Unsichere Zeiten

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Begriffsgeschichte

Der Begriff der Exklusion ist vergleichsweise jung. In Deutschland taucht er verstärkt erst in den Neunziger Jahren auf.

Der Begriff kommt aus Frankreich. Dort gab es schon in den frühen 1980er Jahren eine Sensibilität für die neuen Krisenphänomene. Das war einmal die Massenarbeitslosigkeit, zum anderen soziale Veränderungen, die mit der Individualisierung einher gingen. Individualisierung bedeutete positiv eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen, eine bessere Bildung. Das alles vor dem Hintergrund der langen Wachstumsphase seit den 1950er Jahren und dem Ausbau des Wohlstandsstaates und sozialstaatlicher Absicherungen. Jetzt zeigte sich auf einmal die Kehrseite ..

Der negative Individualismus ..

Die alten sozialen Netzwerke hatten sich teilweise aufgelöst, Menschen verloren die staatliche Unterstützung, obwohl sie ihrer gerade jetzt bedurft hätten. Bestimmte Bevölkerungsgruppen hatten überhaupt keine oder eine zu geringe sozialstaatliche Absicherung. Das galt vor allem für Jugendliche. Bei Alleinerziehenden war das Armutsrisiko besonders hoch, übrigens überall in Europa. Mit dem Begriff Exklusion wurde darauf hingewiesen, dass man es mit einer neuartigen Krise des Sozialen zu tun hatte, die sich gleichzeitig an vielen verschiedenen Fronten zeigte. Ende der 1980er Jahre wurde die „Exklusion“ von EU-Kommissionspräsident Jacques Delors in die Europäische Union eingeführt und hat seitdem auch die europäische Diskussion befördert. Wie schon gesagt, sehe ich den großen Vorteil dieses Begriffs darin, dass er verschiedene Dimensionen als Prozess zusammenbindet.

Könnte die Politik diese exklusiven Trends korrigieren?

Sagen wir, es besteht ein großer Bedarf zum Gegensteuern. Ich denke, Exklusion berührt auf Dauer die Grundlagen des demokratischen Zusammenlebens. Demokratie ist nur möglich, wenn die Menschen auch in ihrem Alltag in der Lage sind, ihr Leben zu gestalten, Entscheidungen zu treffen, nicht nur aus Not heraus, sondern aus guten Gründen. Wenn Menschen diese Möglichkeiten entzogen werden, wenn der Alltag von Unsicherheiten überschattet wird, dann werden sie auch keinen Sinn darin sehen, auf das Leben in der Gesellschaft, auf das politische Leben Einfluss zu nehmen.

Die sinkende Wahlbeteiligung könnte man als Indiz dafür interpretieren?

Nicht in jedem Fall, es gibt ja auch Wähler, die aus Protest der Wahl fernbleiben wie jetzt in NRW. Nichtsdestotrotz ist die Demokratie in Gefahr, wenn der Trend anhält. Die Unsicherheiten in der Gesellschaft nehmen ja bis weit hinein in die Mittelschichten zu. Man sollte die Sicherheitsbedürfnisse der Einzelnen nicht unterschätzen. Der Staat müsste den Individuen neue Sicherheit bieten, nicht nur den Banken. Damit ist nicht etwa mehr Polizei auf der Straße gemeint, sondern mehr biografische Sicherheit für den Einzelnen, die Möglichkeit, eine Lebensperspektive zu entwickeln. Dafür müsste man Güter wie Bildung, Gesundheit oder eine annehmbare Altersicherung vor den Marktrisiken schützen. Ob dieser Wunsch realistisch ist, sei dahin gestellt. Jedenfalls hat die Verteilungsdiskussion für die nächsten Jahre längst begonnen.

Würde eine stärkere egalitäre Orientierung helfen?

Es ist eine wichtige und auch empirisch gestützte Erkenntnis, dass eine Gesellschaft, die eher egalitär ausgerichtet ist, allen nutzt. Untersuchungen zum Bildungsbereich belegen etwa, dass ein Bildungssystem, das soziale Ungleichheit reduziert, nicht etwa alle nach unten zieht, sondern dass die besten Schüler noch besser werden und alle anderen auch nach oben gezogen werden. Das gleiche gilt für alle Lebensbereiche in der Gesellschaft. Die Lebensqualität in der Gesellschaft nimmt zu, wenn sie die Ungleichheit reduziert. Umgekehrt: ungleiche Gesellschaften fördern Abstiegsängste und Abstiegsängste unterminieren die sozialen Beziehungen, erhöhen den Stress und die Gesundheitsgefährdung.

Dr. Martin Kronauer ist Professor für Strukturwandel und Wohlfahrtsstaat in internationaler Perspektive an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und Senior Researcher am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft) Bonn. Einen Vortrag von Martin Kronauer Thema Exklusion/Inklusion finden Sie hier

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