Kultur öffnet Welten?

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Einen weiten Bogen spannt Rainer Treptow, um über die Weltsprachen von Kino, Film und Musik kulturelle Ein- und Ausschlussmechanismen zu thematisieren.

Vor einiger Zeit veröffentlichte ein bekanntes Nachrichtenmagazin ein Interview mit Hans Zimmer. Hans Zimmer hat zu über neunzig Spielfilmen die Musik geschrieben, darunter das Antikendrama „Gladiator“, den Kriegsfilm „Black Hawk Down“ und den Zeichentrickfilm „König der Löwen“, er ist einer der bekanntesten Filmkomponisten Hollywoods. Das Gespräch beginnt folgendermaßen:

Spiegel: Herr Zimmer, gibt es eine Weltsprache der Musik, die alle Menschen verbindet?“

Zimmer: Oh, Musik ist schon sehr abhängig von der jeweiligen Kultur. In Südafrika, wo ich gearbeitet habe, gibt es traditionell nur drei Tonarten, das ist eine ganz andere Klangwelt. Die Farbe des Todes ist bei uns Schwarz, in vielen asiatischen Ländern ist sie Weiß. Zwar hat jede Kultur Musik, aber jede nutzt andere Symbole.

Spiegel: Aber gerade im Film muss doch jeder, ob Japaner, Südafrikaner oder Deutscher, diese musikalischen Symbole verstehen können.

Zimmer: Ja, das schon. Insoweit ist Musik universell. Mein Job besteht darin, das erklingen zu lassen, was sich in Worten und Bildern nicht elegant sagen lässt. Und dabei geht es um die innersten Sachen, für die niemand geeignete Worte findet – außer Shakespeare vielleicht“1.

Kultur öffnet Welten, was aber verschließt sie? Im Horizont dieser Frage erscheinen die knappen Äußerungen des Komponisten bemerkenswert – nicht nur, weil Zimmer auf die Frage nach der „Weltsprache der Musik“ in einem Atemzug die Kulturenabhängigkeit von Musikverstehen und von Farbenverstehen betont. Er scheint zunächst jene Erwartung zu enttäuschen, die in der Verwendung des Wortes „Weltsprache“ liegt. Laute und Farben bedeuten eben nicht an allen Orten dieser Welt das, was sie an einigen recht eindeutig bezeichnen, ihre Verstehbarkeit ist sehr voraussetzungsvoll und niemand spricht diese „Weltsprache“, ohne zu stocken, niemand versteht sie, ohne vor vielen, nicht rasch lösbaren Rätseln zu stehen. Zimmers Antwort ist aber noch aus einem zweiten Grund bemerkenswert. In einem nächsten Satz nimmt er dann doch auf eine Art weltumspannende Verstehensfähigkeit Bezug, auf etwas das die kulturelle Kontextabhängigkeit von Musik- und Farbverstehen durchbricht. Es sind jene „innersten Sachen eben, für die niemand geeignete Worte findet“. Es ist vor allem eine – hier unterstellt: universelle – Ähnlichkeit der Gefühle. Wenn sie die für ihre eigene Symbolisierung entsprechenden Zeichen, Laute, Farben noch nicht gefunden haben, kann der Komponist Ankerpunkte anbieten, damit sie, stumm und sprachlos, wie sie sind, zu sich selber kommen, als Emotionen erscheinen zu können. Und drittens: Der Komponist erinnert dabei an einen Autor der Weltliteratur, Shakespeare. Ihm, als einer der ganz Wenigen, sei es gelungen, mit Wortkompositionen zu versprachlichen, was sonst Musik überlassen werden müsse. Dessen Werke sind nun wiederum selbst in ein ebenfalls universelles System aufgenommen worden, das dem Begriff „Weltsprache der Musik“ ebenbürtig ist – „Weltliteratur“.

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