Fakten, Fakten, Fakten (3)

Seite: 1 2 - Gesamten Artikel lesen

„Während die Unterschichten statistisch bestens erfasst sind, weiß man über die Vermögenseliten kaum etwas“, notiert die Journalistin Ulrike Herrmann nach der Lektüre des „Dritten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung “ . Dort wird zum Thema Reichtum u.a. ausgeführt: „Die Verteilung des Reichtums in einer Gesellschaft, insbesondere von Einkommen und Vermögen, hat Einfluss auf ihren Zusammenhalt. Werden die Unterschiede zwischen arm und reich vom ganz überwiegenden Teil der Bevölkerung als relativ groß und schwer überwindbar wahrgenommen, kann dies die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft in Frage stellen. Das gilt insbesondere dann, wenn große Bevölkerungsteile nicht an den Einkommenszuwächsen der Gesellschaft insgesamt teilhaben …. Reichtum besitzt ohne Zweifel eine hohe Attraktivität. In Deutschland wird mehrheitlich eine Gesellschaft favorisiert, in der es die Möglichkeit gibt, selbst einmal in irgendeiner Form reich werden zu können. Die Meinungen gehen allerdings bei der Frage auseinander, was als Reichtum wahrgenommen wird. ….Befragt nach der Höhe des persönlichen Nettomonatseinkommens, ab der von Reichtum gesprochen werden kann, ergeben sich sehr unterschiedliche Einschätzungen. Jeweils die Hälfte der Befragten nennt einen höheren bzw. niedrigeren Betrag als 5 000 netto Euro/Monat (Median). Im Durchschnitt wird ein Betrag von rund 27.000 Euro/ Monat genannt.“

Insgesamt widmet der Armuts- und Reichtumsbericht den oberen Einkommensbereichen knapp zehn von insgesamt 228 Seiten: „Die Reichtumsgrenze ist wie die Armutsrisikoschwelle ein normativ gesetzter Wert. So entspricht der Wert von 3.268 Euro netto/Monat nicht den allgemeinen Vorstellungen der Bürger in Deutschland von Reichtum, die im Jahr 2007 im Mittel ein persönliches Einkommen von rund 5 000 Euro netto/Monat angaben. In der einfachen Einkommensverteilung beträgt die Reichtumsquote 6,4 Prozent. In der umfassenderen integrierten Einkommens- und Vermögensperspektive beträgt dieser Wert 8,8 Prozent (Anteil der Personen mit mehr als 3.418 Euro/Monat). Dies ist gleichbedeutend mit einer Zunahme der Anzahl reicher Personen von fünf Millionen auf 6,8 Millionen Personen. Damit gelten 38 Prozent der Personen, die in der integrierten Perspektive (= Einrechnung des Vermögens) die Reichtumsgrenze überschreiten, in der einfachen Einkommensverteilung nicht als reich. Die Betrachtung der reinen Einkommensverteilung lässt also vergleichsweise viele Personen außer Acht, die unter Einbeziehung ihres Vermögens als reich gelten können.“ Der Aussagewert dieser Betrachtungen sollte allerdings nicht zu hoch angesetzt werden. Denn, so Herrmann, „Haushalte, die über ein Nettoeinkommen von mehr als 18.000 Euro verfügen“, werden gar nicht berücksichtigt. Auch die tatsächliche Höhe der Einkünfte aus Kapitalerträgen taucht seit 2009 nicht mehr in den Steuererklärungen und damit auch nicht mehr in der Steuerstatistik auf. Hermann: „Es wird künftig unmöglich sein, ihr Gesamteinkommen abzuschätzen.“ Dadurch und durch andere Tricks verschwinden so insgesamt geschätzte 3 Billionen Euro (= 3.000 Milliarden) aus der Statistik und damit aus der Reichtumsquote. Das entspricht in etwa dem Zehnfachen eines Bundeshaushaltes. Der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauer sieht hier Methode: „So exakt die Bundesstatistik über die Höhe der Weinmosternte und die Zahl der Honigbienen Auskunft gibt, so wenig leistungsfähig zeigt sie sich im politisch-sensiblen Bereich der gesellschaftlichen Distribution.“

Quellen: Lebenslagen in Deutschland – Dritter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Ulrike Herrmann „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“

Seite: 1 2 - Gesamten Artikel lesenOn Last Page

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , , ,