Kultur öffnet Welten?

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Einen weiten Bogen spannt Rainer Treptow, um über die Weltsprachen von Kino, Film und Musik kulturelle Ein- und Ausschlussmechanismen zu thematisieren.

Vor einiger Zeit veröffentlichte ein bekanntes Nachrichtenmagazin ein Interview mit Hans Zimmer. Hans Zimmer hat zu über neunzig Spielfilmen die Musik geschrieben, darunter das Antikendrama „Gladiator“, den Kriegsfilm „Black Hawk Down“ und den Zeichentrickfilm „König der Löwen“, er ist einer der bekanntesten Filmkomponisten Hollywoods. Das Gespräch beginnt folgendermaßen:

Spiegel: Herr Zimmer, gibt es eine Weltsprache der Musik, die alle Menschen verbindet?“

Zimmer: Oh, Musik ist schon sehr abhängig von der jeweiligen Kultur. In Südafrika, wo ich gearbeitet habe, gibt es traditionell nur drei Tonarten, das ist eine ganz andere Klangwelt. Die Farbe des Todes ist bei uns Schwarz, in vielen asiatischen Ländern ist sie Weiß. Zwar hat jede Kultur Musik, aber jede nutzt andere Symbole.

Spiegel: Aber gerade im Film muss doch jeder, ob Japaner, Südafrikaner oder Deutscher, diese musikalischen Symbole verstehen können.

Zimmer: Ja, das schon. Insoweit ist Musik universell. Mein Job besteht darin, das erklingen zu lassen, was sich in Worten und Bildern nicht elegant sagen lässt. Und dabei geht es um die innersten Sachen, für die niemand geeignete Worte findet – außer Shakespeare vielleicht“1.

Kultur öffnet Welten, was aber verschließt sie? Im Horizont dieser Frage erscheinen die knappen Äußerungen des Komponisten bemerkenswert – nicht nur, weil Zimmer auf die Frage nach der „Weltsprache der Musik“ in einem Atemzug die Kulturenabhängigkeit von Musikverstehen und von Farbenverstehen betont. Er scheint zunächst jene Erwartung zu enttäuschen, die in der Verwendung des Wortes „Weltsprache“ liegt. Laute und Farben bedeuten eben nicht an allen Orten dieser Welt das, was sie an einigen recht eindeutig bezeichnen, ihre Verstehbarkeit ist sehr voraussetzungsvoll und niemand spricht diese „Weltsprache“, ohne zu stocken, niemand versteht sie, ohne vor vielen, nicht rasch lösbaren Rätseln zu stehen. Zimmers Antwort ist aber noch aus einem zweiten Grund bemerkenswert. In einem nächsten Satz nimmt er dann doch auf eine Art weltumspannende Verstehensfähigkeit Bezug, auf etwas das die kulturelle Kontextabhängigkeit von Musik- und Farbverstehen durchbricht. Es sind jene „innersten Sachen eben, für die niemand geeignete Worte findet“. Es ist vor allem eine – hier unterstellt: universelle – Ähnlichkeit der Gefühle. Wenn sie die für ihre eigene Symbolisierung entsprechenden Zeichen, Laute, Farben noch nicht gefunden haben, kann der Komponist Ankerpunkte anbieten, damit sie, stumm und sprachlos, wie sie sind, zu sich selber kommen, als Emotionen erscheinen zu können. Und drittens: Der Komponist erinnert dabei an einen Autor der Weltliteratur, Shakespeare. Ihm, als einer der ganz Wenigen, sei es gelungen, mit Wortkompositionen zu versprachlichen, was sonst Musik überlassen werden müsse. Dessen Werke sind nun wiederum selbst in ein ebenfalls universelles System aufgenommen worden, das dem Begriff „Weltsprache der Musik“ ebenbürtig ist – „Weltliteratur“.

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Weltliteratur

Einer der Erfinder des Begriffs „Weltliteratur“, Johann Wolfgang von Goethe schreibt 1830: „Es ist schon einige Zeit von einer allgemeinen Weltliteratur die Rede, und zwar nicht mit Unrecht: denn die sämtlichen Nationen, in den fürchterlichsten Kriegen durcheinander geschüttelt, sodann wieder auf sich selbst einzeln zurückgeführt, hatten zu bemerken, daß sie manches Fremde gewahr worden, in sich aufgenommen, bisher unbekannte geistige Bedürfnisse hie und da empfunden. Daraus entstand das Gefühl nachbarlicher Verhältnisse, und anstatt daß man sich bisher zugeschlossen hatte, kam der Geist nach und nach zu dem Verlangen, auch in den mehr oder weniger freien geistigen Handelsverkehr mit aufgenommen zu werden“2. Man sieht: gegen die Möglichkeit der Nationen, weiterhin – wie Goethe sagt – „zugeschlossen“ zu bleiben, bietet Weltliteratur die große Utopie der Öffnung. Ob Musik oder Literatur oder Malerei – als Weltsprachen, und damit als Kultur, bilden sie die unverzichtbaren Kristallisationskerne, die die Ferne und das Unverstandene mit der Nähe und dem Vertrauten vermitteln, um jenes „Gefühl nachbarschaftlicher  Verhältnisse“ auf dem Planeten wegen, auf dem die grausame Alternative des Krieges zum Überdruss ausgeübt worden ist.

Diese konkrete Utopie der Öffnung und wechselseitigen Durchdringung von Kulturen – bei Respekt vor ihren Verschiedenheiten – gehört wohl zu den wichtigsten überhaupt. Sie ist aufgehoben in Begriffen vom „Weltkulturerbe“, der  Völkerverständigung“ und der „Weltgemeinschaft“. Es sind letztlich Begriffe im Horizont auch der Utopie Kants vom „Ewigen Frieden“, die universelle Bedeutung eines jeweils besonderen kulturellen Kontextes für die gesamte Menschheit hervorhebend. Und an diesen klassischen Kontext knüpft Zimmer an. Wichtig erscheint hier nicht, dass der Komponist für ein Genre einsteht, das noch vor gar nicht langer Zeit zu den trivialen Künsten gezählt wurde, zu den „illegitimen“ wie Bourdieu sagt. Und wichtig ist auch nicht, dass Filmmusik sich nicht von Filmindustrie, zumal von der westlichen, der amerikanischen, kaum trennen lässt. Hier auf bloßen Kulturimperialismus zu befinden, erscheint einseitig, dazu sind die Werke, für die Zimmer gearbeitet hat, zu komplex, zu kritisch, zu widersprüchlich.Entscheidend ist vielmehr, dass Hans Zimmer beiden Seiten ihren Ort lässt: den kulturellen Differenzen von Musik ebenso wie der Möglichkeit ihrer Überschreitung als kulturenunabhängige „Weltmusik“. Er setzt also jene Denktradition fort, die in der Öffnungsfähigkeit durch Kultur ihr wichtigstes Potential sieht, zugleich aber ihre regionale kulturelle Begrenztheit für die Voraussetzung für eben diese Fähigkeit der Öffnung hält. Mit anderen Worten: keine universelle Weite ohne regionale Substanz. Und schließlich: er knüpft zugleich an jene Erfahrungen an, die er mit der beispiellosen Universalisierung von Hör- und Wahrnehmungsgewohnheiten gemacht hat, die durch Rockmusik, New Wave, Techno und andere erst möglich wurden. Denn der Oscarpreisträger von 1995 („König der Löwen“) war selbst Keyboarder in mehreren Bands, und er weiß auch, dass die Unmittelbarkeit des raschen Verstehens bei den Jugendlichen z.B. in der New Yorker Bronx sich von der in Kapstadt oder Remscheid nur geringfügig unterscheiden dürfte. Dass Jugendszenen ihre wechselseitigen sozialen Schließungsstrategien ebenfalls über Musik verdeutlichen, also ihren gemeinschaftsstiftenden Sinn für ihren Zusammenhalt „nach innen“ nutzen, „nach außen“ aber absichtlich durchkreuzen – dies wird Zimmer ebenso nicht unbekannt sein.

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Huntington und Taylor

Dieser Umweg sollte einen schlichten Gedanken vorbereiten: wir haben es beim Thema „Weltenöffnung durch Kultur“ immer auch mit einer Wechselbeziehung zu jenen Formen des „Zugeschlossenseins“ zu tun, von denen Goethe spricht, die aber auch andere Varianten ausgebildet haben – und keineswegs nur verwerfliche. Ohne die genauere Kenntnis der Wechselbeziehungen zwischen kulturellen Schließungs- und Öffnungsprozessen wird sich jenes in der Kultur liegende Potential der Verständigung kaum entfalten können. Ich möchte diesem Gedanken vor allem am Beispiel von Kulturtheorie nachgehen. Kultur öffnet Welten – was aber verschließt sie? Diese Frage verweist auf Wechselbeziehung.

Sie heute zu stellen kann mehrere Gründe haben. Zu den von mir gewählten gehört jene kulturtheoretische Auseinandersetzung, wie sie Samuel P. Huntington vorstellt, die mit klaren strategischen Empfehlungen und Konsequenzen versehen ist3. Huntington macht mit der These vom Zusammenprall der Kulturen auf ein Denken aufmerksam, das der Hoffnung große Skepsis entgegenbringt, es komme zu einer weltweiten Durchdringung und wechselseitigem Respekt zwischen den Kulturen. Während also diese entschieden politisch gemeinte Kulturtheorie immer schon auf die Abgrenzung und Differenzbestimmung von Kulturen besonderen Wert legte, – eine Tradition, die im alten Europa mindestens bis Herder zurückreicht -, entwickelten sich gleichwohl andere Strömungen, die, wie etwa bei Charles Taylor, in der Gestaltung von Anerkennungsverhältnissen eine entscheidende Chance, wenn nicht das Potential von Kultur überhaupt sehen4. Seien auch Differenzierungen zwischen Kulturen keineswegs zu übersehen, werde darin ihre Erkennbarkeit und ihr Sinngehalt erst manifest, so bestehe die Aufgabe der politischen Kultur gerade darin, die Rahmenbedingungen für Verständigung nachhaltig zu gestalten. Es gilt dabei, die Einheit von Identität und Differenz und damit die Heterogenität der Kulturen zu sichern, und zwar mit dem Ziel eines gewaltfreien, kooperativen und kreativen Zusammenlebens – die Zumutung also, dass die Weltgesellschaft ihre Gemeinschaftlichkeit immer wieder neu entwerfen muss. Diese Auffassung zielt auf die Schaffung von kulturell erzeugten Bildungsprozessen der Menschen, die dann ihre Anschauung aus eben jenen interkulturellen Alltagsbeziehungen schöpfen und Rückwirkungen der so interkulturell Gebildeten auf eben jene Alltagsbeziehungen hervorbringen. Diese beiden, wenn man so will, gegenüberliegenden Positionen von Huntington und Taylor formulieren das Verhältnis kultureller Schließung und Öffnung neu. Sie untermauern sie jeweils mit beträchtlichem theoretischem und teilweise empirischem Aufwand. Auf der einen Seite also die Position der Unvereinbarkeit, der Abriegelung, der kulturellen Schließung, die der Durchsetzung einer hierarchischen Ordnung, nämlich der westlichen Kultur diene; auf der anderen eine verständigungsorientierte, auf wechselseitige Adaptionsbereitschaft setzende Öffnungspolitik der vertrauensbildenden Maßnahmen, eine Art kulturpolitischer „Wandel durch Annäherung“, wie Egon Bahr das einmal bezeichnete, der nicht die scharfe Abgrenzung, sondern die Öffnung der Kulturen für andere, das Fremde zum Ziel hat.

Die beiden Beispiele sollen zeigen, dass es keineswegs unbestritten ist, kulturellen Ausdrucksformen, Selbstbeschreibungen und Identitäten gewissermaßen einer Richtung zuzuschreiben, nämlich der, die einer verständigungsorientierten, diskursiven Position von Kultur, also der „Weltenöffnung“ entspricht. Sonst wären die beträchtlichen Anstrengungen, ja der gesamte Diskurs zwischen den Positionen „Schließen und Öffnen“ nicht erklärbar, sei es, um ab- oder auszugrenzen, sei es, um Grenzen zu öffnen und zu mischen. Es ist keine Frage, dass meine Sympathien für eine kulturelle Öffnung bei Charles Taylors „Politik der Multikulturalismus“ liegen, aber ob das reicht, Huntington zu entkräften?

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Kulturelle Bildung

Zunächst: Dass es in der gewachsenen Komplexität der Weltgesellschaft zu den „Schlüsselkompetenzen“ gehören soll, mit Heterogenität, mit Verschiedenheit und Fremdheit umgehen zu lernen (so die neueste, von der OECD geförderten Studie über „Key Competences for a Successful Life and a Well-Functioning Society“ 2003)5, verweist auf die Tatsache, dass der strukturelle Wandel und der kulturelle Komplexitätszuwachs keineswegs mit der Fähigkeit und Bereitschaft der Menschen zusammen gehen, sich gleichsam „kulturenadäquat“ auf diese Wandlungsprozesse einstellen zu können. Im Gegenteil: Gerade der in der „reflexiven Moderne“ (Ulrich Beck) liegende Variantenreichtum, der eine Fülle an komplexen Verbindungen eingeht, kann zu Gegenreaktionen führen, die in eben jenen strikten Vereinfachungen, Vorurteilen und kulturellen Schließungen enden, wie sie uns Huntington vorstellt.

Wie etwa die Selbstwirksamkeitsforschung (Bandura) zeigt, ist die Chance für die Individuen, sich auf kulturelle Vielfalt, Heterogenität, Fremdheit in verständigungsorientierter Weise einzulassen, also neugierig, positiv interessiert und damit Kultur als offen und zugänglich zu begreifen, umso größer, je differenzierter ihre Bildungserfahrungen sind. Je differenzierter also die Kombination zwischen unterschiedlichen Kompetenzen im Umgang mit Ungewissheit, Unbekanntem, Neuem, Ungewöhnlichem, Originellem in ganz unterschiedlichen Disziplinen und Lebensbereichen, im Rechnen, Lesen, Schreiben, darstellender und bildender Kunst, in Familie, Freundeskreis, Vereinen, Verbänden, und je stärker die Selbstsicherheit, diese Differenzierung meistern zu können, desto größer ist die Chance, Kultur als öffnungsfähig, als Inklusionsmöglichkeit und nicht als Distinktion und Ausschluss von Symbolgehalten, die man nicht versteht, zu begreifen. Kulturelle Bildung zielt zu Recht auf genau diese subjektive und soziale Erfahrung, dass die Vielfalt produktiv beunruhige und das Individuum gestärkt und „selbsterweitert“ aus der Auseinandersetzung mit eben diesen Erfahrungen hervorgehe.

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Differenzen

Jedoch: Erneut gerät das Argumentieren für diese sympathische Perspektive der Offenheit ins Stocken – und zwar gerade, weil sie jetzt auf den Bildungsbegriff verwiesen wird. Paradoxerweise ist es der Bildungsbegriff selbst, der jenes in Fahrt geratene Plädoyer für Offenheit wieder abbremst. Warum? Nun: Es darf nicht übersehen werden, dass der Bildungsbegriff nicht allein auf die Annäherung an das Ideal einer allseitig entfalteten Persönlichkeit zielt, gleichsam Goethe als ein Vorbild, das den Phasen des Komplexitätszuwachses moderner Gesellschaften auf „gleicher Augenhöhe“ gegenübertritt, nämlich flexibel, reflexiv, aufnahmebereit und produktiv gestaltend. Vielmehr meint Bildung, und hier: „kulturelle Bildung“, den Prozess, das inhaltsbezogene Abarbeiten, Durcharbeiten, wenn nicht gar auch die Plackerei, die in klug gewähltem Wechsel mit dem Spiel, der Muße und der Kontemplation schließlich zu jenen Schlüsselkompetenzen führen soll, wie sie ein Kulturbegriff benötigt, der Öffnung, Teilhabe und Zugänglichkeit will. Mit anderen Worten: Bildung meint jenen anstrengenden Prozess des sich selbst Eröffnens von anfänglich dem Subjekt nicht Verfügbarem, Verschlossenem.

Mehr noch: Bildung wurde erfunden, weil Kultur eben gerade nicht „offen“ im Sinne rasch verfügbarer Zugänglichkeit ist. Wenn denn Kultur „Welten öffnet“, so wird sie das nur können, wenn die Individuen jene subjektiven Voraussetzungen mitbringen bzw. ihnen dabei Unterstützung widerfährt, den Verlauf des Sich-Erschliessens überhaupt zu organisieren. Erst diese Anstrengung, und nicht allein das lustbetonte „edutainment“ – macht es ihnen möglich, die Zeichen zu lesen, die eine Schrift sind, die Sprache zu verstehen, die Bilder sprechen, in den Tönen Sinn zu hören, die eine Komposition sind, einem Theaterstück folgen zu können, dessen Protagonisten in z.B. in einer Tonne sitzen müssen. – Sonst öffnet Kultur – hier als Kunst gemeint-, nämlich gar keine Welt, Voraussetzung dafür ist der Abstand zwischen einem nicht völlig verstehens- und gestaltungskompetentem Subjekt und einem eigensinnig strukturierten Sachverhalt, den es erst in zu erschließen gilt. Erst dann wird aus Beziehungslosigkeit eine letztlich nicht abschließbare Bildungsbeziehung.

Zweitens: Wenn Bildung, einem bekannten Diktum Adornos folgend, die subjektive Seite der Kultur nach der Seite ihrer Aneignung meint, darin aber einem oft holprigen, krisenanfälligen, manchmal schmerzhaften, manchmal leichtfüßigen Entwicklungsgang folgend – dann ist Kultur jenes Gelände symbolischer Topographien, durch das dieser Gang führt. Und dieses Gelände liegt keineswegs „offen“ da, als ob die Welten betreten werden brauchen und schon können sich alle dort bequem einrichten! Das zeigt sich nicht allein daran, welche Anstrengungen es Kindern macht, die Basiskompetenzen symbolischer Aneignung ihrer kulturellen Umwelt zu erwerben und zu gestalten, also in der frühkindlichen Enkulturation; es zeigt sich im gesamten lebenslangen unabschließbaren Prozess der Auseinandersetzung mit kulturellen Gütern, Gegenständen, Symbolsystemen schlechthin. Sind sie bereits vorhanden, hervorgebracht, können sie wahrgenommen, angeschaut, aber auch gedeutet, interpretiert, verglichen werden; werden sie erst hervorgebracht, erzeugt, entsteht eine Anforderung eigener Art.

Recht besehen liegt in der Entstehung und Verfestigung kultureller Differenzierung, dass kulturelle Sachverhalte sich selbst verschließen sollen, eben nicht ohne Mühe verstanden, also „geöffnet“ werden sollen – wie etwa im Theater Brechts, den Dramen Becketts, den Bildern Malewitschs. Erst die keineswegs erfolgversprechenden Versuche des vergeblichen Öffnens geben den Blick auf den Sinn frei, zäh, hartnäckig, widerstrebend, Mehrdeutigkeiten „offen lassend“.

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Symbolsysteme

Mehr noch: liegt es nicht auch im Eigensinn kultureller Symbolsysteme, dass sie sich erst dann zu kulturellen Sinnzusammenhängen entwickeln können, wenn sie sich als jeweils besonderes Code-System jenen verschließen, die ihrer Sinnentschlüsselung eben nicht mächtig sind? Sind es nicht gerade die herausragenden Kulturleistungen, die gegenüber der Tradition, der Überlieferung, den radikalen Bruch suchten, und dadurch den Wahrnehmungsgewohnheiten, also dem Bildungsdünkel, den Zugriff abschnitten, und die Zeitgenossen regelmäßig in jene zornige Ratlosigkeit stürzten, die noch jeden Aufruhr über eine neue Richtung in Malerei, Musik oder Literatur begleitete? Nebenbei bemerkt: Kulturschaffende selbst suchen nicht selten den abgeschlossenen Raum, die Stille, um komponieren, schreiben oder inszenieren zu können, benötigen also Rückzug, Klausur, Verschlossenheit, um dann wieder Öffnung und Öffentlichkeit zu suchen. Insbesondere tatsächlich innovative Kulturleistungen konnten nur deshalb wirksam sein, weil sie sich den alten Formen der Problemlösung als eigene Welt gewissermaßen verschlossen, um überhaupt zur inneren Stimmigkeit gelangen zu können und erst dadurch zu einer Bildungsherausforderung werden, d.h., die Zumutung ans Subjekt auslösen, sich an die Öffnung des notwendig Verschlossenen heran zu wagen. Auf die Spitze getrieben könnte die Pointe deshalb lauten, dass erst die störrische Abweisung, die Missbilligung des eiligen Zugriffs, das Insistieren auf einen gründlichen, sorgfältigen Auseinandersetzungsprozess – der durchaus vergnüglich sein kann – also das Insistieren auf Verschlossenheit, es dem Bildungsprozess möglich macht, zu sich selbst zu kommen, ein Bildungsprozess zu werden, der Zeit braucht, Raum braucht, Menschen braucht und Mühe kostet.

Viertens: Ist eine solche Auffassung von Kultur, von Schließung und von Bildung, die erst Öffnung herstellt, nicht elitär, arrogant die Privilegien beanspruchend, die das Bildungsbürgertum nicht aus der Hand geben will? Wenn Bildung und Kultur Kategorien sein sollen, die nur gelten, wenn ein derart anspruchsvoller, wechselseitiger Abarbeitungsprozess stattfindet – lässt sich doch nicht mehr rechtfertigen, von Bildung dann zu reden, wenn etwas schnell, intuitiv, leicht geschieht und entsprechend von Kultur dann, wenn sie problemlos verstanden und zugänglich ist? Nun, in der Tat liegt es in der Stimmungslage der gegenwärtigen Diskussion über Bildung, sie als Ressource zu möglichst günstigen Preisen mit möglichst hoher Rendite kapitalfähig zu machen. Erschwerend kommt hinzu, dass die teils enge Verkoppelung zwischen Bildung und Qualifikationsbegriff in den Vordergrund rückt. Es ist häufiger von Lernen und Wissen statt von jener kritischen Reflexivität die Rede, die der Bildungsbegriff enthält, weil er das Individuum befähigt, sich selbst innerhalb seiner gegebenen Lernbedingungen zu beobachten und sich ihnen reflexiv zuzuwenden. Dies ist nicht zwingend negativ zu sehen – wenn klar wäre, dass weder die dem Bildungsgedanken innewohnende Anstrengung und Kritikfähigkeit noch die dem Kulturbegriff innewohnende Eigensinnigkeit und Widerspenstigkeit plan geschliffen werden, es also immer nur um Aneignung und Lernen, nicht aber auch um Widerspruch, Kritik und Gestaltung geht.

Fünftens: Wir sind uns im Klaren darüber, dass die Begriffe „Öffnung“ und „Schließung“ auch einen metaphorischen Charakter haben, also Sprachbilder sind. Dennoch finden wir in den Sozial- und Kulturwissenschaften den Begriff der sozialen Schließung. Gemeint ist damit der Sachverhalt, dass Gruppen oder Institutionen der Gesellschaft Exklusion, Ausschließungen erzeugen, um ihre eigene Handlungsfähigkeit zu sichern und Strukturen stabil zu machen. Soziale Schließungsprozesse gehören also gleichsam zur Normalität des Zusammenlebens. Sie gewinnen ihre problematische Bedeutung erst, wenn Ansprüche auf Teilhabe von Bevölkerungsgruppen zurückgewiesen werden, auf die sie ein Recht haben. Soziale Schließung korrespondiert dabei immer auch mit kulturellen Schließungen, also mit dem Ausschluss von Teilhabe an Symbolsystemen. Diese Ausschließungen stellen sich dann ein, wenn die von Einzelnen oder Gruppen habituell übernommenen und „kultivierten“ Regeln, Geschmacksorientierungen, Lebensweisen aus der internen Sinnlogik heraus als Zutrittsschranken wirken, also schon deshalb ausschließend, „exklusiv“ sind, weil der interne Sinn zunächst nur ihnen zugänglich ist. Bildungsinstitutionen wären also darauf hin zu betrachten, ob und in welcher Weise sie kulturelle mit sozialen Schließungen verbinden und ob und in welcher Weise sie die Zugangsschwellen absenken, ohne ihren Bildungsauftrag aufzugeben.

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Soziale Schließung und kulturelle Schließung, die Zugangschancen und Abgrenzung erzeugt, steht immer auch im Bann eines kritischen Blicks auf die „feinen Unterschiede“. Das Verschließen hat aber einen weiteren Doppelsinn: zum einen kann es in die Nähe von Exklusion geraten und verweigerte Verständigung gemeint sein. Zum anderen nimmt es Wertvolles „unter Verschluss“, konserviert, rettet, um es für Erinnerung zu öffnen. Die gleiche Kultur, die „Welten öffnen“ soll, steht unter dem Argwohn, sich selbst, wenn sie einmal etabliert ist, zu schließen, indem sie eigene Symbolsysteme ausbildet, die den Uneingeweihten auf Abstand halten – halten müssen! Denn als eigensinnige Sphäre kann sie nicht Offenheit für alles und alle wollen, sie käme sonst nicht zu sich selbst; sondern sie wird dieses Angebot vom Respekt vor den ihr eigenen Regeln abhängig machen. Es ist ein Spiel zwischen Versprechen und Verweigerung: zwischen dem Versprechen an den „Kulturneuling“ (Karl Mannheim) – , aufgenommen zu werden in den Kreis der Verstehenden und Eingeweihten, als einer der ihren mit dem Fremden vertraut zu werden hier, und der Verweigerung gegenüber der Haltung, dass dies ohne erhebliche Mühe, Sorgfalt, Anstrengung gelänge dort. So wie es „soziale Schließungsprozesse“ gibt, die Exklusion für die nicht zu einem jeweiligen sozialen System Zugehörigen erzeugen, so lassen sich auch „kulturelle Schließungsprozesse“ erkennen, die – in teilweise durchaus berechtigter Weise – den Zugang zum kulturellen Eigensinn erschweren. Diesen Zugang zu schaffen bedeutet, in einen Bildungsprozess einzutreten, und damit ein Gefühl für die Balance zwischen dem tapsig-zupackenden Subjekt und dem Geheimnis der Anderen Seite zu gewinnen. Wenn dieser Verstehens- bzw. Verständigungsprozess gelingt, dann allerdings „öffnet Kultur Welten“.

In dieser Vermittlung, besser: in dieser “Erschließung” liegt denn auch die Aufgabe kultureller Bildung. Diese Aufgabe, kulturelle Bildung als Hilfe zur Selbstbildung, können Künstler selbst übernehmen – sie erläutern, erklären, antworten geduldig auf Fragen, was „der Dichter uns sagen will“, aber sie müssen es nicht, und wenn sie schon gestorben sind, dann können sie es nicht. Und dann bricht die Stunde der Museumspädagogik an, der Literaturwerkstätten, der Volkshochschulen und Kulturvereine, der soziokulturellen Zentren und der vielen vielen organisierten Bildungsreisen, die sich die Weltenöffnung durch Kultur nur dann verschaffen können, wenn die Ankömmlinge auch wissen, was sie da sehen, wem sie da gegenübertreten in der Schätzen der Toskana, St. Petersburgs oder Kyotos.

Weltenöffnung durch kulturelle Bildung – der Blick für die Unterschiede in der Qualität von Bildung und in der Qualität kultureller Gegebenheiten sollte auch dann nicht getrübt sein, wenn man entschieden für das Existenzrecht von Qualitätsunterschieden eintritt. Nicht jeder Lernprozess ist ein Bildungsprozess und nicht jede von Kultur geöffnete Welt ist schon begehbar, wenn sie betreten worden ist. Die Menschen sprechen ihre Sprachen und weisen den Dingen ihre Bedeutung zu, und sie sind anderen fremd; und wenn sie es nicht mehr sind (was keinesfalls einfach erwartet werden kann), gibt es Vieles andere, das fremd bleiben und sich nicht öffnen wird. Das gilt es zu respektieren. Trostreich ist, dass wir uns mit den vielen Rätseln, die bleiben, abfinden, weil wir gar  nicht in alles hinein gebildet werden können und wollen, was geöffnet werden könnte. Letztlich bleibt uns Kultur auch deshalb so teuer, weil wir sie als Geheimnis behalten wollen, gerade auch wenn wir oft in Konzerte gehen, ins Museum oder ins Kino.

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Musikalität

Kino – Film – Musik: das waren die Stichworte am Anfang, sie sind es auch zum Schluss. Lassen Sie mich noch einmal an den Filmkomponisten Zimmer erinnern. Als er im weiteren Verlauf des Gesprächs gefragt wurde, gelangt er zu einer Einsicht, die die Wechselbeziehung zwischen Öffnen und Schließen, von der hier die Rede war, auf einen Punkt bringt, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Spiegel:„ Viele Leute halten sich für unmusikalisch. Sind sie dann mit musikalischen Mitteln überhaupt zu erreichen?

Zimmer:„ Gegen gut gemachte Musik kann sich niemand wehren – sie zielt direkt auf die Seele. Mit Musikalität hat das nichts zu tun.“

Spiegel: „Empfinden Sie es als magischen Moment, wenn sich ein Gefühl, das Sie mit Musik ausdrücken, tatsächlich überträgt?“

Zimmer: „Absolut. Das ist der ultimative Test. Man spielt jemandem etwas vor, und entweder es bewegt ihn, oder es bewegt ihn nicht“.

Anmerkungen

1 „Ich pirsche mich ans Publikum an“, Interview mit dem Filmkomponisten Hans Zimmer, In: Der Spiegel 31/2003. S. 142.

2 V. Goethe, J.W..: Einleitung zu Th. Carlyle. Leben Schillers. 1830.

3 Huntington, S.P.: Der Kampf der Kulturen : die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. 6. Aufl., München, 1997.

4 Taylor, Ch.: Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Mit einem Beitrag von Jürgen Habermas. Frankfurt/M. 1993.

5 vgl. Rychen D.S. & Salganik L.H. (Eds.). (2003). Key Competencies for a Successful Life and a Well-Functioning Society. Göttingen : Hogrefe & Huber Publishers.

Rainer Treptow ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Auf dem Kongress führt er die Podiumsdiskussion „Kulturelle Strategien und soziale Ausgrenzung. Was kann Kulturarbeit leisten?“ ein.

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