Fluchtpunkt Afrika

Theater als gespielte Wirklichkeit

Von Edzard Schoppmann

Baal Novo

 

Am Anfang stand die Frage: Was wäre wenn? Wenn Europa in wirtschaftliche Not geraten würde, krisengeschüttelt von Arbeitslosigkeit, Umweltkatastrophen, geplagt von Hunger, Kriegen, sich auflösenden Staaten? Wenn EuropäerInnen sich auf den Weg in den Süden machen und nach Afrika fliehen würden, einen reichen Kontinent, wo sie hoffen, Arbeit zu finden und eine Perspektive für ein menschenwürdiges Leben zu haben?

Die Idee war, die derzeitige Situation zu spiegeln, am sich wohlig eingerichteten Bewusstsein von Europäern zu rütteln, zu verunsichern. Die Ausgangsbehauptung war: Jeder kann in die Situation geraten, fliehen zu müssen. Wichtig war es den Theatermachern, dass diese Spiegelgeschichten auf der Bühne von Flüchtlingen, MigrantInnen und Deutschen erzählt werden als Beispiel für gelungene, selbstverständliche Integration. Indem die Rollen der Flüchtlinge von Deutschen übernommen wurden, sollte erreicht werden, dass Flüchtlinge ihrer Opferrolle abstreifen können.

Das Projekt mit mehr als einjähriger Laufzeit gliederte sich in eine Recherche-, eine Schreib- und eine Probephase. Anfangs erzählten die Flüchtlinge über sich, ihre Flucht und ihre Träume. Der Regisseur wollte, dass die deutschen TeilnehmerInnen, bewegt von den Flüchtlingsberichten, ihre eigene Flucht von Deutschland nach Afrika phantasierten, erfanden, aufschrieben. So entstanden sehr persönliche, authentische Prosatexte und Dialoge. Dieses Textmaterial wurde dramaturgisch bearbeitet, in Proben bebildert, chorisch und in Bewegung umgesetzt. Sehr eindrucksvoll war z.B. eine Szene, in der 15 SpielerInnen an der Rampe stehen, erst leise, dann immer lauter ins Publikum fordernd rufen: „Ich will arbeiten!" oder der provokante Schluss, als weiße SpielerInnen ihre Gesichter schwarz färben – und Schwarze ihre Gesichter weiß.

Während der Arbeit entstanden Freundschaften, Verantwortungsgemeinschaften, es wurde viel auch privat unternommen. Jeder Flüchtling hatte eine Paten, der ihm half, in seinem neuen Leben mit all den Schwierigkeiten zurechtzukommen. Es galt, die Flüchtlinge, die wie in einem endlosen Wartesaal zwischen Hoffen und Depression hin- und her schwankten, immer wieder neu zu motivieren.

Die zehn sehr gut besuchten Aufführungen lebten von der Ehrlichkeit und Authentizität der SpielerInnen, die, obwohl nicht professionell, eine große Kraft und Ausstrahlung auf die Bühne brachten. Das Publikum war betroffen, bewegt. Für das Theater BAAL novo, dessen Schwerpunkt professionelle interkulturelle Theaterarbeit ist, war das Jahr prägend, kostete gleichzeitig sehr viel Kraft und war doch künstlerisch und menschlich bereichernd.

Am Ende blieben aber auch viele offene Fragen, Zweifel, denen BAAL novo sich in weiteren Projekten stellen will: Was sind die Motive von Flüchtlingen? Wirklich nur Not? Nicht auch Abenteuerlust oder persönliche wirtschaftliche Hoffnungen, die Europa gar nicht erfüllen kann? Was passiert mit den Heimatländern der Flüchtlinge, wenn gerade die jungen Männer gehen? Können von islamischer Kultur geprägte Flüchtlinge integriert werden in ein Wirtschaftssystem, das sich über hohe Leistungsbereitschaft, hohe Qualifikation und Individualismus definiert? Kritische Fragen, denen Kunst und Soziokultur sich nach Meinung von Regisseur Edzard Schoppmann stellen muss. Man darf auf das nächste Stück des Theaters gespannt sein.

ProjektträgerIn
BAAL novo - Theater Eurodistrict
gegündet: 2005
www.baalnovo.com

Ziele: zeitgenössisches professionelles Theater für alle, Aufgreifen gesellschaftlich relevanter Themen mit künstlerischen Mitteln, Theater als Grenzgänger und Brückenbauer

Angebote: theaterpädagogische und soziokulturelle Projekte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Junges Theater, Theater der Migranten, Unternehmenstheater

 

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