Mythos Kultur für alle

Es ist Zeit, den Gründungszusammenhang der „Neuen Kulturpolitik“ wieder in den Mittelpunkt der kulturpolitischen Diskussion zu rücken, meint Uli Glaser.

Es ist allerhöchste Zeit, dass ein Gründungszusammenhang der „Neuen Kulturpolitik“ der 1970er Jahre wieder in den Mittelpunkt der kulturpolitischen Diskussion rückt: Die Frage nach Inklusion und Teilhabe aller gesellschaftlichen Schichten an den Angeboten der Kultur und insbesondere an den kulturellen Angeboten, die –  aus Steuermitteln finanziert – durch öffentliche Träger veranstaltet bzw. in der Trägerschaft Dritter von ihnen ermöglicht werden.

Die Behauptung, die Kulturpolitik habe alle Menschen im Blick und orientiere sich seit den siebziger Jahren an dem Prinzip der Teilhabegerechtigkeit, ist ein kulturpolitischer Mythos. Die Programmsätze, die Appelle, die wohl intendierten Vorschläge (eine kleine Auswahl dazu in der untenstehenden Literaturliste) und eine umfassende Landschaft an vielversprechenden Modellprojekten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kultur für alle immer noch ein Desiderat ist.

Einfache Logik

Dafür gibt es einen ganz simplen Indikator: Wenn die Kulturpolitik Interesse an der Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen hätte, müsste sie wissen, welche Gruppen in welchem Umfang real teilnehmen. Sie müsste wissen, welche Menschen aus welchen Milieus die Kulturangebote bisher nutzen. Wer mit den bisherigen Angeboten nicht erreicht wird, wie sich Kulturnutzer im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung zusammensetzen. Das ist einfache Logik. Es gibt allerdings kaum empirische Erkenntnisse darüber, welche Gruppen aus welchen gesellschaftlichen Gruppen und Milieus unsere reichhaltige Kulturlandschaft nutzen.

Dabei verfügen wir über eine ganze Palette an Möglichkeiten, um die Teilhabechancen zu verbessern. Im Folgenden seien sie exemplarisch für Kinder aus bildungsfernen Milieus beschrieben. Sie alle könnten mit unterschiedlicher Wirkungsintensität sofort angewendet werden:

- Kulturangebote im allgemein zugänglichen öffentlichen Raum.

- Kulturelle Großveranstaltungen („Events“) mit niedrigen Zugangsschwellen für bildungs- und kulturferne Menschen.

- Begleitende Maßnahmen, die zugangserleichternd wirken: Kinderbetreuung, Sprachhilfen für MigrantInnen, ehrenamtliche Kultur-Paten/-Lotsen (usw.).

- Offene Angebote, kostenlos oder mit starken Ermäßigungen für Bedürftige.

- Wohnortnahe Angebote in Stadtteilen „mit besonderem Entwicklungsbedarf“ und problematischen Sozialindikatoren.

- Angebote in und mit Einrichtungen, die primär mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen arbeiten (Jugendtreffs, Jugendfreizeitheime usw.).

- Erschließung von kulturellen Angeboten für nicht-deutschsprachige Menschen mit Zuwanderungshintergrund, in Kooperation mit Migrantenselbstorganisationen.

- Angebote, die in und mit Kindertageseinrichtungen realisiert werden (in die über 90% aller Kinder gehen).

- Angebote, die in und mit Grundschulen realisiert werden (in die alle Kinder gehen).

- Angebote, die in und mit Schulen realisiert werden, in denen sich vor allem Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten (Hauptschule, Förderzentren usw.) finden.

Fast alle diese Möglichkeiten stünden für fast alle Kultureinrichtungen und fast alle kulturellen Träger aus sämtlichen Kultursparten zur Verfügung, sowohl als „Bring-Struktur“ (die Kultur kommt zu den Menschen vor Ort), als auch als „Geh-Struktur“ (die Menschen werden in die Kultureinrichtungen geholt).

Es ist auch gar nicht so schwer, sich die konkrete Umsetzung vorzustellen. Ein Jahresprogramm von 10 Museumsbesuchen mit pädagogischer Begleitung für alle 3. Klassen von Sonderschulen einer Großstadt, kostenlos durch das Gewinnen eines fördernden Unternehmens, ist ebenso möglich, wie durchgehende Angebote musikalischer Früherziehung in zahlreichen Kindergärten in sozial schwachen Stadtteilen – inkl. einer Ermäßigung für Kinder, deren Bedürftigkeit nachgewiesen ist. Ein Staatstheater kann nicht nur ein Theaterprojekt mit 10 Jugendlichen aus einem Problemstadtteil einmalig durchführen, sondern könnte natürlich eine kontinuierliche Kooperation mit 10 Jugendtreffs aus solchen Stadtquartieren betreiben.

Immer mehr Kultur für wenige

Dem expandierenden Kulturbetrieb der letzten Jahrzehnte ist es gelungen, sich programmatisch für Inklusion auszusprechen, seine Angebotsstruktur aber keineswegs an Inklusionsstrategien auszurichten. Es ist gelungen, den Nimbus des Engagierten herzustellen, ohne wirklich zu handeln. Im Zweifelsfall und unter Rechtfertigungsdruck argumentiert die Kultur zugunsten einer Priorität der inhaltlichen Arbeit und des künstlerischen Impetus – und macht damit einen Konflikt auf, der so gar nicht existiert.

Simon Rattle hat formuliert, dass die Berliner Philharmoniker zum einen das beste Orchester der Welt sein wollen, zum anderen ein lebendiger Faktor im sozialen Leben der Stadt sein sollen. Keine öffentlich finanzierte Kultureinrichtung, kein Träger egal welcher Sparte, der nicht diese zwei Ziele gleichzeitig verfolgen könnte, so er denn wollte. Dass eine Verwirklichung dieser beiden Ziele parallel möglich ist, wird jedoch von den deutschen Kultureinrichtungen durch ihre Praxis einstimmig und vehement bestritten.

Ein Konflikt besteht in der Konkurrenz um den Einsatz der (öffentlichen) finanziellen Mittel. Natürlich sind „Audience Development“-Programme mit Mühe, Aufwand und Kosten verbunden – gerade, wenn es um vermeintlich „schwierige“ Zielgruppen geht, und wenn man die Synergien vergisst, die aus der Kooperation mit Bildungs-, Jugendhilfe- und Sozialeinrichtungen entstehen können. Wo sind die in die Fläche gehenden Programme kultureller Bildung, die vor allem auch benachteiligte Kinder erreichen? Wo sind die kulturellen Standortentscheidungen zugunsten von sozial schwachen Stadtteilen (jenseits von soziokulturellen Stadtteileinrichtungen)? Wo sind die konsequenten Programme für Hauptschulen, Förderzentren und Sonderschulen durch kulturelle Träger? Wo sind die Beispiele konkreter „positiver Diskriminierung“ von Benachteiligten durch eine konsequente Ermäßigungspolitik bei den Eintrittspreisen? Wo sind die flächendeckenden Programme kultureller Bildung in Kooperation mit Kindergärten und Grundschulen – den Einrichtungen, in denen alle Kinder sind? Wo ist die intensive und langfristige Zusammenarbeit der Kultur mit Jugendfreizeitheimen, Migrantenselbstorganisationen und Wohlfahrtsverbänden, die die Interessen der Schwächeren in der Gesellschaft stellvertretend wahrzunehmen versuchen? Wo ist die konsequente Übertragung vielversprechender Modellprojekte kultureller Bildung auf flächendeckende Programme, die vor allem auch bildungsfernen Menschen zugute kommen?

Der Kulturbetrieb investiert stattdessen lieber seine (Steuer-) Mittel in Werbe- und Marketing-Maßnahmen, um die umworbene Zielgruppe der kulturellen Vielnutzer (hochgebildet und meist einkommensstark, maximal 10% der Bevölkerung) zu erreichen und auf diesem Wege die Einrichtungen besser auszulasten.

Zuletzt und zuspitzend sei gefragt: Wo wird der öffentlich finanzierte Kulturbetrieb als finanzielle Umverteilungsmechanismus von unten nach oben hinterfragt? Wie wird das Verhältnis der Gesamtheit der Steuern zahlenden Bürger zu der besser verdienenden, gut- und hoch gebildeten Schicht beschrieben, die den Großteil der Nutzer öffentlich finanzierter und unterstützter Kultureinrichtungen ausmacht? Diesen Fragen wird sich die Kulturpolitik künftig in verstärktem Maße stellen. Dr. Uli Glaser ist ehrenamtlicher Geschäftsführer der Landesgruppe Bayern der Kulturpolitischen Gesellschaf. Beruflich ist er  in wissenschaftlichen bzw. Leitungsfunktionen im Kultur- und Sozialbereich der Stadt Nürnberg tätig.

Literatur

Max Fuchs: Kultur – Teilhabe – Bildung: Reflexionen und Impulse aus 20 Jahren. München (kopaed / BKJ) 2008.

Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hg.): Jahrbuch für Kulturpolitik 2005 – Kulturpublikum. Bonn, Essen 2005.

Jens Maedler (Hg.): TeilHabeNichtse – Chancengerechtigkeit und Kulturelle Bildung. München (kopaed / BKJ) 2008.

Birgit Mandel (Hg.): Audience Development, Kulturmanagement, Kulturelle Bildung – Konzeptionen und Handlungsfelder der Kulturvermittlung. München (kopaed / BKJ) 2008.

Norbert Sievers, Reinhold Knopp, Jochen Molck: „ Kultur nicht für alle? Kulturpolitik und gesellschaftliche Teilhabe“, in: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr. 126 (Heft 3, 2009), S. 31-34.

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