Die Düsseldorfer Straßenzeitung fiftyfifty feiert ihr fünfzehnjähriges Jubiläum. Die ihr angeschlossene fiftyfifty Kunstgalerie feiert mit. Die Macher sehen ihr Engagement nicht nur karitativ.
Günther Uecker, Jörg Immendorff und Andreas Grusky haben es getan. Auch Georg Baselitz, Gerhard Richter oder Neo Rauch. Sie alle haben sich an der Aktion „Kunst gegen Obdachlosigkeit“ beteiligt und eines oder mehrere ihrer Werke zur Verfügung gestellt. Oder wie der Fotograf Thomas Struth auch Aktionen mit Obdachlosen gemacht. Er stattete Obdachlose mit einer Kamera aus und ließ sie ihre Bilder von der Umwelt festhalten. Das Vorhaben: sie ein Stück von der „Opferrolle befreien und ihnen eine gewisse Sinnhaftigkeit“ stiften. Die Fotos waren auch im Düsseldorfer Stadtmuseum zu sehen, ihre Premiere hatten sie freilich in der fiftyfiftyGalerie . Denn ohne Galerie und die mit ihr verbundene Straßenzeitung gleichen Namens hätte es die Bilder ebenso wenig gegeben wie die Kunstaktion.
Am Anfang war Asphalt
Begonnen hat alles 1994. Damals riefen der Journalist und studierte Religionspädagoge Hubert Ostendorf und der Franziskaner-Pater Matthäus Werner den Asphalt e.V. ins Leben. Ziel des Vereins sollte die Herausgabe einer Straßenzeitung sein, durch deren Verkauf sich Obdachlose einen Teil ihres Lebensunterhalts verdienen konnten. Bei der Suche nach einem geeigneten Namen landete man – auch auf professionellen Rat hin – bei dem Titel fiftyfifty. Der Slangausdruck steht als Synonym fürs Teilen von allem und jedem und sollte auch zur Dachmarke weiterer Projekte werden. Kurze Zeit nach der Zeitung wurde die fiftyfiftyGallerie eingerichtet – zunächst als Versandshop, ab 2001 auch mit „richtigen“ Galerieräumen. Jörg Immendorf war der erste Künstler, der für fiftyfifty tätig war. Seine Skulptur nannte er einen „Oskar für Obdachlose“. Der berühmte Affe ziert auch die Website des Projekts. Denn der Versand ist inzwischen längst online, die Kundschaft der regelmäßigen Online-Auktionen meldet sich sogar aus New York, Amsterdam oder Brüssel. Kein Wunder, denn die Qualität der präsentierten Kunst kann durchaus mit Angeboten von Spitzengalerien mithalten. „Niemand kauft ein Bild aus Mitleid“, weiß Ostendorf. „Die Leute kaufen Bilder, weil sie ihnen gefallen.“ Aktuell im Angebot ist Thomas Ruff mit einer Fotografie aus seiner berühmten Substrat-Serie. Der Künstler, auch erster Preisträger des neu geschaffenen fiftyfiftyMenschenkindpreises, hat der Galerie 80 Abzüge überlassen. Sie sollen pro Stück 1.800 Euro kosten und werden wohl bald ausverkauft sein, schätzt der fiftyfiftyGalerist.
Projekte
2007 entstand mit fiftyfiftyunderdog eine mobile Tierarztpraxis zur Betreuung der Tiere von Obdachlosen. Sie wird ehrenamtlich von drei Tierärzten geführt. Den notwendigen Kleintransporter finanziert der Verein. In Kooperation mit der Ordensgemeinschaft von Bruder Matthäus gibt es auch eine Armenspeisung, ein Heim für chronisch kranke Obdachlose oder eine Punker-WG. Letztere wird vom Asphalt e.V. und der Düsseldorfer Diakonie getragen. „Alles, was einen fortschrittlichen Ansatz hat und unseren Förderkriterien entspricht, können wir auch fördern“, meint Ostendorf. Man habe schließlich das Rad nicht erfunden und sei auf Partner angewiesen. Durch die Erlöse aus Zeitungs- und Kunstverkauf sei man vergleichsweise privilegiert und könne sogar überregionale Projekte unterstützen. Seit einigen Jahren arbeitet man mit Upsala Zirk zusammen. Der Petersburger Straßenzirkus bietet obdachlosen Kindern und Jugendlichen eine Alternative und gilt mittlerweile als einer der besten Zirkustruppen von Kindern und Jugendlichen überhaupt. Fiftyfifty vermittelt pro Jahr 15 – 20 Auftritte in Deutschland, die stets ausverkauft sind. Mit Mugurel, einer Band aus Kindern und Jugendlichen von Romafamilien aus dem ostrumänischen Barlat plant man eine ähnliche Zusammenarbeit. Mugurel (= Knospe) trat auch auf dem fiftyfiftyJubiläumsfest im Düsseldorfer soziokulturellen Zentrum ZAKK auf.
Die Zeitung hat derweil eine Auflage von 80.000 erreicht und wird nicht nur in Düsseldorf, sondern auch im Ruhrgebiet, in Krefeld und Bonn bis nach Frankfurt/Main verkauft. Die Hälfte des Verkaufpreises erhält der obdachlose Verkäufer, außerhalb von Düsseldorf geht ein Viertel an den jeweiligen lokalen Partner, ein Viertel bleibt bei fiftyfifty.
Professionalität/Authentizität
2009 lagen die Einnahmen von fiftyfifty/Asphalt aus Zeitung, Kunst und Spenden bei rund 1,9 Millionen Euro – viel und wenig zugleich. Jedenfalls ermöglicht das eigene Geld ein anderes Wirtschaften. So wohnte das Punk-Projekt mit 20 Leuten zunächst zur Miete. Kostenpunkt: 60.000 Euro im Jahr. Dann kaufte man ein Haus und renovierte es – Gesamtaufwand 300.000 Euro. Die jährlichen Belastungen durch Zinsen liegen bei nur 15.000 Euro jährlich. Der Standard ist zudem besser und – so Diakoniepfarrer Thomas Nolting: „Jetzt sind wir selbst Vermieter und können eventuelle Probleme mit den Bewohnern klären.“ Und nicht nur das, meint Ostendorf. Immobilien wirkten auch nachhaltig. Einmal angenommen, fiftyfifty bekäme Probleme, würde das das Haus nicht berühren. Für den Betrieb selbst erhält die Ordensgemeinschaft den üblichen Pflegesatz vom Landschaftsverband und kann dadurch Personal und anderes finanzieren. Fiftyfifty bemüht sich um Effektivität nicht nur im Bereich des Sozialmarketing in der heutigen Zeit ist.
„Wir arbeiten professionell, was Kommunikation, Produkt- und Preispolitik oder den Vertrieb betrifft.“, sagt Ostendorf. „Aber wir denken nicht nur karitativ, sondern haben auch einen politischen Ansatz.“ Die Botschaft ist klar: Obdachlosigkeit und Armut sind ein Skandal. Bei der Aufklärung darüber gilt es, den Spagat zwischen Authentizität und Professionalität auszuhalten. Für die Zeitung heißt das, ihr Layout und ihre Gestaltung müssen hohen Ansprüchen genügen. Zugleich müssen auch die Obdachlosen selbst zu Wort kommen. Artikel dieser Gruppe werden gedruckt, ohne sie zu glätten. Zugleich machen Mitarbeiter der Zeitung regelmäßig Interviews auf der Straße, denn „wer den ganzen Tag auf der Jagd nach Geld für Drogen ist, hat kaum Zeit, einen Artikel zu schreiben“. Die O-Töne zeigen indes, dass viele trotzdem etwas zu sagen haben. Höchstes beschlussfassendes Organ der Zeitung ist das monatliche Verkäufertreffen, hier werden auch Themen festgelegt. Regelmäßig kommen rund 150 Menschen. Das erinnert an Konzepte der Volksblätter und anderer Alternativzeitungen der 70er und 80er Jahre.
Kunst und Politik
Ebenso wie der Zeitung kommt auch der Kunst eine Aufgabe in Sachen Obdachlosigkeit zu. Ostendorf: „Kunst ist nicht nur dazu da, Geld zu akquirieren. Viele Künstler thematisieren Obdachlosigkeit und Armut und leisten damit einen Beitrag, der weit über das Akquirieren von Geld hinaus geht. Kunst hat auch einen gesellschaftlichen Auftrag.“ Der angestrebte Dialog spiegelt sich in der Unterstützung des russischen Kinderzirkus ebenso wie in der Unterstützung politischer Forderungen wie der nach einem Sozialticket für öffentliche Einrichtungen. Seit dem Erscheinen der ersten Ausgabe von fiftyfifty hat sich die Zusammensetzung der Armen hierzulande verändert. Damals waren vor allem Männer im mittleren Alter von Obdachlosigkeit betroffen, erinnert sich Ostendorf. Dann kamen Osteuropäer, immer mehr junge Leute und auch mehr Frauen. Dass seine Mitstreiter und er die rumänischen Roma-Musiker unterstützt, hat hier einen Grund: „Diese Leute sind die neuen Armen von Deutschland. Sie leben die bitterste Armut, die ich jemals gesehen habe. Sie können keine Sozialhilfe beantragen und kriegen keine Arbeitsgenehmigung. Ich habe versucht, einen Romani -Sprechenden einzustellen, um auf der Straße etwas Unterstützung zu haben. Das wurde mir bei Androhung eines Ordnungsgeldes in Höhe von 500.000 Euro verboten. Man öffnet die Grenzen für die Konzerne, nicht aber für die Menschen.“
Dass fiftyfifty, ihre Sympathisanten und Unterstützer manchmal auch im politischen Raum etwas bewirken können, hat sich vor zwei Jahren erwiesen. Damals wollte die schwarz-gelbe Landesregierung sämtliche Mittel zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit aus dem Landeshaushalt streichen. Man organisierte „Streichkonzerte“ vor dem Landtag, mobilisierte den zugänglichen Teil der Presse und schuf sogar Mottowagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug, auf dem ein Punk-Rüttgers viel Porzellan zerschlug. Die beabsichtigten Streichungen wurden zurückgenommen. Ostendorf: „Wir haben eben keinen rein karitativen Ansatz, sondern einen aus Lobbyismus und Parteinahme.“
Schlagworte: Armut, Ausgrenzung, Europa, Jugendliche, Kinder, Kunst, Künstler, Künstlerinnen, Obdachlosigkeit, Respekt, Roma Zirkus
