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Antisemitismus ist wahrscheinlich die bisher erfolgreichste der kulturellen Strategien zur sozialen Ausgrenzung von Minderheiten. In ihm verbinden sich soziale und religiöse Vorurteile zu einer antimodernen Weltanschauung. Zugleich ist er ein fester Teil der deutschen Kulturgeschichte, meint der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn.
Herr Salzborn, passt Antisemitismus zum deutschen Bildungsbürgertum?
Ja. Antisemitismus gehörte zum deutschen Bildungsbürgertum, aber kein sozialer Status war oder ist gegen ihn immun – auch nicht das Großbürgertum, die Arbeiter und Angestellten oder die Arbeitslosen. Antisemitismus ist ein allgemeiner Teil der deutschen Kultur und historisch fester Bestandteil der deutschen Nationenbildung. Umgekehrt lautet die positive Nachricht: kein sozialer Status führte und führt zwangsläufig zu Antisemitismus. Neu ist heute aber, dass man im Gegensatz zu früher überhaupt keine eindeutige Trägerschicht mehr ausmachen kann.
Gilt diese Entwicklung für ganz Europa?
Im Prinzip ja, allerdings in abgeschwächtem Maße. Die Loslösung antisemitischer Einstellungen vom ökonomischen und gesellschaftlichen Status ist bisher aber vor allem im deutschen Sprachraum, also für Deutschland und Österreich, sozialstrukturell beforscht worden.
Der Begriff Antisemitismus wurde 1879 geprägt und sollte dazu dienen, die bestehende Ablehnung von Juden wissenschaftlich und theoretisch zu begründen.
Im Rückblick kann man in der deutschen Geschichte einen sehr dominanten Strang identifizieren, der schließlich zu der Herausbildung dieses Begriffs geführt hat. Die Historikerin Shulamit Volkov hat diese Entwicklung eindringlich beschrieben. Der vormoderne Antijudaismus war zunächst religiös motiviert. Er erfasste weite Teile der deutschen Kultur und wurde im Übergang zum modernen Antisemitismus – unter Einschluss der pseudowissenschaftlichen Rassetheorien – Teil ihres politischen und gesellschaftlichen Fundaments. In der wilhelminischen Gesellschaft entwickelte er sich schließlich zum handlungsleitenden Motiv. Dem Bekenntnis zum oder gegen den Antisemitismus konnte man nicht mehr ausweichen. Dadurch wurde die Gesellschaft segmentiert, gespalten, polarisiert und die politische Kultur ganz nachhaltig geprägt. Volkov hat diesen Prozess als Ablehnung der Moderne, der Aufklärung, des Liberalismus, kurzum: des gesamten politischen Fortschritts beschrieben.
Braucht der Antisemitismus überhaupt reale Juden?
Nein und ja – in dieser Reihenfolge. Nein, weil der Antisemitismus kein seriöser Versuch ist, sich mit dem Judentum und seiner Geschichte wirklich auseinander zu setzen. Er ist vielmehr das „Gerücht über die Juden“, wie Theodor W. Adorno es genannt hat. Deswegen ist es Antisemiten auch egal, wie Juden sich verhalten. Sie würden sich immer gegen sie wenden. Aber der Antisemit braucht auch reale Juden als Projektionsfläche, auf die er seine Wahnvorstellungen richten und an denen er seine Ressentiments ausagieren kann. Da der Antisemit für sich die Definitionshoheit darüber beansprucht, wer oder was als jüdisch gilt, müssen die betroffenen Menschen nicht unbedingt jüdischen Glaubens sein. Die reale Religion spielt keine Rolle.
Bilder und Stereotype
Mit Projektionen verbinden sich immer bestimmte Bilder und Stereotype. Welche Bilder werden heute genutzt?
In der bundesdeutschen Gesellschaft sind offen rassistische Formen des Antisemitismus nicht mehr salonfähig – ein schwer erarbeiteter Konsens der bundesrepublikanischen Gesellschaft, den es immer wieder aufs Neue zu verteidigen gilt. Auch und besonders, weil wir immer wieder auf Formen des latenten Antisemitismus treffen, der über kommunikative Umwege manifest wird. Denn die Kommunikationsstrategie des Antisemitismus hat sich gewandelt. Die alten Ressentiments werden anders kommuniziert, etwa durch Versuche, den Blick auf die NS-Zeit zu verkehren, um die deutsche Schuld zu relativieren oder das Verhältnis von Tätern und Opfern umzudrehen.
Die rechte Szene spricht gerne vom Bombenholocaust …
Dies ist ein Beispiel für eine ganz deutliche Täter-Opfer-Umkehr und eine indirekte Leugnung der Shoah. Es geht überdies aber auch um Bilder, die nicht nur in der rechten Szene Anklang finden: denken Sie etwa an die Varianten des Antisemitismus, die sich gegen Israel richten oder die, die unter dem Deckmantel der Globalisierungskritik formuliert werden. Norbert Blüm phantasierte etwa von einem „Vernichtungskrieg“, den die israelische Armee angeblich führe. Die Antiglobalisierungsbewegung arbeitet fortlaufend mit Bildern vom „raffenden“ Kapitalisten. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass die Grenzen zwischen ansonsten getrennten politischen Lager nachhaltig erodiert sind: Der neue Antisemitismus findet sich über den Umweg der Globalisierungskritik und der Israelfeindschaft sowohl bei der extremen Rechten, wie in der gesellschaftlichen Mitte, aber eben auch in der radikalen Linken.
Das herumvagabundierende, heimatlose „Finanzkapital“ war doch schon immer ein starkes Bild in den entsprechenden Argumentationen?
Damit sprechen Sie eine problematische Wahrnehmung des Kapitalismus an. Diese Form der Kritik zielt nicht auf den Kapitalismus als Ganzes. Vielmehr wird unterschieden zwischen dem konkreten, „bodenständigen“ Kapital, das nicht in Frage gestellt wird und dem abstrakten, scheinbar unfassbaren Finanzkapital. Hier greift man dann auf Stereotype zurück, die aus dem Arsenal der antisemitischen Bildsprache stammen. Und bei deren Verwendung muss unterstellt werden, dass den Urhebern bekannt ist, dass es sich um antisemitische Bilder handelt und man mit diesen antisemitische Ressentiments weiter schürt.
Deutsche Arbeitsplätze
Politiker verteidigen gerne deutsche Arbeitsplätze und diffamieren dabei zum Beispiel die Rumänen als faul und inkompetent. Können so bestimmte antisemitische Stereotype und Bilder nicht unter der Hand in andere kulturelle Strategien der Ausgrenzung einfließen?
Man sollte sich hier zunächst in Erinnerung rufen, dass der Antisemitismus keine rationale Haltung zur Welt ist. Jean-Paul Sartre hat das klar formuliert: Antisemitismus ist immer eine Verbindung von Weltanschauung und Leidenschaft. Was die antisemitische Haltung für andere kulturelle Ausgrenzungsstrategien interessant macht, ist die antisemitische Unfähigkeit, in der modernen Welt leben zu können oder zu wollen, ihre Unfähigkeit, die Ambivalenzen und Widersprüche, die die bürgerliche Gesellschaft und der Kapitalismus produzieren, zu ertragen und nach konstruktiven Lösungsstrategien zu suchen. Der Antisemitismus will Konflikte und Probleme nicht bearbeiten, sondern er will zerstören und vernichten. In dieser generellen Ablehnung von Moderne, Aufklärung und Emanzipation liegen natürlich Elemente, die auch bei anderen Formen der Ausgrenzung anzutreffen sind und die miteinander korrespondieren. Deshalb ist es kein Zufall, dass jemand mit antisemitischen Einstellungen oft auch Formen des Rassismus und des ethnischen Nationalismus vertritt. Wir finden hier ein Setting, in dem der Antisemitismus zwar die prägende Rolle spielt, aber auch mit anderen Strategien der kulturellen Ausgrenzung verbunden ist.
Der Hinweis auf Ausländerfeindlichkeit liegt auf der Hand, aber wie steht es mit anderen Vorurteilen, etwa dem Bild des „Sozialschmarotzers“ und seiner „spätrömischen Dekadenz“?
Man sollte nicht zu viele Dinge in einen Topf werfen und dabei die Unterschiede der Argumente zu unscharf werden lassen. Bedeutsam ist beim Antisemitismus aus meiner Sicht eher, dass die Frage der Ausgrenzung essentialisiert und naturalisiert wird.
Vor kurzem hat eine Boulevard-Zeitung getitelt „Immer mehr Politiker für Kondome für Hartz-IV-Empfänger“.
In solchen Sprachbildern löst sich die Schärfe der theoretischen Trennung praktisch auf. Aber eben weil sich Zuschreibungen überlappen, sollte man auf Genauigkeit achten. Ein ganz wichtiges Kriterium: Wenn die ausgegrenzte oder kritisierte Personengruppe die, vielleicht auch nur hypothetische, Möglichkeit hat, selbst etwas an ihrer Ausgrenzung zu ändern, haben wir es mit anderen Ausgrenzungsmustern als dem des Antisemitismus zu tun: Eine soziale Rolle ist prinzipiell revidierbar, eine ethnisierte nicht. In der medialen Realität verwischt sich diese theoretische Differenzierung natürlich leicht.
Was verbindet, was trennt vor diesem Hintergrund Antisemitismus und Antiislamismus?
Die Suche nach Gemeinsamkeiten beider Phänomene finde ich befremdlich. Ich kann keine substantiellen Gemeinsamkeiten ausmachen, auch nicht, wenn man berücksichtigt, dass es gewisse Parallelen in der Bildsprache gibt. Die Metaphern des vormodernen Antijudaismus ähneln zum Teil denen, die heute zum Beispiel mit dem Schlagwort einer „Islamisierung Europas“ verbunden sind. Daraus eine Gemeinsamkeit zu konstruieren, blendet aber so gut wie alle theoretischen Erkenntnisse über Antisemitismus aus. Bedeutsamer sind aus meiner Sicht allerdings die Gemeinsamkeiten von Antisemitismus und gegenwärtigem Islamismus. Es sind vor allem islamistische Gruppen, die substantiell antisemitisch argumentieren. Man denke nur an die Politik des Iran und seine wiederholten Drohungen, Israel vernichten zu wollen. Man denke an zahlreiche Aktionen in islamisch geprägten Gesellschaften, in denen Fahnen Israels und der USA verbrannt werden. Man denke an die palästinensischen Organisationen, die z. T. den Antisemitismus in ihren Grundsatzprogrammen festgeschrieben haben. Und nicht zuletzt sind die Motive der islamischen Terrororganisationen, die für 9/11 und andere Terroranschläge verantwortlich sind, antisemitische Motive. Kurzum: der Zusammenhang von Antisemitismus und Islamismus gerät oft in den Hintergrund, wenn man unsinnigerweise nach Parallelen zwischen Antisemitismus und Antiislamismus sucht.
Reicht zur Charakterisierung des Antiislamismus der Verweis auf vormoderne Argumente ?
Das reicht nicht. Ein zentraler Unterschied zwischen Antisemitismus und der Ablehnung des Islam ist, das der Antisemitismus ausschließlich auf Phantasien der Antisemiten gründet und nicht in der Wirklichkeit wurzelt. Die Ablehnung des Islam besteht zwar zu Teilen auch aus absurden Vorstellungen, die aus rassistischen Motiven formuliert werden. Es gibt aber auch eine Reihe von handfesten und überaus sinnvollen Gründen, den Islam zu kritisieren. Ich nenne – neben dem islamischen Antisemitismus – nur die Scharia, die Diskriminierung von Frauen oder von Homosexuellen. Hier ist es zwingend notwendig, die gewalttätigen und barbarischen Elemente des Islam vor dem Hintergrund der Aufklärung und der dann im europäisch-amerikanischen Kontext proklamierten Menschenrechte zu kritisieren – auch mit sehr klaren, scharfen Worten. Und eine solche Kritik unterstützt nebenbei bemerkt sogar diejenigen Muslimen in Europa, die sich der islamistischen Barbarei ebenfalls nicht aussetzen wollen.
Aus Ihrer Sicht gibt es keine Alternative zur Aufklärung?
Es gibt keine Alternative, auch wenn die Aufklärung nicht nur Emanzipation bedeutet, sondern auch eine Reihe von kritikwürdigen Ambivalenzen wie etwa die Vergötterung der Naturwissenschaften produziert hat. Man kann aus meiner Sicht aber nicht hinter die Erkenntnis zurück, dass der Mensch ein selbst bestimmtes und sich selbst bestimmen sollendes Wesen ist. Dazu gehört die Säkularisierung und die grundsätzliche Trennung von Staat und Religion – das sind die Diskussionsgrundlagen, „weniger“ ist aus meiner Sicht nicht verhandelbar.
Samuel Salzborn ist Vertretungsprofessor für Demokratieforschung am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Universität Giessen. Zuvor war er Fellow des Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA) an der Hebrew University of Jerusalem (Israel). Seine Habilitationsschrift ist eben unter dem Titel „Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich“ bei Campus Frankfurt a.M./New York erschienen.
Einen Vortrag des Autors über die „Politische Theorie des Antisemitismus“ finden Sie hier
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Schlagworte: Antisemitismus, Ausgrenzung, Europa, Integration, Menschenrecht, Menschenwürde, Ungleichheit
