Die Oper und ihr Publikum – eine Institution in der Krise?

Mit den generationsbedingte Änderungen des Opernbesuchs und des Musikgeschmacks beschäftigt sich Dr. Karl-Heinz Reuband in einem Langzeitvergleich.

Will man etwas über die Alterszusammensetzung der Opernbesucher aussagen und deren Veränderung über die Zeit, bewegt man sich auf einem außerordentlich schwankenden Terrain. Das Problem ist, dass es aus früheren  Jahren wie auch der Gegenwart nur sehr wenige Umfragen gibt und man diese nicht unmittelbar vergleichen kann. Die einzige Ausnahme eines strikten Langzeitvergleichs – bezogen auf das gleiche Opernwerk („Fidelio“) und das gleiche Opernhaus – stammt vom Verfasser und bezieht sich auf Köln. Danach hat sich zwischen 1979/80 und 2004 der Altersdurchschnitt der Besucher erheblich nach oben hin verschoben. Bezieht man zusätzlich die wenigen verfügbaren, z. T. höchst disparaten Einzeluntersuchungen aus anderen Orten mit ein, gewinnt man den Eindruck, dass der Altersdurchschnitt der Opernbesucher in Deutschland zu Beginn der 80er Jahre niedriger lag als heute (Reuband 2005).

Nun sind Untersuchungen, die sich auf einzelne Opernaufführungen in einzelnen Opernhäusern beziehen, in ihrer Aussagekraft beschränkt. Will man verallgemeinerungsfähige Aussagen ableiten, bedarf es einer breiteren Untersuchungsbasis. Die einzige Untersuchung, die sich auf eine breite Basis stützt und Aussagen über die Verhältnisse in früheren Zeiten erlaubt, stammt von Michael Behr (1983) und bezieht sich auf Nordrhein-Westfalen. Sie stellt eine der frühesten Untersuchungen zur Zusammensetzung des Opernpublikums in der Bundesrepublik überhaupt dar und hat den Vorteil, mehrere Opernhäuser mit unterschiedlichen Aufführungen einbezogen zu haben. Insgesamt wurden 1.033 Besucher in sieben Opernaufführungen, verteilt auf sechs Opernhäuser, von Behr im Jahr 1979 befragt. Eine Replikation der Untersuchung, die es erlaubt hätte, längerfristige Änderungen zu ermitteln, gab es lange Zeit nicht. 2004 hat jedoch Silke Möckel eine Untersuchung unter Opernbesuchern durchgeführt, die sich ebenfalls auf NRW bezieht und ebenfalls mehrere Opernhäuser umfasst – darunter auch solche, die schon Bestandteil der Untersuchung von Behr waren.(1) Insgesamt wurden von Möckel 374 Besucher in 14 Opernaufführungen, verteilt auf sechs Opernhäuser, befragt. Die Untersuchung von Möckel war zwar nicht als Vergleichsuntersuchung zu der von Behr angelegt, aber angesichts der annähernd vergleichbaren regionalen Basis und des gewählten Vorgehens bietet sie sich für einen Vergleich an.

Insgesamt halten wir die Unterschiede im methodischen Vorgehen der beiden Untersuchungen nicht für derart groß, als dass man auf die Möglichkeit eines Vergleichs verzichten sollte. Ein Unterschied liegt darin, dass bei Behr der Fragebogen nach einem Zufallsprinzip an die Besucher verteilt wurde, während bei Möckel besonders darauf geachtet wurde, ob die jeweilige Person ansprechbar war oder sich im Gespräch mit anderen Personen befand. Damit dürfte vom Zufallsprinzip in gewissem Maße abgewichen worden sein. Ein anderer Unterschied liegt darin, dass bei Behr der ausgefüllte Fragebogen per Post zurückgeschickt, bei Möckel jedoch im Opernhaus in eine Urne geworfen wurde. Ob daraus Konsequenzen für die Zusammensetzung der Befragten erwachsen, ist unbekannt.

Vergleiche

Was sind nun die wichtigsten Ergebnisse des Vergleichs? Wie stellt sich die soziale Zusammensetzung, insbesondere hinsichtlich des Alters, in den beiden Untersuchungen dar? In der Geschlechterzusammensetzung hat sich den Befunden zufolge über die Zeit hinweg keine Änderung vollzogen: 60 % der Besucher in der Behr Umfrage waren Frauen, bei Möckel sind es 57 %. Gemessen an der Verteilung in der Bevölkerung handelt es sich um einen Anteil, der eine weitgehende „Normalität“ in der geschlechtsspezifischen Rekrutierung des Opernpublikums bedeutet. Denn auch in der Bevölkerung gibt es mehr Frauen als Männer (was aus unterschiedlichen Mortalitätsrisiken in höherem Alter erwächst).

Altersmäßig jedoch ergeben sich erhebliche Differenzen: während in der Behr Untersuchung das Altersspektrum in nennenswertem Maße auch jüngere Personen umfasst, ist das Altersspektrum bei Möckel stärker eingeengt und massiv nach oben hin verschoben. So waren bei Behr nur 20 % der Befragten 55 Jahre und älter, bei Möckel – die eine etwas andere Alterskategorisierung vornimmt – waren 61 % der Befragten 50 Jahre und älter. Würde man bei Behr noch die 46-55jährigen dazurechnen und deren Anteil (21 %) zur Hälfte für die Schätzung des Anteils bei den 50-55jährigen verwenden, käme man für die Befragten seiner Untersuchung im gleichem Alter wie bei Möckel auf geschätzte 30 % (20%+10%).

Während für Behrs Untersuchung für das Alter ein Durchschnittswert vorliegt – es beläuft sich auf 40,6 Jahre – steht für die Untersuchung von Möckel keine entsprechende Berechnung zur Verfügung. Man kann aus ihrer Untersuchung auch keinen geschätzten Altersdurchschnitt berechnen, weil nur drei und zudem relativ grobe Altersklassen bei der Datenerfassung verwandt wurden. Man kann jedoch einen indirekten Weg wählen: indem man das Durchschnittsalter der Befragten innerhalb dieser drei Altersklassen auf der Grundlage anderer Untersuchungen bestimmt und dieses dann in einem weiteren Schritt für die weitere Berechnung in der Untersuchung von Möckel verwendet.

Zu diesem Zweck greifen wir auf eine eigene groß angelegte Umfrage zurück, die wir in den Jahren 2003-2004 in Köln und Düsseldorf unter 3.622 Opernbesuchern – verteilt auf eine Vielzahl unterschiedlicher Aufführungen – durchgeführt haben. Anders als in den Untersuchungen von Behr und Möckel wurde hier das Alter numerisch erfasst, wir können daher für die Möckel verwendeten Alterskategorien Altersdurchschnitte berechnen. Tut man dies und setzt diese Werte in der Untersuchung von Möckel ein, kommt man für deren Untersuchung auf einen Durchschnittswert von 52,7 Jahren. Dieser Wert entspricht im Übrigen ziemlich genau dem Durchschnittsalter der von uns seinerzeit in Köln befragten Opernbesucher und bedeutet im Vergleich zur Behr Untersuchung: Das Opernpublikum ist zwischen 1979 und 2004 um mehr als 10 Jahre gealtert – stärker als es den Änderungen in der Alterszusammensetzung der Bundesbürger in dieser Zeit entspricht.

Was sich bereits beim Vergleich der Kölner Oper (mit der Oper Fidelio) im Langzeitvergleich andeutete (Reuband 2005) wird somit auch auf der Ebene eines größer angelegten, regionalen Vergleichs auf NRW Ebene reproduziert. Wir glauben, dass NRW in dieser Hinsicht keine Ausnahme darstellt. Die neueren Befunde zum Durchschnittsalter fallen in das Altersspektrum, das auch neuere Besucherumfragen an anderen Orten in der Bundesrepublik (wie Berlin und Frankfurt) ausweisen (vgl. Reuband 2005). Und sie decken sich ebenfalls recht gut mit den Ergebnissen einer GfK-Untersuchung zum Besuch von Konzert- und anderen Veranstaltungen in der Bundesrepublik. Dort lag im Jahr 2007 das Durchschnittsalter der Opern- und Operettenbesucher bei 57 Jahren, das der Besucher klassischer Konzerte gar bei 60 Jahren (GfK 2007, zit. Nach Russ 2007: 5).

Krise der Institution Oper oder des Musikgeschmacks?

Ob die Gründe für die Veränderungen in der Altersverschiebung des Opernpublikums in einem gewandelten Verhältnis zur Institution Oper zu suchen sind oder in einem gewandelten Musikverständnis und eine Abkehr von der Klassik bedeutet, ist bislang im Einzelnen wenig geklärt. Sicher ist: jüngere Menschen schätzen klassische Musik und Opern weniger als Ältere (Reuband 2003). Und Rückerinnerungsfragen, mit denen der Musikgeschmack in der Jugend ermittelt wurde, weisen darauf hin, dass diese Differenzierung des Musikgeschmacks bereits in der Jugend angelegt ist. So erbrachte eine eigene repräsentative Untersuchung, die sich auf die Städte Düsseldorf, Hamburg und Dresden bezog, überall in der jüngsten Altersgruppe eine geringere Wertschätzung von klassischer Musik und Oper, als in den mittleren und älteren Altersgruppen. So gaben unter den 18-29Jährigen in Düsseldorf, die wir 2004 befragten, z. B. 18% an, dass ihnen in der Jugend, im Alter von ungefähr 15-18 Jahren, klassische Musik gefallen hätte. Unter den über 60Jährigen liegt dieser Wert bei 43%. In Hinblick auf Opern liegt die damalige (und ebenso die heutige) Wertschätzung noch niedriger. Ähnliche Beziehungen – wenn auch z. T. auf einem etwas anderen Niveau – finden sich in den anderen Städten.

Natürlich könnte man einwenden, dass Rückerinnerungsfragen oft auf fehlerhaften Erinnerungen basieren und mehr über die gegenwärtigen Vorlieben aussagen als über die früheren. Doch es gibt Belege dafür, dass sich tatsächlich in der jüngeren Generation eine Abkehr von der Wertschätzung klassischer Musik und Opern vollzogen hat. Umfragen des Institut für Demoskopie zeigen, dass sich in den letzten Jahren kontinuierlich die Zahl der Klassikliebhaber gesunken ist: Während 1997 noch 27% der unter 30Jährigen angaben, gern klassische Musik, Klavierkonzerte oder Sinfonien zu hören, waren es im Jahr 2008 nur noch 15%. In der Gesamtbevölkerung ist der Anteil im gleichen Zeitraum von 41% auf 33% gefallen (Köcher 2008). Und noch ein weiteres Indiz spricht für ein Schwinden des Klassikpublikums: der sinkende Verkauf klassischer Musikstücke in Form von Tonträgern und die damit einhergehenden Veränderungen in der Altersstruktur. Während im Jahr 2004 55 % der Käufer 50 Jahre und älter waren, bildete diese Altersgruppe im Jahr 2008 bereits einen Anteil von 70% (Bundesverband Musikindustrie 2004: 38, 2008: 40). Zusammengenommen ergibt sich damit eine klare Botschaft: Wird sich der bisherige Trend fortsetzen (und keine Gegenstrategien den Trend aufhalten), droht das Opernpublikum zu vergreisen, längerfristig gar auszusterben. Wenn es nicht gelingt in der jungen Generation das Interesse für klassische Musik und Oper zu wecken, geht dem klassischen Musikbetrieb das Publikum verloren.

Inwieweit neue Strategien einer öffentlichkeitswirksamen Öffnung der „Oper für alle“ zu einer verstärkten Einbeziehung Jüngerer in den Zuschauerkreis führen werden, bleibt abzuwarten (dazu vgl. auch Reuband 2008). Punktuell lassen sich über Events zweifellos Menschenmengen mobilisieren. So brachte die Eröffnung der Opern-Saison in Düsseldorf im August 2009 bei der „Live-Übertragung“ einer Opern-Gala in der Öffentlichkeit rund 10.000 Zuschauer auf die Beine (Rheinische Post 31.08.09). Es war freilich nicht nur die Tatsache einer Opern-Gala für alle, die hier den Zulauf erbracht haben dürfte, sondern auch die Tatsache, dass Harald Schmidt und Eckart von Hirschhausen – bekannte Unterhalter aus dem Fernsehen – die Moderatorenrolle innehatten und dies auch in der Werbung für die Veranstaltung zuvor deutlich herausgestellt war. Ob diejenigen, die sich als Nicht-Klassik-Liebhaber und Nicht-Operngängern von diesem Event mobilisieren ließen, später auch mal zu den Opernbesuchern zählen werden, ist eine offene Frage.

(1) Behr führte seine Umfrage durch in Gelsenkirchen, Duisburg, Krefeld-Mönchengladbach, Essen, Köln und Hagen, Möckel in Gelsenkirchen, Wuppertal, Dortmund, Duisburg, Düsseldorf und Hagen.

Prof. Dr. Karlheinz Reuband ist seit 1997 Professor für Soziologie an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf. 1998 Visiting Scholar am Center for European Studies der Harvard University. Forschung und Publikationen zu sozialem und kulturellen Wandel, Kultursoziologie, soziale Probleme, Methoden der Sozialforschung.

Der Beitrag erschien zuerst in  Nr. 38 · Dezember 2009 8 ff. von “KM -  Das Monatsmagazin von Kulturmanagement Network”. Mehr unter www.kulturmanagement.net/

Literatur

Behr, M. (1983): Musiktheater – Faszination, Wirkung, Funktion. Wilhelmshaven

Bundesverband Musikindustrie (2004): Musikindustrie in Zahlen 2004. Berlin

Bundesverband Musikindustrie (2008): Musikindustrie in Zahlen 2008. Berlin

Köcher, R. (2008): AWA 2008 – Die junge Generation als Vorhut gesellschaftlicher Veränderungen. Allensbach

Möckel, S. (2004): Das Opernpublikum heute – eine empirische Untersuchung. (Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt für die Sekundarstufe II dem staatlichen Prüfungsamt Dortmund vorgelegt). Fachbereich 16, Institut für Musik und ihre Didaktik. Dortmund

Reuband, K.-H. (2002): Opernbesuch als Teilhabe an der Hochkultur. Vergleichende Bevölkerungsumfragen in Hamburg, Düsseldorf und Dresden zum Sozialprofil der Besucher und Nichtbesucher. In: W. Heinrichs und A. Klein (Hg.), Deutsches Jahrbuch für Kulturmanagement 2001. Band 5. Baden-Baden: 42-55

Reuband, K.-H. (2003): Musikalische Geschmacksbildung und Generationszugehörigkeit. Klassik-Präferenzen im internationalen Vergleich. In: A. Klein (Hg.), Deutsches Jahrbuch für Kulturmanagement 2002. Band 6. Baden-Baden: 5-17

Reuband, K.-H. (2005): Sterben die Opernbesucher aus? Eine Untersuchung zur sozialen Zusammensetzung des Opernpublikums im Zeitvergleich. In: A. Klein und T. Knubben (Hg.), Deutsches Jahrbuch für Kulturmanagement 2003/2004. Band 7. Baden- Baden: 123-138

Reuband, K.-H. (2008): Wagner im Kino. Der Bayreuther Chérau-Ring im Kino und sein Publikum, in: U. Bermbach, D. Borchmeyer u.a., Hrsg., Schwerpunkt: Der Gral, wagnerspectrum, 4, Heft 1. Würzburg: 191-207

Russ, M. (2007): Konzertdirektionen und Künstleragenturen.

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