Hunger auf Kultur

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Für Mai plant der Wiener Verein “Hunger auf Kunst und Kultur” eine Kampagne gegen Ausgrenzung und Armut: Auch Menschen in finanziellen Schwierigkeiten haben ein Recht auf Kunst und Kultur.

Aus zwei zentralen Gründen muss „Menschen mit finanziellen Engpässen“ eine kulturelle Teilhabe ermöglicht werden, so Monika Wagner, Geschäftsführerin von Hunger auf Kunst und Kultur : „Sowohl wegen der Auseinandersetzung mit Kunst als auch wegen der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Viele von Armut betroffene Menschen leben extrem isoliert und zurückgezogen.“ Zu bedenken sei auch, dass sich die Formen von Armut seit den 1970er Jahren stark gewandelt haben. Damals wurde Armut vor allem mit Obdachlosigkeit gleichgesetzt. Heute macht die Gruppe der Menschen ohne Dach über dem Kopf nur noch einen kleinen Prozentsatz der Armutsgefährdeten aus. Wagner: „Auf Grund der unsicheren Arbeitsmarktsituation ist heute bereits ein Teil der unteren Mittelschicht gefährdet, in die Armut abzurutschen. Viele dieser Menschen sind auf der Straße aber nicht als ’Arme’ erkennbar.“ Zudem setze diese Gruppe alles daran, um „, ihre missliche Lage zu verheimlichen“. Eine ganze Reihe von Indizien können auf eine solch prekäre Situation hinweisen: man lädt beispielsweise Freunde oder Verwandte nicht mehr zum Essen nach Hause ein, weil man sich für seine Wohnsituation, die alten Möbel oder die aus Geldmangel nicht vorgenommene Renovierung schämt. Die Zahl armutsgefährdeter Menschen in Österreich liegt derzeit bei knapp einer Million. 492.000 davon sind von manifester Armut bedroht. Das bedeutet, sie verfügen über ein nur äußerst geringes  Einkommen und haben kaum die Möglichkeit, sich aus ihrer prekären Situation zu lösen, etwa, weil sie chronisch krank sind.

Der Kulturpass

Um trotz alledem eine kulturelle Teilhabe möglich zu machen, organisiert der Verein seit Dezember 2003 die Ausgabe von Kulturpässen. Sie gewähren ihren Inhabern freien Eintritt zu allen Kultureinrichtungen, die Partner der Aktion sind. Bei den Karten handelt es sich nicht um „Restkarten“, man kann mit dem Kulturpass auch reservieren lassen. Der Gedanke an ein kulturelles Almosen soll gar nicht erst aufkommen. Der Schlüssel zum Erfolg des Projekts liegt in der Zusammenarbeit von Experten aus der Kultur und dem Sozialbereich. Die Kulturverantwortlichen wissen um die jeweiligen Rahmenbedingungen in Kulturbetrieben Bescheid, deshalb obliegt ihnen und ihren Instituten die Finanzierung der Karten. Sie können sie „spenden“, sich um einen sozial engagierten Sponsor oder Mäzen bemühen oder bei ihrer Budget-Kalkulation sofort eine gewisse Anzahl dieser „Freikarten“ einrechnen und ihre Preise entsprechend gestalten. Die Idee zur Aktion kam übrigens aus der Kultur. Airan Berg, seinerzeit einer der künstlerischen Leiter des Wiener Schauspielhauses und zwischenzeitlich der Künstlerische Leitung für Darstellende Kunst für Linz 09 Kulturhauptstadt Europas begründete das Engagement so: „Theater ist und war auch früher ein Ort der Kommunikation und der Begegnung ohne Rücksicht auf soziale Schichten. Das Theater ist per se politisch und sollte auch engagiert sein. Es ist letztendlich unsere Aufgabe, Kunst und Kultur für alle zu machen und nicht nur für diejenigen, die es sich gerade leisten können.“

Auf der anderen Seite verfügen die SozialarbeiterInnen über Erfahrungen mit den jeweiligen Menschen sozialer Randschichten und können etwaige Bedürfnisse und Anliegen kommunizieren. Wagner: „Die Sozialarbeiter haben das Angebot in ihre Betreuungsarbeit integriert. Teilweise werden gemeinsame Kulturausflüge organisiert, teilweise Menschen dazu motiviert, die kulturellen Angebote eigenständig zu nutzen.“

Einen Kulturpass beantragen kann man heute in Wien bei 198 Stellen, einem Netzwerk, das von der österreichischen Armutskonferenz und vielen Hilfsorganisationen bis hin zu den Sozialzentren der Stadt Wien gebildet wird. Der Antragsteller muss nachweisen, dass er Sozialhilfe, Notstandshilfe oder eine Mindestpension bezieht oder Flüchtling und Asylbewerber ist. In Wien gibt es derzeit rund 20.000 Kulturpass-Besitzer, in ganz Österreich etwa 32.000. Derzeit beteiligen sich in ganz Österreich beteiligen sich bisher 460 Kultureinrichtungen an der Aktion, in Wien sind es 141. Die Palette reicht dabei von der Albertina über das Technische Museum, den Dschungel Wien bis zum den Vereinigten Bühnen Wien bis zum Kabarett Niedermair.

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Das gute Beispiel

Das Projekt hat inzwischen über die Grenzen Österreichs hinaus Nachahmer gefunden. In der Schweiz hat das Züricher Theater am Neumarkt 2004 die „Aktion 41 – Theater für alle“ gesatrtet – es arbeitet hier mit der örtlichen Caritas zusammen. Auch in Berlin wird das Wiener Modell diskutiert und auch im Berliner Senat behandelt. Anfragen gibt es auch aus Stuttgart, Darmstadt, Leipzig und Hamburg. Auch in Schwerin, Bielefeld oder Minden gibt es ähnliche Initiativen. In Frankfurt fordert der Verein Kultur für ALLE e.V. : „Macht es möglich, dass Kultur zum Existenzminimum gehört“ – seit letztem Jahr gibt auch er  Kulturpässe an Interessierte aus, am Main ein scheckkartenähnlicher Ausweis, mit dem der man sich, in Verbindung mit einem Lichtbildausweis, an den Kassen der Veranstalter ausweisen kann. In Luxemburg wird es im Laufe dieses Jahres einen passeport culturel geben. Beteiligt sind hier das Kulturministerium, das Ministerium für Familie und Integration, der Fonds national de solidarité und CULTUR’ALL.

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