Kultur, Schule, Bildung

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Bildung und Kunst, Bildung durch Kunst

Nun haben wir, was die Organisation des schulischen Unterrichts angeht, seit einiger Zeit ein neues, zusätzliches Problem. Die Schule soll ja auf das Leben in der Welt vorbereiten, diese Welt jedoch entwickelt sich dramatisch, in immer schnellerem Tempo. Sowohl die technischen Bedingungen unseres Lebens (z.B. Kommunikationsmedien) als auch die sozialen Lebensformen (demographischer Wandel, kulturelle Diversifizierung) erfahren immer mehr und immer schnellere Veränderungen. In dieser so rapide sich ändernden Welt können wir immer weniger wissen, was wir der nachwachsenden Generation eigentlich beibringen sollen. Einerseits brauchen die Jüngeren mehr an Vorbereitung denn je. Wenn wir sie aber andererseits allzu eng auf das vorbereiten, was

wir heute für wichtig halten, dann kann es ihnen passieren, dass alles, was sie gelernt haben, schon veraltet ist, wenn sie erst einmal erwachsen sind. Entsprechend große Sorgen machen wir uns denn auch darüber, welche Kompetenzen wir im Einzelnen vermitteln und lehren sollen. Einerseits arbeiten wir mit Hochdruck an allen nur möglichen Standardisierungen für möglichst alle Fächer: Wir wollen so genau wie möglich vorschreiben und überprüfen können, wer was in unserem Schulsystem lernen soll. Andererseits jedoch wissen wir, dass es vor allem die allgemeinen, übergreifenden Fähigkeiten sind, die wir ausbilden und trainieren müssen: Fähigkeiten zu flexiblem Zusammenarbeiten, Fähigkeiten, ungewohnte Problemlagen zu durchschauen, Fähigkeiten, neue und unbekannte Lösungswege zu finden und auszubauen etc. Wir zielen in der Schule selbstverständlich auf verwertbare Kompetenzen, die ausgebildet und entwickelt werden sollen, wir wissen aber auch, dass nur die Loslösung von Verwertungszusammenhängen, die Unabhängigkeit von kurzfristigen Effizienz-Forderungen der nachwachsenden Generation die Fähigkeiten vermittelt, ihre künftige Welt zu bewältigen. Jenseits des Fächer-Kanons der Schule könnte da die Auseinandersetzung mit den zunächst bewusst nutzlosen Künsten von großem Nutzen sein. Ein Kind, das mit der Musik, mit der Malerei, dem Theater oder der Literatur in Berührung kommt, das ausprobieren kann, wie das geht: Musizieren, Malen,Theater spielen oder literarisch Schreiben – ein solches Kind könnte dabei Erfahrungen machen und Fähigkeiten erwerben, die sich jenseits kurzfristigen Nutzens als höchst fruchtbar erweisen. Es pflegt eine Muße, die überaus wertvolle Effekte haben könnte.

Denn erinnern wir uns: Auch in der griechischen Tradition ist scholé gar nicht ziel- und zwecklos, sie dient vielmehr dem wichtigsten und edelsten Zweck, den menschliches Handeln überhaupt verfolgen kann: aus dem je individuellen Leben ein gelungenes Leben zu machen. Dieses gelungene Leben besteht nicht darin, den Lebenserwerb zu sichern. Es definiert sich auch nicht über den Dienst an irgendeinem Herrscher oder irgendeinem Ideal – es bestimmt sich vielmehr aus sich selber, aus der nur Menschen möglichen Absicht, dem eigenen Leben eine eigene, unverwechselbare und in sich stimmige Gestalt zu verleihen. Wenn es also gelänge, die alte Hoffnung der scholé mit den Handlungs- und Institutionsmustern der modernen Schule zu verbinden, dann könnte diese Verbindung das alte Versprechen der Schule, alle alles zu lehren (Comenius), wieder an das ältere Versprechen der Hilfe zu einem gelungenen Leben zurückbinden. In der deutschen Sprachtradition benennen wir den Versuch, das eigene Leben aktiv zu gestalten, mit dem zugleich anspruchsvollen und umstrittenen Begriff der Bildung. So verschieden auch die einzelnen Definitionen sein mögen, die seit den Zeiten Wilhelm von Humboldts diskutiert worden sind – in einem stimmen sie alle überein: Gemeint ist das eigenständige Handeln des je einzelnen Menschen, der nicht etwa gebildet wird, sondern sich selbst bildet. Er arbeitet an sich selbst wie ein Bildhauer, der sein eigenes Bildnis schafft.Der sich bildende Mensch, das ist jemand, der sich selbst seine geistige Gestalt gibt, der an sich selbst baut. Nicht nur um natürliches Wachstum geht es, wenn von »Bildung« die Rede ist, sondern auch um künstlerische Gestaltung. Und die beginnt schon im frühesten Kleinkind-Alter. Schon die ganz jungen Kinder sind nicht nur Objekte erzieherischer Behandlung, sondern tragen als eigene Subjekte zur Gestaltung ihrer inneren Form – zu ihrer cultura animi also – bei: Das ist die Grund-These von Bildung.Wie Maler ein Bild malen, dabei auf alle noch so kleinen Einzelheiten achten, zugleich den Gesamt-Zusammenhang des Ganzen nicht aus dem Blick verlieren – genauso arbeiten wir Menschen an unserer inneren Gestalt. Und wie Bildhauer sich um die Gestalt einer Skulptur bemühen, so kümmern wir uns um die Gestalt unseres Lebens. Das ist im Kern mit Bildung gemeint – und es ist sehr nahe an dem, was einst mit cultura animi benannt wurde. Wenn sich also ein Kind darum bemüht, einem Instrument gelungene Töne zu entlocken, wenn es daran arbeitet, ein schönes Bild zu malen, wenn es sich in ein künstlerisches Projekt hineinwirft und mit aller Energie darin aufgeht, dann tut es viel für seine Qualifizierung in einer künftigen, nicht genau vorhersehbaren Welt, dann erarbeitet es sich wertvolle Kompetenzen, dann erwirbt es Erfolgs-Erfahrungen, die ihm ansonsten vielleicht versagt sind – dann arbeitet es vor allem aber an der eigenen Gestalt, dann sorgt es sich um die Figur, die das eigene Leben einmal haben soll. Für diese mühevolle und dennoch lustvolle Arbeit an sich selbst, an der Gestaltung der eigenen Seele, kann die Kunst und können die Künstler Anstöße und Vorbilder bieten – und dabei könnten mehr Kompetenzen und Qualifikationen für ein gelungenes Leben aufgebaut werden als in mancher anderen Schul-Stunde.

Johannes Bilstein ist Professor für Pädagogik an der Kunstakademie Düsseldorf und seit 2006 Mitglied des Beirats des NRW-Landesprogramms Kultur und Schule

Den vorstehenden Text wurde erstmals in der NRW-Publikation „Augen öffnen. Kulturelle Bildung in der Kulturförderung des Landes Nordrhein-Westfalen“ veröffentlicht. Hier herunterladen PDF Dokument

Eine Langfassung des vorstehenden Textes erscheint in Kürze unter dem Titel „Kunstpädagogik in einer sich wandelnden Schule und Kultur“ in dem Sammelband Kunibert Bering u. a. (Hrsg.) „Orientierung: Kunstpädagogik“,  Athena-Verlag Oberhausen 2010.

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