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Eine erste systematische Bestandsaufnahme der kulturellen Bildung in klassischen Kultureinrichtungen zeigt: viele Angebote verdanken sich privatem Engagement, Migranten sind kaum im Blick. Beklagt wird die fehlende Anerkennung.
Spätestens seit dem Bericht der Enquête-Kommission Kultur in Deutschland des Deutschen Bundestages gilt das Thema Kulturelle Bildung als hoffähig, verstärkte und koordinierte Anstrengungen in diesem Bereich als notwendig. Zentrales Motiv für die Einsicht: in der zunehmend multikulturellen Gesellschaft droht den Einrichtungen der klassischen Hochkultur wie Theater, Oper oder Museum das Publikum auszugehen. Außerdem ist für die immer wieder prognostizierte Entwicklung hin zur Wissensgesellschaft die Vermittlung kultureller und ästhetischer Grundqualifikationen wichtig. Nun liegt erstmals eine systematische Bestandsaufnahme von Aktivitäten der klassischen Kultureinrichtungen im Bereich der kulturellen Bildung vor. Durchgeführt wurde sie vom Zentrum für Kulturforschung (ZfKf) , das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) förderte. Angebote der Freien Szene oder von kulturellen Bildungseinrichtungen wie Musikschulen oder Kunstschulen wurden nicht erfasst.
Zentrale Ergebnisse
Kulturelle Bildung gehört mittlerweile zum festen Kanon der befragten klassischen Kultureinrichtungen. Nur rund 13% betätigen sich hier nicht. In den letzten fünf Jahren hat das Angebot vor allem bei Theatern und Orchestern deutlich zugenommen. Es steigt mit der Größe der Häuser, unter den Museen sind vor allem Kunstmuseen und naturwissenschaftlichen und technikhistorischen Museen sehr aktiv. Bei kleinen Museen und Bibliotheken im ländlichen Raum bestehen allerdings kaum Ressourcen zur Etablierung entsprechender Bildungsangebote. „Die Vielfalt des Bildungsangebots korreliert dabei weniger mit Finanzmitteln, Struktur oder Standorten als vielmehr mit engagierten Personen in den Einrichtungen, die sich diesem Ausbau widmen“, so Prof. Susanne Keuchel (ZfKf), neben Benjamin Weil Ko-Autorin der Untersuchung. Allgemein fällt auf, dass Bibliotheken verstärkt mit ehrenamtlichen Kräften Bildungsangebote ermöglichen, während die anderen Kultureinrichtungen stärker auf Honorarkräfte setzen. Im Zeitvergleich kann in den Kultureinrichtungen ein Trend zur stärkeren Auslagerung der Konzeption und Durchführung von Bildungsangeboten an Honorarkräfte beobachtet werden. Nur bei einem Drittel der Bildungsformate ist die Leitung des jeweiligen Instituts an der Konzeption beteiligt.
Hochgerechnet erzielten die Kulturinstitute mit ihren Bildungsveranstaltungen 2008 ca. 57 Millionen Besuche. Wichtigste Zielgruppe waren dabei Kinder und Jugendliche in Kooperation mit schulischen Partnern. Von den 89.558 Veranstaltungen (2008) entfielen 35.555 ausschließlich auf sie (40%). Angebote für Senioren sowie für Kindergärten und Kindertagesstätten folgen mit je 6% weit abgeschlagen. Für Migranten lag das Angebot bei 1% (= 730 Veranstaltungen bundesweit). Dabei kümmert sich nur ein gutes Zehntel der Bildungsinstitute überhaupt um diese Personengruppe – im Fokus stehen hier vor allem junge Menschen mit Migrationshintergrund, wobei auch hier die Kooperation mit Schulen ausschlaggebend ist. Für erwachsene Migranten fehlen dagegen interkulturelle Bildungsangebote.
Empfehlungen
Obwohl viele klassische Kulturinstitute die Kulturelle Bildung zu ihren Angeboten zählen, sehen sie sie nicht als Teil ihrer primären Aufgaben an. Im Vordergrund müsse die Kunstproduktion stehen. So nennt Wolfhagen Sobirey, der Präsident des Landesmusikrates Hamburg, in diesem Zusammenhang den Bereich Kulturelle Bildung einen späten „Reperaturbetrieb“ und verortet die Aufgabe vor allem bei Kita, Schule und Musikschule. Auch der Kulturwissenschaftler Hans Günther Bastian fordert in Sachen klassischer Musik: „Primäre Orte musikalischer Sozialisation sollten die Familie, der Kindergarten, die Schule sein.“ Rund die Hälfte der befragten Kulturinstitute selbst wünschen sich „mehr Interesse der Schulen an kultureller Bildung“. Auf Platz 1 rangiert bei ihnen mit weitem Abstand der Wunsch nach mehr Unterstützung im finanziellen Bereich (82%). Zurzeit werden die Angebote mischfinanziert, eigene Haushaltsmittel und Teilnehmergebühren decken hier den Großteil der Kosten. Der Trend geht allerdings zu kostenfreien Formaten. Eine bessere Vernetzung und logistische Hilfestellungen könnte aus Sicht der Einrichtungen ebenso weiter helfen wie eine Koordinierung auf kommunaler oder regionaler Ebene.
Die Autoren der Studie selbst empfehlen u.a. einen Ausbau von Angeboten für Kindertagesstätten, für Jugendliche in der Freizeit sowie für Ältere und erwachsene Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund. „Kulturelle Bildung sollte dabei immer ein Anliegen der Leitung von Einrichtungen sein“, so Keuchel/Weil. „Künstlerisch-kreative Ansätze und Vermittlungsmethoden sollten im Fokus stehen.“ Eine breite fachliche Diskussion um kulturelle Bildung könnte zudem helfen, herausragende Ansätze besser bekannt und für alle Institutionen zugänglich zu machen. Projekte wie Kinder zum Olymp weisen hier den Weg. Die kulturpolitische Aufmerksamkeit der letzten Jahre für kulturelle Bildung habe einen sehr positiven Einfluss auf die Bildungsarbeit der klassischen Kultureinrichtungen.
Die Studie „Lernorte oder Kulturtempel. Infrastrukturerhebung: Bildungsangebote in klassischen Kultureinrichtungen“ von Susanne Keuchel und Benjamin Weil ist bei ARCult Media erschienen und kann dort auch bestellt werden.
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Schlagworte: Jugendliche, Kinder, Kindergarten, Kulturelle Bildung, Kulturelle Teilhabe, Museum, Oper, Partizipation, Schule, Theater, Wissensgesellschaft
