Keine Alternative zur Aufklärung

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Deutsche Arbeitsplätze

Politiker verteidigen gerne deutsche Arbeitsplätze und diffamieren dabei zum Beispiel die Rumänen als faul und inkompetent. Können so bestimmte antisemitische Stereotype und Bilder nicht unter der Hand in andere kulturelle Strategien der Ausgrenzung einfließen?

Man sollte sich hier zunächst in Erinnerung rufen, dass der Antisemitismus keine rationale Haltung zur Welt ist. Jean-Paul Sartre hat das klar formuliert: Antisemitismus ist immer eine Verbindung von Weltanschauung und Leidenschaft. Was die antisemitische Haltung für andere kulturelle Ausgrenzungsstrategien interessant macht, ist die antisemitische Unfähigkeit, in der modernen Welt leben zu können oder zu wollen, ihre Unfähigkeit, die Ambivalenzen und Widersprüche, die die bürgerliche Gesellschaft und der Kapitalismus produzieren, zu ertragen und nach konstruktiven Lösungsstrategien zu suchen. Der Antisemitismus will Konflikte und Probleme nicht bearbeiten, sondern er will zerstören und vernichten. In dieser generellen Ablehnung von Moderne, Aufklärung und Emanzipation liegen natürlich Elemente, die auch bei anderen Formen der Ausgrenzung anzutreffen sind und die miteinander korrespondieren. Deshalb ist es kein Zufall, dass jemand mit antisemitischen Einstellungen oft auch Formen des Rassismus und des ethnischen Nationalismus vertritt. Wir finden hier ein Setting, in dem der Antisemitismus zwar die prägende Rolle spielt, aber auch mit anderen Strategien der kulturellen Ausgrenzung verbunden ist.

Der Hinweis auf Ausländerfeindlichkeit liegt auf der Hand, aber wie steht es mit anderen Vorurteilen, etwa dem Bild des „Sozialschmarotzers“ und seiner „spätrömischen Dekadenz“?

Man sollte nicht zu viele Dinge in einen Topf werfen und dabei die Unterschiede der Argumente zu unscharf werden lassen. Bedeutsam ist beim Antisemitismus aus meiner Sicht eher, dass die Frage der Ausgrenzung essentialisiert und naturalisiert wird.

Vor kurzem hat eine Boulevard-Zeitung getitelt „Immer mehr Politiker für Kondome für Hartz-IV-Empfänger“.

In solchen Sprachbildern löst sich die Schärfe der theoretischen Trennung praktisch auf. Aber eben weil sich Zuschreibungen überlappen, sollte man auf Genauigkeit achten. Ein ganz wichtiges Kriterium: Wenn die ausgegrenzte oder kritisierte Personengruppe die, vielleicht auch nur hypothetische, Möglichkeit hat, selbst etwas an ihrer Ausgrenzung zu ändern, haben wir es mit anderen Ausgrenzungsmustern als dem des Antisemitismus zu tun: Eine soziale Rolle ist prinzipiell revidierbar, eine ethnisierte nicht. In der medialen Realität verwischt sich diese theoretische Differenzierung natürlich leicht.

Was verbindet, was trennt vor diesem Hintergrund Antisemitismus und Antiislamismus?

Die Suche nach Gemeinsamkeiten beider Phänomene finde ich befremdlich. Ich kann keine substantiellen Gemeinsamkeiten ausmachen, auch nicht, wenn man berücksichtigt, dass es gewisse Parallelen in der Bildsprache gibt. Die Metaphern des vormodernen Antijudaismus ähneln zum Teil denen, die heute zum Beispiel mit dem Schlagwort einer „Islamisierung Europas“ verbunden sind. Daraus eine Gemeinsamkeit zu konstruieren, blendet aber so gut wie alle theoretischen Erkenntnisse über Antisemitismus aus. Bedeutsamer sind aus meiner Sicht allerdings die Gemeinsamkeiten von Antisemitismus und gegenwärtigem Islamismus. Es sind vor allem islamistische Gruppen, die substantiell antisemitisch argumentieren. Man denke nur an die Politik des Iran und seine wiederholten Drohungen, Israel vernichten zu wollen. Man denke an zahlreiche Aktionen in islamisch geprägten Gesellschaften, in denen Fahnen Israels und der USA verbrannt werden. Man denke an die palästinensischen Organisationen, die z. T. den Antisemitismus in ihren Grundsatzprogrammen festgeschrieben haben. Und nicht zuletzt sind die Motive der islamischen Terrororganisationen, die für 9/11 und andere Terroranschläge verantwortlich sind, antisemitische Motive. Kurzum: der Zusammenhang von Antisemitismus und Islamismus gerät oft in den Hintergrund, wenn man unsinnigerweise nach Parallelen zwischen Antisemitismus und Antiislamismus sucht.

Reicht zur Charakterisierung des Antiislamismus der Verweis auf vormoderne Argumente ?

Das reicht nicht. Ein zentraler Unterschied zwischen Antisemitismus und der Ablehnung des Islam ist, das der Antisemitismus ausschließlich auf Phantasien der Antisemiten gründet und nicht in der Wirklichkeit wurzelt. Die Ablehnung des Islam besteht zwar zu Teilen auch aus absurden Vorstellungen, die aus rassistischen Motiven formuliert werden. Es gibt aber auch eine Reihe von handfesten und überaus sinnvollen Gründen, den Islam zu kritisieren. Ich nenne – neben dem islamischen Antisemitismus – nur die Scharia, die Diskriminierung von Frauen oder von Homosexuellen. Hier ist es zwingend notwendig, die gewalttätigen und barbarischen Elemente des Islam vor dem Hintergrund der Aufklärung und der dann im europäisch-amerikanischen Kontext proklamierten Menschenrechte zu kritisieren – auch mit sehr klaren, scharfen Worten. Und eine solche Kritik unterstützt nebenbei bemerkt sogar diejenigen Muslimen in Europa, die sich der islamistischen Barbarei ebenfalls nicht aussetzen wollen.

Aus Ihrer Sicht gibt es keine Alternative zur Aufklärung?

Es gibt keine Alternative, auch wenn die Aufklärung nicht nur Emanzipation bedeutet, sondern auch eine Reihe von kritikwürdigen Ambivalenzen wie etwa die Vergötterung der Naturwissenschaften produziert hat. Man kann aus meiner Sicht aber nicht hinter die Erkenntnis zurück, dass der Mensch ein selbst bestimmtes und sich selbst bestimmen sollendes Wesen ist. Dazu gehört die Säkularisierung und die grundsätzliche Trennung von Staat und Religion – das sind die Diskussionsgrundlagen, „weniger“ ist aus meiner Sicht nicht verhandelbar.

Samuel Salzborn ist Vertretungsprofessor für Demokratieforschung am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Universität Giessen. Zuvor war er Fellow des Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA) an der Hebrew University of Jerusalem (Israel). Seine Habilitationsschrift ist eben unter dem Titel „Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich“ bei Campus Frankfurt a.M./New York erschienen.

Einen Vortrag des Autors über die „Politische Theorie des Antisemitismus“ finden Sie  hier

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