentrierte Schaffens-Atmosphäre sogar eine SeniorInnengruppe eines benachbarten Heims dazu, mitzumachen.

Die vielen klein- und großformatigen Werke wurden in den Stadtteilen als Werkschau präsentiert und abschließend zentral im ehemaligen Postgebäude am Bremer Hauptbahnhof. Die »Bilderstadt« zeigte ihre »Stadtbilder«: Lieblingsorte, Hochhäuser bei Nacht, Fenstergeschichten, ver-zauberte Hinterhöfe und Fassaden.

Aus diesen Werken entstanden im Folgeprojekt 2006 Miniatur-Modelle von Baumhäusern, Wohneiern, Glaspalästen, Wasserbauten und Steckkartenhäusern. Sie werden 2007 teilweise als große Modelle in den Stadtteilen aufgebaut.

Gerade in den so genannten sozialen Brenn-punkten haben Kinder und Jugendliche kaum Gelegenheit, sich künstlerisch zu betätigen. Dass sie mit Feuereifer dabei sind, wenn ihnen die Möglichkeiten und Anregungen gegeben werden, zeigte das Projekt. Es erhielt eine besondere Auszeichnung von der Bremer Jugend-Kunst-Stiftung st-art. Diese Anerkennung und der von den Kindern geäußerte Wunsch nach einem »Atelierplatz fürs Leben«, wo sie jederzeit hinkommen können und arbeiten, sind eine schöne Bestätigung für die kulturpädagogische Arbeit des Quartier e. V.

ProjektträgerIn

Quartier e. V. Bremen
gegründet: 1982
www.quartier-bremen.de

Ziele: Visionen für städtisches Zusammenleben entwickeln, Kultur schaffen, wo die Menschen leben

Angebote: Stadtteilbüros in Bremer Neubaustadtteilen für kreative Experimente zur Stadtentwicklung mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Anleitung durch KünstlerInnen, Vernetzung mit Sozial- und Bildungseinrichtungen

 

Sturmflut 1509*

Versunkene Dörfer / Verdronken Geschiedenis

Von Christine Schmidt

*Gewinner des Innovationspreis Soziokultur zum Thema »Spuren suchen – finden – hinterlassen«

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Sturmflut

Als Ende September 2009 auf dem Dollart vor der ostfriesischen und rheiderländischen Küste Skybeamer die Positionen der 500 Jahre zuvor versunkenen Dörfer in der Nacht erstrahlen ließen, war dies der ergreifende Abschluss eines regionalhistorischen Kulturprojektes der Ländlichen Akademie Krummhörn (LAK). Zwei Jahre zuvor war die Idee geboren worden, das dramatische Ereignis der Cosmas-Damian-Sturmflut vom September 1509 und die Geburt des Dollarts zum Anlass zu nehmen, deutsch-niederländische Geschichte erlebbar zu machen.

Als dann das Team der LAK loszog, um für diesen Gedanken zu werben und MitstreiterInnen und NetzwerkpartnerInnen zu finden, war man erstaunt, wie viele sich für das historische Thema begeisterten. Innerhalb eines Jahres wuchs ein Kreis von KünstlerInnen, Organisationen, Unternehmen, Städten und Landkreisen rund um den Dollart, die bei der Gestaltung eines Projektes zum Thema »Sturmflut 1509« dabei sein wollten. So wurde in verschiedenen Arbeitskreisen ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Kunst-Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, ein Symposium, Theater, DVDs und Bücher wurden konzipiert und beiderseits der Grenze präsentiert.

Die Ländliche Akademie Krummhörn hatte von Beginn an das Ziel, im Projekt »Sturmflut 1509« eine große Aufführung zu präsentieren, die möglichst viele LaiendarstellerInnen aus ihren verschiedenen Musik- und Theatergruppen einschloss. Die Überlegungen flossen ein in das Musical »Dat lesde Lücht«, das der Autor Martin Winkelbauer für die LAK schrieb. Es bezieht sich inhaltlich auf die Zeit des 16ten Jahrhunderts, in dem die Menschen in den Dörfern und Städten der Regionen Reiderland und Ostfriesland seit über 100 Jahren durch unselige Häuptlingskämpfe zerstritten sind. Dazu kommt eine immerwährende Bedrohung durch Sturmfluten. Deiche brechen, weil sie aufgrund von Geldknappheit nicht mit der nötigen Sorgfalt errichtet wurden, oder weil die Zerstörung der Deiche als eine strategische Maßnahme in den Kämpfen zwischen einzelnen Dörfern eingesetzt wurde.

Basierend auf der Geschichte eines jungen Paares dieser Zeit werden in dem Stück die Verführung durch Geld und Reichtum und die daraus resultierende Vernachlässigung des Deichbaus dramatisch inszeniert. Im Februar 2009 startet ein Ensemble aus rund 150 ehrenamtlich Mitwirkenden unter der Leitung von Claus Gosmann mit den Theater-Proben und Vorbereitungen. Die Bühnendekoration wird gebaut, die Technik organisiert, die Veranstaltung geplant und die Musikstücke, von Kai Leinweber komponiert, von Chor und Combo einstudiert. Im Juni ist dann die Premiere im Landwirtschaftsmuseum Campen/Krummhörn vor ausverkauftem Haus.

Die nächtliche Aufführung ist ein voller Erfolg, fünf musikalische Zugaben werden gegeben. Insgesamt 10mal wird das Stück präsentiert, zuletzt open air beim großen Deichevent am Jahrestag der Sturmflut direkt am Deich zum Dollart. Mehr als 5000 Menschen haben dabei die Geschichte um die dramatischen Ereignisse der Sturmflut 1509 erfahren und nacherlebt. Nach diesem Abend ist für die Projektverantwortlichen ein Traum, eine Vision Wirklichkeit geworden. Doch vorbei ist es damit noch lange nicht. Gewachsen ist eine freundschaftliche deutsch-niederländische Kooperation, die mit diesem Projekt nicht endet. Erste Pläne für eine Fortsetzung mit anderem Thema, wieder aber mit Bezug zum Dollart, werden bereits geschmiedet. Man darf gespannt sein.

ProjektträgerIn

Ländliche Akademie Krummhörn
gegründet 1984
www.lak.de

Ziele: Förderung der sozialkulturellen Breitenarbeit in der ländlichen Region Ostfrieslands

Angebote: musikalische Früherziehung, Musik, bildende Kunst, Theater, kreatives Handwerk, jährlich zwei bis drei Musik- und Theaterprojekte mit Erwachsenen und Kindern/Jugendlichen

SWITCH. auss welt innen

Artistik jenseits der Norm

von Michael Pigl-Andrees

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»Dass alle Artisten das Down-Syndrom haben, gerät bei ihren Auftritten nach wenigen Minuten in Vergessenheit. Im Vordergrund stehen die körperlichen und mentalen Leistungen – und die Gesetze der Physik sind bekanntermaßen für alle KünstlerInnen dieselben«, schreibt die Märkische Allgemeine Zeitung. Der Erfolg ist nicht zuletzt der Regisseurin Anna-Katharina Andrees zu verdanken. Sie erforschte für »SWITCH. auss welt innen« zusammen mit den ArtistInnen, wie man in der Verbindung von Zirkus, Tanz und Theater ohne Sprache Lebensthemen durch Methoden von Verwandlung und Verfremdung künstlerisch erzählen kann.

Circus Sonnenstich hat 2014 mit »SWITCH« seine erste durchgängig nach Ideen des »Neuen Zirkus« konzipierte Show entwickelt und vor mittlerweile über 2.000 Zuschauern präsentiert: »Es ist unser bislang persönlichstes Stück«, sagt die Regisseurin. »Viele szenische Momente sind mit künstlerischen Mitteln verwandelte individuelle Geschichten der Ensemblemitglieder. Sie zeigen die Kompetenzen der AkteurInnen, die ZuschauerInnen direkt an ihren Lebenswelten Anteil nehmen zu lassen.«

Die ArtistenInnen erzählen mit Humor und Selbstironie von ungewöhnlichen Männer- und Frauenrollen, Held-sein-Wollen und wirklich Held-Werden, Füreinander-Dasein und vertrauensvoll Getragen-Werden und dem Traum vom Fliegen. Sie switchen mühelos zwischen präziser Artistik und clownesken Momenten, zwischen träumerischer Versunkenheit und großen heldenhaften Posen. Es geht um Mut, die Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen und wirklich fliegen zu können – egal, was einen im Alltag sonst am Boden festhält.

So erkunden drei ArtistInnen Bewegungen auf Zollstöcken. Ein Sinnbild, denn Norm leitet sich her von »Norma«, also Maßband und Richtschnur. Die ArtistenInnen möchten als ganz normale Erwachsene leben und akzeptiert werden. Im Stück hüpfen sie zuerst auf den Maßstäben herum, welche sie einengen und in Kategorien festhalten, um sich anschließend auf einem Drahtseil tanzend vom Boden zu lösen.

Die Regisseurin hat mit ihrer Band »LeJuka« auch den Soundtrack zur Show in einer Mischung aus akustischen und elektronischen Songs entwickelt und als CD produziert (Komposition Julia Fiebelkorn und Leo Solter). Gesungen wird in eigens erfundenen Fantasiesprachen, bei denen die ZuschauerInnen mitsingen können.

Michael Pigl-Andrees, der Gesamtleiter des Circus Sonnenstich, ist von der Entwicklung begeistert: »Die Leitidee unserer künstlerischen Arbeit, dass Menschen mit Behinderung als professionelle KünstlerInnen wirken können, hat sich durch das Projekt enorm vertieft. Die Sonnenstich-ArtistenInnen werden inzwischen eingeladen in die Event-Shows der großen Berliner Varieté-Theater. Und unsere Galas werden zunehmend zum Markenzeichen für inklusive künstlerische Arbeit.«

Im Moment wächst eine langfristige Partnerschaft zwischen dem Trägerverein des Circus Sonnenstich – dem Zentrum für bewegte Kunst (ZBK) und dem Chamäleon Theater sowie mit dem russischen »Uppsala Cirk«. Im September 2015 war »SWITCH« auf dem internationalen Zirkusfestival in St. Petersburg zu sehen. Die Kompetenzen der ArtistInnen sind zudem so gewachsen, dass sie im neuen inklusiven Weiterbildungsmodell des ZBK als Assistenz-TrainerInnen mitwirken werden. Die Zeichen stehen folglich gut für den Circus Sonnenstich, und die Verantwortlichen werden alles daran setzen, dass die Ideen des »Neuen Zirkus« weiter in die Welt getragen werden.

Projektträger

Zentrum für bewegte Kunst e. V.
gegründet: 2011
Circus Sonnenstich
gegründet: 1997
www.zbk-berlin.de

Ziele: künstlerische und soziale Beheimatung von Menschen mit Behinderungen in der Zirkusarbeit, Stärkung des Selbstbewusstseins von Kindern, Jugendlichen und  Erwachsenen durch eigene  Kompetenzerfahrung

Angebote: pädagogisch-künstlerische Bewegungsprojekte, inklusive Zirkusproduktionen und Galas mit internationalen Partnern, berufsbegleitende Weiterbildungsmodelle, internationale Austauschprojekte

Vor der Mauer – hinter der Mauer

Geschichte als Lernprozess

Von Katrine Cremer

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Wie war es eigentlich damals vor der Wende? Diese Frage stand im Zentrum eines Geschichtsprojekts, das die Berliner Kulturinitiative Förderband e. V. anlässlich des 20jährigen Jubiläums des Mauerfalls mit SchülerInnen des Bezirks Hellersdorf umsetzte.

Seit nunmehr 16 Jahren ist Förderband e. V. - Kulturinitiative Berlin – Träger der Jugendeinrichtung an der Caspar-David-Friedrich-Ober-schule im Neubaugebiet Berlin-Hellersdorf. Das Projekt »Vor der Mauer – hinter der Mauer« ist das zweite Lebenswegeprojekt der »Jugendwerkstatt Geschichte und Handwerk« in Kooperation mit der Schule. Idee der Lebenswegeprojekte ist es, Jugendlichen ein Geschichtsbewusstsein zu vermitteln, das lebendig, emotional berührend und interessant ist.

Die Kooperation mit Jugendwerkstatt und Schule hat für Förderband bereits Tradition. Gemeinsam mit den LehrerInnen möglichst vieler Fachbereiche und den MedienpädagogInnen beschäftigen die Jugendliche sich langfristig mit einem gemeinsam gewählten Thema. Ein Jahr lang wird dieses in Projektphasen und Workshops möglichst vielseitig und sinnlich beleuchtet und mit den verschiedenen künstlerischen und medialen Mitteln bearbeitet. Die Projektphilosophie lautete dabei: »Wir wollen die Jugendlichen anregen nachzufragen. Und wir bedienten uns bei der Umsetzung der medialen Möglichkeiten wie Film, Foto, Internet, Theater, Literatur, die unserer Schule sowie unserer Jugendwerkstatt und damit den Jugendlichen zur Verfügung stehen und mit denen sie erfahrungsgemäß gerne und interessiert arbeiten.«

In Vorbereitung des 20. Jahrestages des Mauerfalls 2009 arbeitete die Jugendwerkstatt gemeinsam mit den SchülerInnen der Klasse 7c und ihrer Klassenlehrerin Andrea Grimm ab September 2008 an dem Projekt zum Thema »Mauer«, um die Jugendlichen in die Lage zu versetzen, den Jahrestag mit Sachkenntnis und historischem Wissen zu begehen. Die Mauer wurde als politisches und historisches Bauwerk, vor allem aber als städtebauliche Zäsur und menschliche Tragödie untersucht.

Die Arbeit verlief dabei in drei Projektphasen: Die erste diente der Annäherung an das Thema. Die Aufgabenstellung »Stell Dir vor, um deinen Kiez wird eine unüberwindbare Mauer gebaut« war der erste Ansatz, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die Jugendlichen machten sich auf die Suche nach ZeitzeugInnen, die ihnen in filmischen Interviews über die Erfahrungen und Erlebnisse mit der Mauer erzählen konnten. Die zweite Phase stand ganz im Zeichen der Durchführung von technischen Work-shops zum Umgang mit Video-/Fotokamera und Ton sowie Techniken der journalistischen Arbeit. Die dritte und letzte Phase galt schließlich der medial unterstützten, emotionalen Auswertung des Erfahrenen sowie dem Umgang mit dem persönlichen Erleben.

Die beteiligten Jugendlichen waren 12 bis 14 Jahre alt. Es war dementsprechend wichtig, ihnen einen eher spielerischen Zugang zum Thema zu ermöglichen. Dieser umfasste daher auch künstlerische Aktionen, die zum 20. Jahrestag der Wende zur Aufführung kommen sollten. So war ein im Kunstunterricht und in der Freizeit bemalter zwei Meter große Dominostein Teil der Rieseninstallation zum 9. November am Brandenburger Tor. Den Jugendlichen wurde dabei deutlich, dass das persönliche Erleben das lebendigste und nachhaltigste Geschichtszeugnis ist. Letztlich waren alle Beteiligten stolz darauf, bei diesem großen Ereignis dabei gewesen zu sein, und freuen sich schon auf die nächste Aktion.

ProjektträgerIn

Förderband e. V. – Kulturinitiative Berlin
gegründet: 1990
www.foerderband.org

Ziele: Stärkung der Rahmenbedingungen künstlerischer und kultureller Produktion, Förderung der Kooperation von Projekten, Initiativen und Einrichtungen, Förderung der kulturellen Vielfalt und Unterstützung der kulturellen Bildungsarbeit

Angebote: Künstlerische und sozialpädagogische Angebote für den Unterricht und den Freizeitbereich, Werkstätten: Medienwerkstatt (Film, Foto, PC), Schulradio, Theaterwerkstatt mit Theaterfundus, Lehrküche, Keramikwerkstatt, Musikwerkstatt, Schülerklub, 2 Bibliotheken mit Internetcafe

Wer scheitert wird gescheitert

Kunstübungen im glücklichen Scheitern

Von Leo Kraus

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Wer scheitert wird gescheitert

Ein kleiner Theaterverein eines 70-Seelen-Dorfes im vorpommerschen Hinterland stellte sich auf die Hinterbeine: bunt statt braun, vital statt depressiv, Kunst statt Tristesse. Im Sommer 2010 übten sich die AkteurInnen in einer Art »Gemeinschaftsleben auf Zeit«, wie »Hans im Glück«. Die KünstlerInnen versuchten dem allgemeinen Jammern kein Denk-mal, sondern einen Leuchtpunkt entgegenzusetzen- trotz Finanzkrise ein Dorf im Aufwind zu zeigen!

12 AkteurInnen des emsigen Theatervereins bemühten sich in den verschiedensten Workshops um »das Glück, das auf der Straße liegt«.

Ca. 50 Jugendliche und Erwachsene aus der Region und Berlin konnten sich in den verschiedensten Kunstaktionen beweisen: Keramik, Filzen, Singen, Klanginstallationen, Tai Chi, Kreistänze, kreatives Schreiben, afrikanisches Trommeln, Siebdruck, Alternate Reality Game oder der Bau einer afrikanischen Hütte – die Palette der Angebote war ebenso vielfältig wie ungewöhnlich. Während der Projektzeit gab es zudem Konzerte, Filme im Zirkuszelt, in der Kirche und im Theaterspeicher – zum Finale sogar einen Abschluss-Gottesdienst.

 »Auf das Thema wird man geradezu gestoßen, wenn man hier lebt. Zugegeben, der Titel klingt etwas verwirrend und ist vielleicht auch die Ursache für die verhaltene Resonanz in der unmittelbaren Umgebung«, so die Meinung der Projektverantwortlichen, aber das Thema sollte gerade provozieren und herausfordern. Die TeilnehmerInnen hatten sich ein schönes Stück Mut und Offenheit abzuverlangen, um sich dem Thema zu stellen. Doch sie lösten diese Aufgabe mit Bravour.

Der tägliche Morgenkreis bot die Möglichkeit, über Niederlagen und Glücksmomente seines Lebens und des letzten Tages zu reflektieren – ein »Scheitern-Tagebuch« wurde geführt. Wie sich her-ausstellte, überwogen die alltäglichen Glücksmomente bei weitem. Vielleicht ist ja wie im richtigen Leben, dass man/frau die wenigen Augenblicke des Scheiterns im Gedächtnis aufsaugt, »um sich nur nicht glücklich zu fühlen«. Dauerhaft glücklich zu sein hieße, Neuland zu betreten, und das macht Angst. Da wird lieber das Scheitern bewusst wahrgenommen und das Unglücklich-Sein als Normal-zustand begriffen.

Doch es geht auch anders: »Heute bin ich nicht aus dem Bett gekommen, aber dann habe ich ein tolles T-Shirt mit Siebdruck gestaltet«, meint Willi Ortmann, 12 Jahre, und ist begeistert vom Projekt. Sabrina Kaufmann, 13 Jahre, bringt es auf den Punkt: »Anfangs war ich das einzige Mädchen, das empfand ich als Scheitern, aber beim Tischtennisturnier habe ich gegen einen der Besten gewonnen – nach dem Scheitern kommt das Glück.« Und Workshopleiterin Yvonne Hellwig ergänzt: »Das Schöne am Thema war, dass sich hier eigentlich alles unterbringen ließ, wo eigenes, individuelles Tun gefragt war.«

Bei so viel Bewegung gab es immer auch »Kuddelmuddel«, notwendige Improvisationen und Abweichungen vom Programm. Der Plan war gute Krücke, stand sicher als Lückenfüller und Stützpfeiler in Notsituationen, aber es gab Überraschungen ohne Ende. Die auftretenden Schwierigkeiten wurden durch außerordentliches Engagement und viel Humor der Betroffenen überwunden. Auch das gehörte zum »heimlichen Curriculum«: Triumphe halten keine Lehren bereit, Misserfolge befördern dagegen die Erkenntnis auf mannigfaltige Art. Und diesen Lernerfolg nahmen alle großen und kleinen ProjektteilnehmerInnen gerne mit nach Hause.

ProjektträgerIn

proVie Theater
gegründet: 2003
www.provie-theater.de

Ziele: kulturelle Belebung der Provinz, Vermittlung von künstlerischen Impulsen als Lebenshilfe für die Region, Kultur für und von alle(n)

Angebote: generationenüber-greifende Theaterarbeit, Kultur und Schule, interkulturelle Projekte, antirassistische Arbeit, Konzerte, Filme, Weiterbildungsseminare

 

Wunderland

Ein Opernparcours verwandelt ein Dorf

von Christina Tast

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»Einfach mal in eine andere Welt eintauchen, einfach spielen, singen, spontan und ausgelassen sein, das Innere nach außen kehren, Sicherheit gewinnen, die Gemeinschaft spüren und neue Schritte gehen – deshalb bin ich beim Projekt ›Wunderland‹ dabei«, sagt Anke Sengespeck (48 Jahre alt), Mitglied des Klein Leppiner Opernchores. Schnell schlüpft sie in ein neues Kostüm, sucht kurz den Text des französischen Liedes und wartet auf den nächsten Einsatz in der Aufführung der Oper »Das Kind und die Zauberdinge« von Maurice Ravel. Das brandenburgische 60-Seelen-Dorf Klein Leppin scheint wie verwandelt. Traumwesen erobern das Dorf, Bäume können singen, Libellen tanzen Walzer, Katzen schnurren Lieder und die Teekanne singt einen Ragtime…

Alle AkteurInnen waren sich einig. Das zehnjährige Jubiläum des Projektes »Dorf macht Oper« im Juni 2013 sollte Anlass für ein ganz besonderes Musiktheatererlebnis sein. Der Opernparcours »Wunderland« – eine Zeitreise in die französische Klangwelt – sollte ein Projekt im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, zwischen Oper und Performance werden. Dafür wollten die Klein Leppiner nicht nur ihre Häuser, Scheunen, Höfe, Gärten und ihre Garagen als neue Spielorte öffnen, sondern schließlich im ehemaligen Schweinestall des Dorfes zur Opernaufführung »Das Kind und die Zauberdinge« ganz im Sinne von »Dorf macht Oper« einladen.

Diese Oper schildert die Geschichte eines Kindes, das bedrängt durch häusliche Enge Zuflucht in einer Phantasiewelt sucht. Aber wie sollte die Idee umgesetzt werden? Wie sollten die ca. zehn Spielorte des Parcours gestaltet werden? Wie kann sich das Publikum in die Entstehungszeit der Oper versetzen? Für die Realisierung des umfangreichen Vorhabens brauchte es unbedingt die Unterstützung von zuverlässigen, erfahrenen PartnerInnen, professionellen KünstlerInnen, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, der Kreismusikschule Prignitz, örtlichen Unternehmen und der gesamten Dorfgemeinschaft. Schon Monate vorher waren alle AkteurInnen und auch das Publikum eingeladen, in den verschiedenen Modulen des »Opernlabors« zu experimentieren und sich in vielen Proben, Arbeitseinsätzen und Workshops intensiv auf die Aufführung vorzubereiten.

Für die Spielorte des Parcours wie Garagen, ein verlassenes Trafohaus, ein Kinder-Baumhaus, die örtliche Feuerwehr usw. entstanden ein von Kindern gezeichneter Trickfilm, ein von Jugendlichen gedrehter Stummfilm, Szenen aus Tierfabeln, ein französisches Liederprogramm, eine barocke Kurzoper und mehrere Chanson-Programme. Fast hätte das Elbhochwasser 2013 die Aufführung unmöglich gemacht. Eine Vielzahl der Mitwirkenden musste plötzlich evakuiert werden, Existenzen schienen bedroht und doch ent-schieden sich alle für die Fortsetzung und Präsentation des Projektes. Zu den fünf Aufführungen konnten insgesamt ca. 1.000 ZuschauerInnen im »Wunderland« willkommen geheißen werden.

Die Regisseurin Mira Ebert war vom Engagement und Können der Akteure tief beeindruckt: »Die Geschichte lässt sich in den Gesichtern der mitwirkenden Kinder und SängerInnen des Opernchores ablesen. Sie haben eine Lockerheit und Offenheit im Spielen entwickelt, einfach großartig.« Im »Wunderland« durfte sich gewundert und gestaunt werden. Mit großer Leidenschaft wurde Kunst vermittelt, die AkteurInnen und Publikum begeisterte und zu einer Gemeinschaft zusammenführte. »Dorf macht Oper« hat inzwischen zweifellos schon Tradition!

ProjektträgerIn

Festland e.V.
gegründet 2003
http://dorf-macht-oper.de/

Ziele: Förderung des kulturellen  Lebens im ländlichen Raum,  Ermöglichung kultureller Teilhabe  als Moment eines lebendigen  demokratischen Gemeinwesens

Angebote: »Dorf macht Oper«,  Workshops für Musik, Musiktheater, Tanz, Theater und Kunst, Aus- stellungen, interkulturelle Projekte

 

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