Liebe, Ehre, Drachenblut

Nibelungen 20.11 – Ein Theater-Tanz-Musik-Projekt mit Profis und Laien

Von Bettina Gonsiorek

Eine Heldensaga um Liebe und Hass, Treue und Verrat, Ehre und Kränkung, Vergebung und Rache. Ist das noch zeitgemäß? Das Bürgertheater Ludwigsburg zeigte den europäischen Nibelungen-Mythos in modernem Gewand. Friedrich Hebbels Stück »Die Nibelungen« und die Edda-Sage lieferten die Grundlage. Übrig blieben am Ende noch etwa 37 Seiten als textlicher Kernbestand. Vieles wurde in dieser Inszenierung nicht durch die Sprache dargestellt, sondern mit Musik, Tanz, Film und Bildern verdichtet.

Das Ensemble vor und hinter Bühne bestand aus fast 100 Amateuren und Profis im Alter von 9 bis über 70 Jahren. Sie brachten die »Nibelungen 20.11« auf die Bühne. Genauer gesagt, waren es drei Bühnen, da für die drei Akte auch drei unterschiedliche Schauplätze im Kasernengelände gestaltet wurden, zu denen man jeweils »hinreiste«.

Der Weltenbaum »Yggdrasill«, die mächtige Platane im Hof, diente dem 1. Akt als passende Kulisse. Hier spielten Kinder die Überlebenden einer Weltkatastrophe, sie erzählten die Geschichten der Heldentaten des jungen Siegfrieds. 34 Meter lang, 12 Meter breit und 4 Meter hoch – ein Monumentalgemälde der Sieben Todsünden, gestaltet von Graffitikünstler Dingo, bildete für den 2. Akt das Ambiente des Wormser Rittersaals mit einer langen Tafel, auf der Breakdancer Siegfried mit seinen Recken tanzte. Schließlich wurde im 3. Akt die Reithalle zum Schauplatz von Hochzeit und Untergang. Beeindruckend war hier die Choreographie mit einem wandlungsfähigen Hochzeitskleid aus 200 Meter Seide, das als Projektionsfläche diente.

Die Musik, ein spezieller Soundmix aus mittelalterlichen Tönen und Neuer Musik, der eigens für das Stück komponiert wurde, bildete eine ergreifende Atmosphäre. Doch schon die erste Probe brachte eine Vielzahl an weiteren Wünschen, und dann folgte eine Sendung neuer Noten, die wiederum überraschende Klänge lieferte. Jede Kompositionsänderung erforderte zudem ständiges Umdenken und Neueinlassen von allen Mitwirkenden.

Im Zentrum des Stückes stand für das professionelle Leitungsteam »der mörderische Dreiklang aus Ehre, Kränkung und Rache«, der trotz des mittelalterlichen Gewandes weiterhin hochaktuell ist: »Die Vergeltung ist in der heutigen Politik angekommen.« Die ZuschauerInnen wurden von dem Stoff, den Bildern und der Dramatik der Inszenierung sehr berührt. In Gesprächen wurde deutlich, wie klar viele Menschen die Bezüge zu heutigen Kriegen, Familiendramen und Jugendgewalt erkennen konnten.

Mit allen Beteiligten gab es zum Projekteinstieg ausführliche Gespräche zu allen Themen des Nibelungenstoffs. Schon die Kinder begannen die Edda und das Nibelungenlied zu lesen, Interesse fürs Mittelalter und Rittertum wurde geweckt und die Vereinnahmung des Stoffs durch die Nazis diskutiert. Für viele der Streetdancer war es die erste Begegnung mit einem klassischen Theatertext und seiner besonderen Sprache. Darüber hinaus ließen sie sich auf historische und Neue Musik ein und entdeckten so auch neue Tanzformen.

Die Leidenschaft und das Engagement aller, sich auf Neues, Unbekanntes einzulassen, die gleichberechtigte Zusammenarbeit von Jung und Alt, Laien und Profis haben sich bezahlt gemacht. Die Premiere im September 2011 war ein voller Erfolg, der weitere gut besuchte Aufführungen folgten. Die Suche nach einem neuen historischen Stoff für das nächste Theater-Tanz-Musik-Projekt hat bereits begonnen.

ProjektträgerIn

Tanz- und Theaterwerkstatt e. V.
gegründet: 1982
www.tanzundtheaterwerkstatt.de

Ziele: Kultur für alle, Partizipation, Förderung von Eigentätigkeit und Kreativität, Entfaltung kultureller Vielfalt, Unterstützung von Integration und Teilhabe

Angebote: spartenübergreifende Kurse, Workshops, Fortbildungen, Produktionen und Projekte der darstellenden Künste

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