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Die ökonomische Ungleichheit ist auch in der Lebensstilgesellschaft nicht verschwunden, meint der Soziologe Jens Dangschat – erst recht nicht in der kreativen Stadt oder in der kreativen Klasse.
Herr Dangschat, seit einiger Zeit ist der Begriff der Klasse wieder im Gespräch, jedenfalls wenn es um die creative class geht.
Nicht nur da. Im Mai wird es in Essen im Rahmen von Ruhr2010 ein Treffen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie geben, auf dem u.a. auch über Klassen geredet werden soll. Vielleicht gibt es sie ja doch. Ich habe mit Begeisterung ein Papier an die Organisatoren geschickt, um dort vielleicht einen Vortrag halten zu können.
Sie haben in der Vergangenheit immer wieder auf der Existenz von Klassen, also auf der Existenz ökonomischer Ungleichheit beharrt.
Viele Sozialwissenschaftler haben aus meiner Sicht den Fehler gemacht, immer nur auf kulturelle Differenzierungen, auf Lebensstile und Milieus zu schauen und darüber vergessen, dass die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte die Klassengegensätze verschärft haben. In einer Zeit, in der das wieder deutlich wurde, hat die hiesige Soziologie unbeirrt die Erforschung der kulturellen Ungleichheiten und Differenzierungen in den Mittelpunkt gestellt. Dabei hat doch auch die Vereinigung Deutschlands deutliche regionale Unterschiede hervorgebracht.
War die Konzentration auf kulturelle Unterschiede nicht ein internationaler Trend?
Für mich ist interessant, dass kulturelle Unterschiede insbesondere im deutschen Raum intensiv diskutiert wurden. Das ist etwas anders als in den Niederlanden, Belgien, Frankreich oder Groß-Britannien. Insbesondere dort hat man sich schon früh mit der Spaltung der Gesellschaft befasst, weil die Auswirkungen eines starken Neoliberalisierung früh zu spüren waren. Hierzulande hat sich die Betrachtung der Klassengegensätze, die Unterscheidung von oben und unten, in eine Betrachtung der Ausdifferenzierung der gehobenen Mittelschichten und bildungsnahen Gruppierungen aufgelöst. Bourdieu hat in diesem Zusammenhang von der „Ökonomie der Ästhetik“ gesprochen. Ironie ist, dass dieser Postmaterialismus ursprünglich auch mit der Gewerkschaftsbewegung und Forderungen nach mehr Lebensqualität oder nach mehr Demokratie verbunden war. Diese Aspekte sehe ich im Übrigen sehr positiv.
Die fortschreitende Individualisierung ist eine der zentralen Thesen der neueren Gesellschaftstheorie.
Individualisierung bedeutet ja, dass die alten Strukturen an Bedeutung verlieren. Aber da sollte man genauer hingucken. Auch wenn sie im Schwinden sind, gibt es die traditionellen Gruppierungen nach wie vor. Es gibt traditionelle Strukturen im ländlichen Raum. Es gibt immer noch traditionelle Arbeiterkulturen, auch wenn man das im Ruhrgebiet nicht gerne hört. Wenn Nokia schließt oder Opel Antwerpen, werden auf einen Schlag mehrere tausend Menschen arbeitslos. Das ist für mich eine typische Klassensituation.
Theorienvielfalt
Es gibt allerdings keine einheitliche Erklärung für die gesellschaftliche Entwicklung, es gibt viele Theorien und Erklärungen zum derzeitigen Umbruchprozess.
Die Vielzahl dieser Theorien erklärt sich zum Teil daraus, dass zu oft versucht wird, die komplexen und vielschichtigen, oft unübersichtlichen Prozesse über nur einen Begriff zu betrachten und festzulegen. Diese Form der Theoriebildung ist häufig der Ökonomie der Aufmerksamkeit geschuldet. Sprich, die Kolleginnen und Kollegen wollen über einen zugespitzten Begriff ihre Publikation positionieren.
Wo setzen Sie die Schwerpunkte?
Wir haben es im Kern mit zwei zentralen ökonomischen Umbrüchen zu tun. Das eine ist die Globalisierung, damit sind Unternehmensstrukturen nicht mehr vor Ort steuerbar und nicht mehr Teil einer homogenen Kultur. Produktion, Verwaltung, Entwicklung handeln nicht mehr einheitlich. Zum zweiten befinden wir uns in einem langen Übergang von der Warenproduktion der Industriegesellschaft hin zu einer anderen Gesellschaftsformation, für die es bisher eine Vielzahl von Begriffen gibt. Sie reichen von der Freizeit- und Kulturgesellschaft bis hin zur wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft mit einer scheinbar sehr dominanten Knowledge-Economy. Diese Entwicklung greift tief in den Alltag der Menschen ein, in die Familien-, Zeit- und Arbeitsstrukturen. Im fordistischen Zeitalter war der Produktionsprozess so angelegt, dass jeder grundsätzlich austauschbar war. Jetzt wird das genaue Gegenteil verlangt. Es geht um Individualität, das ICH soll möglichst kreativ und kooperativ sein. Ich soll nicht nur meine Aufgabe bewältigen, sondern auch noch jeden Tag dabei als abwechslungsreich erleben und vor allem alles als spannend empfinden. Hinzu kommt, dass unternehmerisches Verhalten, die Orientierung am Markt Leitschnur geworden ist.
Diese Diagnose dürfte niemand ernsthaft bestreiten …
Es haben in der Vergangenheit trotzdem nur wenige gesagt, Leute, guckt auf die strukturellen Unterschiede. Michael Vester und Peter A. Berger haben seinerzeit auf „Alte Ungleichheiten – neue Spaltungen“ hingewiesen. Ich habe damals mit einem regulationstheoretischen Ansatz provoziert und auf der Existenz einer Klassentheorie bestanden. Nach Marx gibt es bekanntlich unterschiedliche Erscheinungsformen von Klassengesellschaften. Man kann natürlich Lebensstile und Milieus empirisch beschreiben, für deren Existenz hätte man aber auch 30 Jahre früher Belege bekommen.
Warum wollten die meisten diesen Argumenten nicht folgen?
Meine Vermutung ist, dass das viel mit den Biografien der Wissenschaftler zu tun hat. Wie schon angesprochen, haben sie sich auf die Analyse der ausdifferenzierten gehobenen Mittelschichten und bildungsnahen Gruppierungen konzentriert und damit ihre Erfolgsspur sozusagen im eigenen Milieu gelegt. Aus meiner Sicht geht es aber um die Interpretation der ganzen Gesellschaft. Wenn man sich nur ein Phänomen herausnimmt und das als die ganze Gesellschaft interpretiert wie beispielsweise Ulrich Beck, verwechselt man Trends mit den realen Gegebenheiten. Beck hat nie gesagt, wen diese Trends treffen. Er hat nie gesagt, wie wahrscheinlich bestimmte Übergangsprozesse sind.
Ein Begriff von Beck ist der sog. Fahrstuhleffekt …
Natürlich hat Beck recht, wenn er sagt, über 80 Jahre hinweg betrachtet geht es uns allen durchschnittlich besser. Er hat allerdings übersehen, dass sich im Fahrstuhl auch Klappen auftun können und mancher deshalb abstürzt. Als Beleg zitiert er nationale Durchschnittswerte, die die Kategorien sozialer Ungleichheit aber nicht aufheben. Inzwischen ist er zurückgerudert und hat zugestanden, dass es in der Risikogesellschaft auch Armut gibt. Und was die Ungleichheiten betrifft: Solange Frauen am Arbeitsmarkt bei gleicher Leistung weniger verdienen, ist nichts mit Querverteilen. Frauen können sich nach wie vor auch weniger ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital aneignen und haben deshalb viel weniger Chancen, beruflich aufzusteigen.
Das scheint für eine gewisse Kontinuität überkommener Strukturen zu sprechen.
Das betrifft auch die Individualisierungsthese. Sie funktioniert nicht so, wie Beck gemeint hat. Individualisierung meint Entstrukturierung, Entbettung der Individuen. Inzwischen sind wir ein Stück weiter. Wir können ein „Zurückbetten“ beobachten. Das Lokale, die Nachbarschaft, die Gemeinschaft gewinnen an Bedeutung. Sogar Lebenstile und Milieus sind in meinen Augen Rückbettungen, hier sortiert man sich nach gemeinsamen Wertvorstellungen. Es ist richtig, über Lebensstile und Milieus nachzudenken, aber nicht losgelöst von den materiellen Hintergründen.
Man spricht doch viel von Modernisierungsgewinnern und -verlierern.
Von der Individualisierung, die Beck meint, profitieren einige junge, gut ausgebildete Menschen. Über deren Zukunft sorge ich mich nicht. Wenn ich Wellenreiter bin, kann die Welle nicht hoch genug sein und ich habe eine tolle Zeit. Die Verlierer kommen da nicht mehr mit, ihnen wird die Sicherheit genommen, sie werden entwertet, man respektiert sie nicht mehr – sie gehen einfach unter.
Kreative Klasse
Nehmen wir die kreative Klasse …..
Die Creativ Workers machen nur einen Teil der Erwerbstätigen aus. Es gibt auch noch die nine-to-five-jobs Jobs, die geregelte Arbeitszeit der traditionellen Beamten oder Angestellten, auch wenn sie tendenziell weniger werden. Hier findet die Ausbeutung immer noch so statt, wie Marx sie für den Fabrikarbeiter beschrieben hat – mit der Stechuhr. Sie hat lange nicht nur die Fabrikarbeit, sondern das ganze Leben und die ganze Stadt strukturiert. Jetzt ist diese Struktur in weiten Teilen von Arbeitswelt und Gesellschaft verschwunden. Zum ersten Mal haben wir keine verbindliche Zeitordnung mehr. Das überfordert viele Menschen, sie tun sich schwer, sich unter diesen „freien“ Bedingungen zu organisieren.
Flexibilisierung und Mobilität gelten als wesentliche Voraussetzungen für jede Art der kreativen Dienstleistung.
Die Creativ Workers empfinden ihre Arbeit als extrem attraktiv. Sie ist für sie mit so viel Spass verbunden, dass sie sich bis zum geht nicht mehr selbst ausbeuten. Vor allem bei den jüngeren Generationen, die heute in den Arbeitsmarkt einsteigen, gibt es eine Vermischung von Arbeit und Freizeit. Im Internet zu surfen bringt Spaß, egal ob man dabei Informationen für den Job oder zum Vergnügen sammelt. Die unterschiedlichen Sphären verschwimmen, der Bildschirm ist bei immer der Lebensmittelpunkt.
Das durchschnittliche Verdienst in der Kreativen Klasse ist nicht sehr hoch.
Wobei die offiziellen Angaben noch geschönt sind, weil wir eine extreme Einkommensspreizung und viele heterogene Berufsgruppen haben. Dabei arbeiten viele teilweise für einen Lohn unter studentischem Niveau. Ich bin zum Beispiel in der Architektenausbildung tätig. Der Arbeitsmarkt für den Beruf ist grauselig schlecht, trotzdem wollen viele das Fach studieren. Viele Studenten arbeiten in den Büros für 7,50 Euro – eindeutig unter Wert , denn sie sind bereits qualifiziert und vollwertige Arbeitskräfte. Aber sie sind halt Creativ Workers.
Zur kreativen Klasse gehören nach Richard Florida auch Juristen, Mediziner, Ingenieure, Naturwissenschaftler, Friseure ..
Auch Profisportler und Sekretärinnen. Ob ein Jurist kreativ ist? Das Studium hat mit Kreativität jedenfalls nichts zu tun, es besteht aus Auswendiglernen und Repetitorium. Die Sekretärin in einem Verlag könnte auch anderswo arbeiten. Floridas Definition liegt quer zu allen Branchen. Man müsste die gesamte Stadtökonomie mit sehr viel Aufwand durchkämmen und fragen, ob und wenn, wo wirklich Kreativität gearbeitet wird. Und wie sich das in Wertschöpfung, Beschäftigung oder Umwegrentabilität niederschlägt. Denn hinter der Idee der kreativen Stadt steht ja die Hoffnung auf neue Wertschöpfung.
Die kreative Stadt
Zur kreativen Stadt gehört neben dem Produktionssektor auch das Drumherum – Urbanität, Kulturangebot, Kommunikation, Kneipen ..
Vor allem eine schon standardisierte Architektur. Am besten ein alter Industriestandort, der dann als Kultur- oder Kreativfabrik ausgeschrieben wird. Die kommt am besten, wenn Sie eine Mauer ohne Putz haben, viel Glas und Stahl, klare helle Strukturen und möglichst noch einen Schornstein dazu. An der Laderampe liegt dann ein Architektenbüro, daneben ein italienisches Restaurant mit diesen großen Jungs in langen Schürzen. Auf der Zeche Zollverein in Essen kann man sogar noch an diesen gusseisernen Teilen kratzen und hat dann ein echtes Ölstaubgemisch unter den Fingernägeln. Diese Authentizität erhöht die Preise auf der Speisekarte gleich um fünf Euro. Oliver Frei, ein Mitarbeiter von mir, hat die neuen Kreativarbeiter interviewt, warum sie solche Orte präferieren und hat Antworten gekommen wie „Da brummt in der Wand noch die Industrie“. Ich finde schon interessant, dass man Orte auswählt, wo früher körperlich hart gearbeitet wurde und sozusagen noch der Schweiß zu riechen ist. Meine Reaktion ist natürlich auch ambivalent. Auch wenn wir diese Ästhetik kritisieren, fallen wir doch auf diese Codes rein.
Was könnte die Politik denn tun, um heute so etwas zu verhindern?
Einmal abgesehen davon, dass sie gar nichts verhindern will, sollte sie sich stärker über die Ambivalenz dieser Entwicklung im Klaren sein. Im Kontext der „Kreativen Stadt“ oder des kreativen Quartiers werden Prozesse in Gang gesetzt, die wir vor zwanzig Jahren als Gentrification beschrieben haben. Frage, was lernen wir daraus. Damals wurde dieser Prozess auch von mir zu radikal kritisiert. Wir haben uns zu stark an amerikanischen Modellen orientiert, die einen Bevölkerungsaustausch innerhalb kürzester Zeit vorsahen. So etwas hat es hier nicht gegeben. Nur: Natürlich werden auch hier Leute verdrängt, nicht nur, was die wohnliche, auch, was die gewerbliche Nutzung betrifft. Widerstand formuliert sich allerdings erst, wenn die hinzugezogenen Pioniere unter Druck kommen. Erst sie sind auch in der Lage, sich zu wehren.
Das Beispiel des Hamburger Gänge-Viertel hat die Diskussion sehr belebt…
Das Schanzenviertel in Hamburg halte ich für ein besseres Beispiel. Hier hat sich die Entwicklung auf für mich sehr interessante Weise stabilisiert. Es gibt ein breites Nebeneinander unterschiedlichster Lebensformen. Es gibt Innenhöfe, wo immer noch Sprüche wie „Bullen raus“ stehen und wo gekifft wird. Andere Häuser wurden zu Eigentumswohnungen umgebaut, dort spielen in den Höfen oft sogar Kinder. Zugleich gibt es eine große Identifikation mit dem Quartier, insbesondere in der Altersgruppe zwischen 30 und 40. Diese Entwicklung gefällt mir sehr.
Die Mischung macht den lebendigen Stadtteil aus.
Es geht nicht darum, Zuzug zu verhindern. Schon die erste Welle der Pioniere verändert ein Quartier – weniger ökonomisch, aber kulturell. Die neue kulturelle Szene schafft sich eine neue Symbolik, die älteren Bewohner können damit nichts anfangen ebenso wenig wie die türkische Bevölkerung. Umgekehrt kaufen die neuen natürlich ihr Gemüse in den türkischen Läden usw. Die entscheidende Frage ist, wie ich Verdrängungsprozesse bremsen kann, wenn der Markt es nicht tut. Zum Anschieben dieser städtischer Entwicklungen gibt es reichlich Instrumente, das Abbremsen spekulativer Tendenzen, die Erhaltung ist nur sehr mühsam zu haben. Dabei wird man auf mehreren Ebenen denken.
Prof. Dr. Jens S. Dangschaft ist Leiter des Fachbereichs Soziologie an der TU Wien. Zu seinen Themen gehören u.a. die tadtsoziologie (Segregation/Gentrification), Regionaldemographie, Nachhaltigkeit, soziale Ungleichheit, Armut sowie Raum- und Planungstheorie.
Aktuelle Publikationen u.a.
„Strategieorientierte Planung im kooperativen Staat. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 2008. Hrsg. Zusammen mit Hamedinger, A./Frey, O./Breitfuss, A.
„Räumliche Aspekte der Armut“. In: N. Dimmel, K. Heitzmann & M. Schenk (Hrsg.): Handbuch Armut in Österreich. Innsbruck: Innsbrucker Studienverlag: 2009
Ein Gespräch mit Jens Dangschat können Sie hier hören.
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Schlagworte: Armut, Ausgrenzung, Fahrstuhleffekt, Klasse, Kreative, Kreative Klasse, Kreative Stadt, Künstler, Künstlerinnen, Stadt, Teilhabe, Ungleichheit
