Wunderland

Ein Opernparcours verwandelt ein Dorf

von Christina Tast

 

»Einfach mal in eine andere Welt eintauchen, einfach spielen, singen, spontan und ausgelassen sein, das Innere nach außen kehren, Sicherheit gewinnen, die Gemeinschaft spüren und neue Schritte gehen – deshalb bin ich beim Projekt ›Wunderland‹ dabei«, sagt Anke Sengespeck (48 Jahre alt), Mitglied des Klein Leppiner Opernchores. Schnell schlüpft sie in ein neues Kostüm, sucht kurz den Text des französischen Liedes und wartet auf den nächsten Einsatz in der Aufführung der Oper »Das Kind und die Zauberdinge« von Maurice Ravel. Das brandenburgische 60-Seelen-Dorf Klein Leppin scheint wie verwandelt. Traumwesen erobern das Dorf, Bäume können singen, Libellen tanzen Walzer, Katzen schnurren Lieder und die Teekanne singt einen Ragtime…

Alle AkteurInnen waren sich einig. Das zehnjährige Jubiläum des Projektes »Dorf macht Oper« im Juni 2013 sollte Anlass für ein ganz besonderes Musiktheatererlebnis sein. Der Opernparcours »Wunderland« – eine Zeitreise in die französische Klangwelt – sollte ein Projekt im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, zwischen Oper und Performance werden. Dafür wollten die Klein Leppiner nicht nur ihre Häuser, Scheunen, Höfe, Gärten und ihre Garagen als neue Spielorte öffnen, sondern schließlich im ehemaligen Schweinestall des Dorfes zur Opernaufführung »Das Kind und die Zauberdinge« ganz im Sinne von »Dorf macht Oper« einladen.

Diese Oper schildert die Geschichte eines Kindes, das bedrängt durch häusliche Enge Zuflucht in einer Phantasiewelt sucht. Aber wie sollte die Idee umgesetzt werden? Wie sollten die ca. zehn Spielorte des Parcours gestaltet werden? Wie kann sich das Publikum in die Entstehungszeit der Oper versetzen? Für die Realisierung des umfangreichen Vorhabens brauchte es unbedingt die Unterstützung von zuverlässigen, erfahrenen PartnerInnen, professionellen KünstlerInnen, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, der Kreismusikschule Prignitz, örtlichen Unternehmen und der gesamten Dorfgemeinschaft. Schon Monate vorher waren alle AkteurInnen und auch das Publikum eingeladen, in den verschiedenen Modulen des »Opernlabors« zu experimentieren und sich in vielen Proben, Arbeitseinsätzen und Workshops intensiv auf die Aufführung vorzubereiten.

Für die Spielorte des Parcours wie Garagen, ein verlassenes Trafohaus, ein Kinder-Baumhaus, die örtliche Feuerwehr usw. entstanden ein von Kindern gezeichneter Trickfilm, ein von Jugendlichen gedrehter Stummfilm, Szenen aus Tierfabeln, ein französisches Liederprogramm, eine barocke Kurzoper und mehrere Chanson-Programme. Fast hätte das Elbhochwasser 2013 die Aufführung unmöglich gemacht. Eine Vielzahl der Mitwirkenden musste plötzlich evakuiert werden, Existenzen schienen bedroht und doch ent-schieden sich alle für die Fortsetzung und Präsentation des Projektes. Zu den fünf Aufführungen konnten insgesamt ca. 1.000 ZuschauerInnen im »Wunderland« willkommen geheißen werden.

Die Regisseurin Mira Ebert war vom Engagement und Können der Akteure tief beeindruckt: »Die Geschichte lässt sich in den Gesichtern der mitwirkenden Kinder und SängerInnen des Opernchores ablesen. Sie haben eine Lockerheit und Offenheit im Spielen entwickelt, einfach großartig.« Im »Wunderland« durfte sich gewundert und gestaunt werden. Mit großer Leidenschaft wurde Kunst vermittelt, die AkteurInnen und Publikum begeisterte und zu einer Gemeinschaft zusammenführte. »Dorf macht Oper« hat inzwischen zweifellos schon Tradition!

ProjektträgerIn

Festland e.V.
gegründet 2003
http://dorf-macht-oper.de/

Ziele: Förderung des kulturellen Lebens im ländlichen Raum, Ermöglichung kultureller Teilhabe als Moment eines lebendigen demokratischen Gemeinwesens

Angebote: »Dorf macht Oper«, Workshops für Musik, Musiktheater, Tanz, Theater und Kunst, Aus- stellungen, interkulturelle Projekte

 

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