Scheitern aushalten

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Der Rückgang der kulturellen Teilhabe ist international: USA, Frankreich und Deutschland im Fokus empirischer Erhebungen. Wolfgang Hippe und Norbert Sievers berichten.

Die Auslastung der öffentlich finanzierten kulturellen Infrastruktur und die kulturelle Teilhabe generell ist in den letzten Jahren für die Kulturpolitik eine immer wichtigere Frage geworden[1]. Die Vorstellung, mit einem wachsenden Angebot sei automatisch eine Zunahme des Interesses an Kultur und Kunst verbunden, muss allerdings zunehmend in Zweifel gezogen werden, denn Besucherstatistiken und wissenschaftliche Bestandsaufnahmen zur kulturellen Beteiligung fördern immer häufiger nicht nur Erfreuliches zutage. Schon vor einiger Zeit konstatierte Susanne Keuchel in einer Untersuchung zum Verhalten deutscher Kulturnutzer ein über dreißig Jahre hinweg andauerndes «recht gleichbleibendes Kulturverhalten». Zugleich sprach sie von einer «erstaunlichen Konstanz» der Gruppe der kulturell Interessierten, wenngleich sich die kulturellen Präferenzen im einzelnen durchaus veränderten (Keuchel 2005: 114f.). Anders ausgedrückt: Trotz eines erheblich ausgeweiteten Kulturangebotes, trotz eines Zugewinns an Freizeit und höheren Bildungsabschlüssen vieler Menschen, trotz der Tatsache, dass eine größer gewordene gesellschaftliche Gruppe aufgrund ihrer ökonomischen Situation und ihres Alters (nach der Familienphase) mehr Kulturangebote nutzen könnte, hat eine Ausweitung der aktiven kulturellen Partizipation nicht stattgefunden. So weit, so bedenklich.

Bei einer ersten Bestandsaufnahme lässt sich dieser Trend nicht nur in Deutschland feststellen. Auch in Frankreich und den USA sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten, obwohl sich die Gesellschaften in wesentlichen Aspekten unterscheiden. In Frankreich meiden immer mehr Franzosen Bücher, Museen und Theater – so eine Erhebung des französischen Kulturministeriums. Eine landesweite Untersuchung des National Endowments for the Arts ergab für die USA sogar signifikante Rückgänge der Nutzung kultureller Angebote.

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Kulturelle Teilhabe in den USA

Über die kulturelle Teilhabe in den USA ist in Deutschland wenig bekannt. Das ist wenig verwunderlich, denn hierzulande beschäftigt man sich – von Fachpublikationen in geringer Auflage abgesehen – kaum mit der Entwicklung in anderen Ländern. Die Traditionen und Verhältnisse scheinen zu fremd für den hiesigen selbst bezogenen Diskurs zu sein. Jedenfalls geben die Erkenntnisse aus einer Untersuchung des National Endowments for the Arts aus dem Jahr 2008 allen Anlass, aufmerksam zu werden. Bei dem «Survey of Public Partizipation in the Arts» handelt es sich um die größte Vergleichsstudie in den Vereinigten Staaten. Sie ist seit 1982 fünf Mal durchgeführt worden und ermöglicht deshalb für diesen Zeitraum einen Vergleich der kulturellen Teilhabe sowohl der Gesamtbevölkerung wie von einzelnen demografischen Teilgruppen. Die Darstellung dieser Momentaufnahmen beschränkt sich allerdings auf die statistische Darstellung und fragt nicht nach den Gründen der dabei sichtbar werdenden Trends.

Trotzdem haben es die Berichte in sich. So stellt der Bericht 2009 fest, dass im Vergleich zum letzten Survey im Jahr 2002 die kulturelle Beteiligung der erwachsenen Bevölkerung in allen Kunstsparten – mit Ausnahme der Literatur, d.h. des Bücherlesens –  gesunken ist. Insgesamt sind es noch ca. 81 Millionen US-Amerikaner (= 36 %), die ein Kunstmuseum oder eine Galerie besuchen, in Theater-, Opern-, Ballett- bzw. Tanzveranstaltungen gehen oder Musikkonzerte (Klassik, Jazz, Latin/Salsa) hören. Es wird zwar konzidiert, dass die schlechte wirtschaftliche Situation im Erhebungszeitraum (Mai 07 bis Mai 08) auch Auswirkungen auf die kulturelle Teilhabe gehabt haben könnte, zumal der Zusammenhang von Ticketverkauf für Kulturveranstaltungen und wirtschaftlicher Entwicklung in den USA klar belegt ist. Allerdings bestätige sich dieser degressive Trend im Langzeitvergleich seit 1982. Die kulturelle Teilhabe hat in diesem Zeitraum nicht nur nachgelassen; die Kulturnutzer sind im Schnitt auch älter geworden. Bemerkenswert ist dabei, dass die Partizipation nicht nur bei den jüngeren Menschen (11- 44 Jahre), sondern auch in der folgenden Altergruppe (45 – 54 Jahre) gesunken ist, aus der sich traditionell die aktiven Kulturnutzer rekrutieren. Und noch ein Ergebnis irritiert: Auch der Zusammenhang von hoher Bildung und Kulturteilnahme wird schwächer. So zeigen die Ergebnisse, dass auch bei den College-Absolventen die Teilhaberate merklich sinkt. Eine Erklärung haben die Forscher für diese Entwicklung nicht. Sie vermuten jedoch, dass die größere Vielfalt kultureller Beteiligung (z.B. durch eigenes künsterlisches Tun, kulturelle Bildung und neue Medientechnologien wie etwa das Internet) ein Grund dafür sein könnte.

Ist der skizzierte allgemeine Trend schon wenig ermutigend, wird die kulturpolitische Brisanz noch deutlicher, wenn die Ergebnisse für einzelne Kunstarten oder –sparten vorgestellt werden. Nehmen wir z.B. die Musik und die Darstellenden Künste. Hier wird deutlich, dass vor allem das Klassiksegment enorm eingebrochen ist. Haben etwa im Jahr 1982 noch 13,0 % der US-Amerikaner pro Jahr wenigstens ein klassisches Konzert besucht, so waren es im Jahr 2008 noch 9,3 % (- 29%). Der Opernbesuch ist von 3,0% auf 2,1%  (= -30%) gesunken und der Ballettbesuch von 4,2% auf 2,9% (= -31%). Auch die populärsten Kultureinrichtungen/-programme (Kunstmuseen, Galerien, Parks, historische Gebäude, kunsthandwerkliche Ausstellungen und Kunstfestivals), die 1982 noch Partizipationswerte von 22,1 % bis 39,0% erzielten, haben an Zuspruch verloren. Die Festivals/Ausstellungen der bildenden Kunst und des Kunstgewerbes sogar 37%. Auch im Bereich der eigenaktiven kulturellen Betätigungen gab es in der erwachsenen Bevölkerung seit dem Jahr 1992 deutliche Rückgänge, beim Nähen und Weben sogar von 24,8 auf 11,7 %. Lediglich das Fotografieren hat von 11,6 % auf 14,7% zulegen können, was wahrscheinlich der technischen und monetären Entwicklung (preisgünstige Digitalkameras, zusätzliche Optionen durch die Archivierung und Bearbeitung mit dem PC) in diesem Bereich geschuldet ist.

Bedenklicher als die Abnahme der Partizipationswerte insgesamt sind jedoch die Veränderungen des Alters der Nutzer. So fallen die Rückgänge beim Veranstaltungsbesuch in den Altersgruppen der 18-24-Jährigen und der 45 – 54 Jahre alten Menschen noch drastischer aus. Am größten sind die Verluste im Jazzbereich bei den Jüngeren (von 17,5 auf 7,3% = – 58% !). Auch die Klassische Musik, die Oper und das Ballett haben in beiden (!) Altersgruppen zwischen 1982 und 2008 ebenfalls Rückgänge von 36 bis 40% der Besucher zu verzeichnen. Bemerkenswert ist dabei, dass sich der Verlust auch bei den höher Gebildeten («College-Educated Adults») in vergleichbarer Größenordnung zeigt. Ihnen wurde bislang eine eher verlässliche Affinität zum Klassiksegment attestiert. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass es sich bei der Entwicklung nicht um einen vorübergehenden Trend handelt, der sich in ein paar Jahren auch umkehren könnte, sondern um ein stabile Abwärtsentwicklung, die ihren Sockel vielleicht noch nicht erreicht hat.

Für die Kulturpolitik ebenso wie für die Betreiber von Konzerthallen, Opern oder Balletthäusern ist diese Entwicklung sicherlich ein Problem. Sie indiziert jedoch noch nicht eine generelle Abnahme des kulturellen Interesses, sondern bildet eher einen vielschichtigen Transformationsprozess ab. Denn die (Bühnen-)Künste sind nicht nur live zu erleben, sondern auch medial vermittelt und vor allem online. Immerhin hören und sehen 17,8 % der erwachsenen US-Amerikaner (= 40 Millionen Menschen) auf diese Weise klassische Musikkonzerte und dies vermutlich öfter als einmal im Jahr. Dreißig Prozent nutzen das Internet, um Musik zu hören, Theater oder auch Tanzaufführungen zu sehen und sie tun dies im Schnitt ein Mal pro Woche. Ebenso oft sehen sich 20,2 % der Internetnutzer Bilder, Skulpturen oder Fotografien auf diese Weise an. Leider werden diese Formen der kulturellen Teilhabe nicht näher untersucht und beschrieben. Sie scheinen jedoch an Bedeutung zu gewinnen und dies nicht nur in den USA, wie eine Untersuchung aus Frankreich eindrücklich unter Beweis stellt.

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Kulturelle Praktiken der Franzosen im digitalen Zeitalter

Wie in den USA gibt es in Frankreich seit Anfang der 1970er Jahre regelmäßig repräsentative Umfragen zu den kulturellen Gewohnheiten der französischen Bevölkerung. Die jetzt erneut vom Ministerium für Kultur und Kommunikation herausgegebene Erhebung ist die fünfte ihrer Art und untersucht den Zeitraum von 1997 bis 2008. Anders als die Studien des US NEA, die nicht nach dem „Warum“ der statistischen Entwicklung fragen, bieten die französischen Arbeiten auch eine Interpretation des Zahlenwerks an. Für den untersuchten Zeitraum konstatiert Autor Olivier Donnat die Notwendigkeit, „die tiefgreifenden Veränderungen zu thematisieren, die den Zugang zur Kultur mit dem Aufstieg des Internets und der Digitalisierung begleiten.“ Dazu gehören die vielfältigeren Möglichkeiten des Fernsehkonsums, der sich zugleich mit der Zunahme der Programme und dem Aufkommen des Home Cinema diversifiziert, der Siegeszug der DVD, die elektromagnetische Ton/Bildträger nahezu vollständig ersetzt hat, die Einführung der Spielkonsole und des MP3-Players, der das nahezu unbegrenzte Musikhören jederzeit und überall ermöglicht. Hinzu tritt der spektakuläre Erfolg des multifunktionalen Handys. „Mit der Digitalisierung und den heute verfügbaren multifunktionalen Endgeräten wird man die meisten kulturellen Praktiken in Zukunft über den Bildschirm verfolgen und ausüben können: man wird Bilder betrachten und Musik hören, aber auch Texte lesen, professionell und zur Unterhaltung, ganz zu schweigen von der in Zukunft ganz selbstverständlichen Präsenz von Bildschirmen in Bibliotheken, in Ausstellungen oder sogar bei Live-Events“, schreibt Donnat. Kurz: Bildschirm und Internet wird man in Zukunft nicht entkommen können, der Bildschirm wird nach Donnat zur zentralen Instanz kultureller Nutzungen.

In Frankreich nutzt inzwischen die Mehrheit der 15 – 34jährigen das Netz täglich, bei den 35 – 64jährigen ist es noch ein Drittel – mit steigendem Alter nimmt dafür der Fernsehkonsum deutlich zu. Im Durchschnitt aller Altersgruppen liegt der wöchentlich bei rund 21 Stunden. Addiert man weitere „Bildschirm-Nutzungen“ wie das Internet, die Spielkonsole oder das Betrachten einer DVD hinzu, verbringt der durchschnittliche Franzose in seiner Freizeit rund 31 Stunden pro Woche vor einem Bildschirm. Dabei verschieben sich die Zeitkontingente. Wer mehr im Netz surft, sieht weniger fern. Männer etwa nutzen eher das Netz und sehen im Schnitt zwei Stunden pro Tag weniger fern als Frauen. Gestiegen ist in diesem Rahmen auch die Nutzung von Computerspielen. Das Internet steht allerdings anderen kulturellen Nutzungen nicht entgegen. Insgesamt hat die Zeit, die der durchschnittliche Franzose vor einem Bildschirm verbringt, «nicht grundsätzlich die Neigung abgeschafft, abends auszugehen oder das Angebot kultureller Einrichtungen zu nutzen. Das Ausgehen wie der Besuch kultureller Einrichtungen leiden durchschnittlich weniger unter der Nutzung digitaler Medien als typische Freizeitangebote, der Fernsehkonsum oder das Lesen von Büchern und Zeitschriften.“ – so Donnat. 78 Prozent der User besuchten etwa ein Kino, 28 Prozent gingen ins Theater. Allerdings ist dieser Befund altersmäßig strukturiert: Bei jungen Menschen, die täglich mehr als fünf Stunden vor dem Computer sitzen, nimmt der Besuch kultureller Einrichtungen drastisch ab.

Aufs große Ganze bezogen ist der Umfang kultureller Praktiken in der französischen Bevölkerung über den untersuchten Zeitraum hinweg fast unverändert geblieben. Bei der Bestandaufnahme der entsprechenden Aktivitäten während eines Jahres ergibt sich sowohl für 1997 wie für 2008 ein ähnliches Bild. Danach lassen sich in der Bevölkerung vier etwa gleich große Gruppen ausmachen:

  • Für ein Viertel (24 Prozent) sind kulturelle Angebote ohne jede Bedeutung. Man geht weder ins Kino noch in eine Bibliothek, noch zu einem Live Event oder gar einer Ausstellung. Donnat: „Sie lesen kaum Bücher, hören selten Musik, drei Viertel von ihnen hat noch nie das Internet genutzt, ihre freie Zeit nutzen sie im wesentlichen fürs Fernsehen.“
  • Ein weiteres gutes Viertel (29 Prozent) geht vielleicht ein oder zweimal im Jahr ins Kino oder besucht einen Live-Event, beispielsweise Volkstänze oder einen Zirkus. Kultur ist für sie nachrangig, auch wenn für sie das Fernsehprogramm weniger interessant ist als für die erste Gruppe und sie für außerhäusige Aktivitäten durchaus offen ist. Kulturelle Aktivitäten sind insgesamt deutliche Ausnahme („exceptionel“).
  • Ein weiteres Viertel (27 Pozent) ist kulturellen Angeboten gegenüber etwas aufgeschlossener. Es besucht gelegentlich („occasionel“) Ausstellungen oder Orte des Kulturellen Erbes. Eine Minderheit engagiert sich für das Kino oder aktuelle Musiken. Donnat: „Ausgehen und kulturelle Nutzungen sind hier breiter aufgestellt und häufiger als bei den beiden vorherigen Gruppen, aber in aller Regel zufällig oder sehr speziell: mehrheitlich geht man regelmäßig kaum aus und diejenigen, die häufiger ein Kino oder ein Museum besuchen, interessieren sich kaum für Bibliotheken oder andere kulturelle Veranstaltungen.“
  • Das letzte Viertel (22 Prozent) ist grundsätzlich kulturell interessiert und auch bereit, einen Teil seiner Freizeit regelmäßig außer Haus zu verbringen. Hier findet man die große Mehrheit der Nutzer kultureller Einrichtungen, die im wesentlichen aus den gehobenen Gesellschaftsschichten kommen. Allerdings muss man noch einmal differenzieren: 9 Prozent sind in ihrem kulturellen Engagement deutlich aktiver als die restlichen 13 Prozent. Beide Gruppen verfügen zwar über viele Gemeinsamkeiten, was Bildung und Herkommen betrifft, die signifikanten Unterschiede im Umfang ihrer kulturellen Nutzungen sind vor allem dem Älterwerden und sich wandelnden individuellen Lebensumständen (etwa Umzug, Krankheit oder Scheidung) geschuldet.

Die beschriebene Kategorisierung ist über die letzten Jahrzehnten im Wesentlichen stabil geblieben. Dazu gehören auch entsprechende Vorlieben. Theater, Oper und Museen werden überwiegend von besser Gebildeten und Verdienenden besucht, Arbeiter und viele Angestellte präferieren Straßenfeste und Ähnliches. Zugleich machen sich auch die zentralistischen Strukturen in Frankreich bemerkbar. Während vor allem die großen Pariser Museen wachsende Besucherzahlen verzeichnen, müssen kleinere Einrichtungen in der Provinz um ihren Bestand fürchten. Man könnte hier von einer Spaltung der kulturellen Teilhabe sprechen, die sich sozial und regional strukturiert.

Aktuelle Verschiebungen bei den kulturellen Aktivitäten halten sich dabei in engen Grenzen. So ist die Zahl der gelegentlichen Kinobesucher (1 – 5 Besuche in den letzten 12 Monaten) von 49 auf 57 % deutlich gestiegen. Dabei hat der Anteil älterer Besucher zugenommen. Überhaupt ist das Publikum insgesamt älter geworden. Dieses Phänomen was bisher insbesondere bei Angeboten mit klassischer Musik zu beobachten.

Die Nutzung von Bibliotheken und Mediatheken ist leicht zurückgegangen. Zugleich haben sich die Anteile von Nicht-Lesern und Viellesern deutlich verschoben. Bei den besser Gebildeten sank der Anteil der Vielleser (9 und mehr Bücher im Jahr) von 69 auf 57 %, bei den Arbeitern stieg der Anteil der Nichtleser von 33 auf 43 %. Zugleich sank auch hier die Zahl der Vielleser. Die Hälfte der französischen Bevölkerung (51 %) hat in den letzten 12 Monaten keine Live Show oder Aufführung („spectacle vivant“) in einer Kultureinrichtung besucht. Hier scheint sich zudem ein grundsätzlicherer Wandel abzuzeichnen. Die Zahl der regelmäßigen Besucher solcher Veranstaltungen sinkt, während spontane Besuche zunehmen. Die Zahl derjenigen, die in den letzten 12 Monaten weder eine Ausstellung noch einen Ort des kulturellen Erbes aufgesucht haben, ist von 58 auf 62 % gestiegen.

Zusammenfassend sieht Donnat vor der Hintergrund der wachsenden Bedeutung des Internets allerdings nur zwei wirkliche Brüche. Zum einen den deutlichen Rückgang bei der Nutzung des Radios, obwohl Musik omnipräsent ist. Zum zweiten eine Stagnation des Fernsehkonsums nach Jahrzehnten des ständigen Wachstums. Die Auswirkungen der digitalen Revolution auf die kulturellen Praktiken müsse man deshalb relativieren. Die habe zwar die Zugangsmöglichkeiten zu kulturellen Inhalten verändert und die Strukturen der Kultur-, Kreativ- und Medienwirtschaft destabilisiert, aber eben nicht die kulturellen Nutzungen revolutioniert: „Die Veränderungen der kulturellen Praktiken halten sich in engem Rahmen, offensichtlich werden eher die Trends fortgeschrieben, die bereits bei den früheren Befragungen ermittelt wurden.“ Mit anderen Worten: das kulturpolitische Versprechen, die Nutzung der kulturellen Institute für mehr soziale Schichten zu ermöglichen und entsprechende Initiativen zu fördern, ist gescheitert. Die französische Tageszeitung Le Monde kommentierte die Studie denn auch: „Jeder der bisherigen Kulturminister, egal aus welchem politischen Lager, hat stets die Demokratisierung der kulturellen Teilhabe zu seinen herausragenden Prioritäten gezählt. Oder anders ausgedrückt: Bücher, Theater, Oper und Museen sollten nicht nur den besser Gebildeten und besser Verdienenden vorbehalten bleiben. Für diese Versprechen sind die Ergebnisse der neuen Studie mehr als ernüchternd. Das gilt sowohl für die staatlichen wie für die kommunalen Bemühungen.“

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Kulturpolitik und kulturelle Teilhabe

Auch wenn die oben skizzierten Entwicklungen in den USA und in Frankreich nicht nahtlos auf Deutschland übertragen lassen, gibt es doch eine Reihe von Gemeinsamkeiten, die zum Nachdenken anregen sollten. Der Einfluss von Internet und den digitalen Medien ist ein globales Phänomen, dessen Auswirkungen auch hierzulande zu beobachten sind. Ähnlich wie in Frankreich und in den Vereinigten Staaten ist auch in Deutschland mehr als die Hälfte der Bevölkerung faktisch von der Teilhabe an den öffentlichen Kulturangeboten ausgeschlossen. Diese Hälfte hat ein klares soziales Profil: Es sind die finanziell schlechter Gestellten, die weniger Gebildeten, auch jüngere Menschen, überproportional viele davon mit Migrationshintergrund. Die Gruppe der kulturellen Nutzer wird wiederum immer überschaubarer und homogener. Diese „kulturelle Spaltung“ (Horst W. Opaschowski) unserer Gesellschaft in besser und schlechter Verdienende und Gebildete mag sich in boomenden Städten und Regionen weniger deutlich zeigen, doch in ökonomisch schwachen und abgehängten Stadtteilen oder in ländlichen Regionen sind sie längst sichtbar. Stellt man den demografischen Wandel und die damit verbundenen sinkenden Bevölkerungszahlen noch in Rechnung, erübrigt sich fast schon die Frage nach Auslastung und Legitimation weiter Teile der kulturellen Infrastruktur in den nächsten 10 bis 15 Jahren.

Literatur:

Donnat, Olivier (2009), „Les Pratiques Culturelles des Francais à L’Ère Numerique. Enquete 2008» La Découverte/Ministère des la Culture et de la Communication. Im Internet unter www.pratiquesculturelles.culture.gouv.fr

Guerrin, Michel/Herzberg, Nathaniel (2009): Internet bouscule les choix culturels des Francais, in: Le Monde 15.10.2009, S. 24 – 25

Guerrin, Michel/Herzberg, Nathaniel (2009a): Editorial: Echec culturel, in: Le Monde 15.10.2009, S. 2

Keuchel, Susanne (2005), Das Kulturpublikum zwischen Kontinuität und Wandel. Empirische Perspektiven, in: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hrsg.), Jahrbuch Kulturpolitik 2005, Thema: Kulturpublikum, Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Bonn), Klartext Verlag (Essen), S. 111-127

Lehnartz, Sascha (2009), Niedergang einer Kulturnation, in: Die Welt, 20. Oktober 2009

National Endowment for the Arts (2009), Arts Participation 2008. Highlights from an National Survey, Washington (www.arts.gov)


[1] Mit dem dritten Kulturpolitischen Bundeskongress «publikum.macht.kultur» Jahr 2005, dem «Jahrbuch Kulturpolitik 2005» des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft zum gleichen Thema und der damit verbundenen Forderung nach einer nachfrageorientierten Kulturpolitik ist dies eindrucksvoll unterstrichen worden.

Wolfgang Hippe ist Journalist, Autor und freier Mitarbeiter des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft.

Dr. Norbert Sievers ist Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. Bonn

Der Beitrag ist auch in Heft Heft 127 IV/2009 S. 64 ff. der Kulturpolitischen Nachrichten nachzulesen.

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