Die Mitte machts

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Gleichheit macht Mitte

Man braucht freilich gar nicht in die 1930er Jahre zurückgehen, um Argumente für die Auswirkungen einer gerechteren Verteilung zu finden. Die britischen Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett haben jetzt eine weltweite Bestandsaufnahme zum Thema Gleichheit vorgelegt. Ursprünglich beschäftigten sich die beiden Wissenschaftler mit der Frage, warum welche Krankheiten in bestimmten Teilen der Bevölkerung vorkam. Dabei entwickelten sie „einen methodischen Ansatz, das Risiko einer Krankheit nicht in erster Linie als ein individuelles Gesundheitsproblem zu betrachten, sondern die hauptsächlichen Ursachen ihrer Häufigkeit zu den sozioökonomischen Strukturen der jeweiligen Gesellschaft zu erkennen.“ So lasse sich die „soziale Schieflage einer Gesellschaft wie mit einer Wasserwaage“ analysieren und „auch die sozialen Probleme besser erkennen und entschärfen“. Verblüffendes Ergebnis der Auswertung des Datenmaterials: je größer die Ungleichheit in einem Land, gemessen an der Diskrepanz der Einkommen am oberen und unteren Ende der Gesellschaft, desto größer sind die sozialen Probleme. Ob Kriminalität, Gewalt, Drogenmissbrauch, Teenager-Schwangerschaften, schlechte Gesundheit im allgemeinen oder Fettleibigkeit im Besonderen: Staaten mit großen sozialen Ungleichheiten produzieren deutlich mehr davon. In den westlichen Industrienationen mit einem weniger ausgeprägten Unterschied zwischen Arm und Reich gibt es beispielsweise bis zu sechsmal weniger Morde und bis zu zehnmal weniger Gefängnisinsassen. Ungleichheit führt nicht nur zu weniger sozialer Mobilität, weil Bildung strukturell ungleich verteilt wird, sondern schadet auch der Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Autoren resümieren: „Die Korrelationen zwischen der Ungleichheit und den gesundheitlichen wie sozialen Problemen sind deutlich genug, um Zufallsergebnisse auszuschließen.“ Fast überflüssig zu erwähnen, dass in den Staaten mit weniger Ungleichheit und deutlich besserer Lebensqualität auch die Mittelschicht präsent ist. Wilkinson/Pickett haben inzwischen eine Stiftung The Equality Trust ins Leben gerufen, die weitere Untersuchungen voranbringen soll. Denn, so die Soziologen, „eine bessere Gesellschaft kommt nicht von selbst und nicht unabhängig davon, ob wir uns dafür einsetzen oder nicht.“

So könnte denn auch eine Antwort auf die Frage „Wie weiter in der Kulturpolitik?“ lauten: mit für eine Gesellschaft sorgen, in der eine größere Gleichheit herrscht. Denn Kulturpolitik ist auch Gesellschaftspolitik.

Literatur:

Berthold Vogel: Wohlstandskonflikte. Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen. Hamburg 2009. Hamburger Edition HIS Verlagsgesellschaft 348 S.

Ulrike Herrmann : Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht. Frankfurt 2009. Westend Verlag 223 S.

Richard Wilkinson/Kate Pickett:Gleichheit ist Glück . Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Berlin 2009. Tolkemitt Verlag bei Zweitausendeins 334 S.

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