Reloaded: Alte Ungleichheiten – neue Spaltungen

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Die kreative Stadt

Zur kreativen Stadt gehört neben dem Produktionssektor auch das Drumherum – Urbanität, Kulturangebot, Kommunikation, Kneipen ..

Vor allem eine schon standardisierte Architektur. Am besten ein alter Industriestandort, der dann als Kultur- oder Kreativfabrik ausgeschrieben wird. Die kommt am besten, wenn Sie eine Mauer ohne Putz haben, viel Glas und Stahl, klare helle Strukturen und möglichst noch einen Schornstein dazu. An der Laderampe liegt dann ein Architektenbüro, daneben ein italienisches Restaurant mit diesen großen Jungs in langen Schürzen. Auf der Zeche Zollverein in Essen kann man sogar noch an diesen gusseisernen Teilen kratzen und hat dann ein echtes Ölstaubgemisch unter den Fingernägeln. Diese Authentizität erhöht die Preise auf der Speisekarte gleich um fünf Euro. Oliver Frei, ein Mitarbeiter von mir, hat die neuen Kreativarbeiter interviewt, warum sie solche Orte präferieren und hat Antworten gekommen wie „Da brummt in der Wand noch die Industrie“. Ich finde schon interessant, dass man Orte auswählt, wo früher körperlich hart gearbeitet wurde und sozusagen noch der Schweiß zu riechen ist. Meine Reaktion ist natürlich auch ambivalent. Auch wenn wir diese Ästhetik kritisieren, fallen wir doch auf diese Codes rein.

Was könnte die Politik denn tun, um heute so etwas zu verhindern?

Einmal abgesehen davon, dass sie gar nichts verhindern will, sollte sie sich stärker über die Ambivalenz dieser Entwicklung im Klaren sein. Im Kontext der „Kreativen Stadt“ oder des kreativen Quartiers werden Prozesse in Gang gesetzt, die wir vor zwanzig Jahren als Gentrification beschrieben haben. Frage, was lernen wir daraus. Damals wurde dieser Prozess auch von mir zu radikal kritisiert. Wir haben uns zu stark an amerikanischen Modellen orientiert, die einen Bevölkerungsaustausch innerhalb kürzester Zeit vorsahen. So etwas hat es hier nicht gegeben. Nur: Natürlich werden auch hier Leute verdrängt, nicht nur, was die wohnliche, auch, was die gewerbliche Nutzung betrifft. Widerstand formuliert sich allerdings erst, wenn die hinzugezogenen Pioniere unter Druck kommen. Erst sie sind auch in der Lage, sich zu wehren.

Das Beispiel des Hamburger Gänge-Viertel hat die Diskussion sehr belebt

Das Schanzenviertel in Hamburg halte ich für ein besseres Beispiel. Hier hat sich die Entwicklung auf für mich sehr interessante Weise stabilisiert. Es gibt ein breites Nebeneinander unterschiedlichster Lebensformen. Es gibt Innenhöfe, wo immer noch Sprüche wie „Bullen raus“ stehen und wo gekifft wird. Andere Häuser wurden zu Eigentumswohnungen umgebaut, dort spielen in den Höfen oft sogar Kinder. Zugleich gibt es eine große Identifikation mit dem Quartier, insbesondere in der Altersgruppe zwischen 30 und 40. Diese Entwicklung gefällt mir sehr.

Die Mischung macht den lebendigen Stadtteil aus.

Es geht nicht darum, Zuzug zu verhindern. Schon die erste Welle der Pioniere verändert ein Quartier – weniger ökonomisch, aber kulturell. Die neue kulturelle Szene schafft sich eine neue Symbolik, die älteren Bewohner können damit nichts anfangen ebenso wenig wie die türkische Bevölkerung. Umgekehrt kaufen die neuen natürlich ihr Gemüse in den türkischen Läden usw. Die entscheidende Frage ist, wie ich Verdrängungsprozesse bremsen kann, wenn der Markt es nicht tut. Zum Anschieben dieser städtischer Entwicklungen gibt es reichlich Instrumente, das Abbremsen spekulativer Tendenzen, die Erhaltung ist nur sehr mühsam zu haben. Dabei wird man auf mehreren Ebenen denken.

Prof. Dr. Jens S. Dangschaft ist Leiter des Fachbereichs Soziologie an der TU Wien. Zu seinen Themen gehören u.a. die tadtsoziologie (Segregation/Gentrification), Regionaldemographie, Nachhaltigkeit, soziale Ungleichheit, Armut sowie Raum- und Planungstheorie.

Aktuelle Publikationen u.a.

„Strategieorientierte Planung im ko­operativen Staat. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 2008. Hrsg. Zusammen mit Hamedinger, A./Frey, O./Breitfuss, A.

„Räumliche Aspekte der Armut“. In: N. Dimmel, K. Heitzmann & M. Schenk (Hrsg.): Handbuch Armut in Österreich. Innsbruck: Innsbrucker Studienverlag: 2009

Ein Gespräch mit Jens Dangschat können Sie hier hören.

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