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Exklusion ist nicht nur eine Sache des Arbeitsmarktes, meint Martin Kronauer. Exklusion ist ein schleichender Prozess. Sie trifft auch den Bürgerstatus und die Teilhabe an Kultur und Bildung.
Herr Kronauer, was halten Sie von dem Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“?
Leistung sollte sich immer lohnen, wenn es um Erwerbsarbeit geht. Allerdings ist Deutschland das Land, in dem der Niedriglohnsektor am schnellsten gewachsen ist. Selbst Vollzeiterwerbstätigkeit schützt heute nicht mehr vor Armut. Perverserweise ist der Slogan von Leuten erfunden worden, die erst den Ausbau des Niedriglohnsektors betrieben haben und jetzt im Sinne des Lohnabstandsgebotes fordern, die Leistungen für Arbeitslose zu senken. Dabei leben wir immer noch in einer reichen Gesellschaft.
Taugt der Begriff Exklusion, um diesen Spagat zwischen Lohn und Leistung, zwischen arm und reich zu beschreiben?
Es gibt auch andere Ansätze, aber Exklusion ist hier ein wichtiger Begriff, weil er auf eine neue Qualität der Ungleichheit und deren Mehrdimensionalität hinweist.
Das heißt ?
Exklusion ist nicht nur eine Sache des Arbeitsmarktes. Vor allem Langzeitarbeitslose, aber auch Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen verlieren auf Dauer ihre sozialen Netzwerke. Ihnen gehen auch Teilhabemöglichkeiten verloren, die ihren Bürgerstatus betreffen, also ihre Beteiligung an Kultur und Bildung, ganz allgemein an einem Lebensstandard, der in einer Gesellschaft als angemessen gilt. Besonders für Menschen im erwerbsfähigen Alter ist das schwer zu ertragen.
„Exklusion“ beschreibt einen Prozess?
Ja. Außerdem würde man den Begriff missverstehen, wenn man damit die Vorstellung verbindet, Menschen würden aus der Gesellschaft fallen. Nein, sie bleiben in der Gesellschaft, weil die ihr Verhalten prägt. Der Prozess der Ausgrenzung beginnt ja nicht erst mit dem Verlust der Erwerbsarbeit. Beispielsweise hat nicht nur die Lohnhöhe in vielen Bereichen abgenommen, zugleich ist die Zahl der befristeten Arbeitsverhältnisse gewachsen. Davon betroffen ist ganz nebenbei die sozialstaatliche Absicherung. Die Höhe der Rente hängt ja von Höhe und Dauer der Beschäftigung ab. Ebenso ist es bei der Arbeitslosenunterstützung. Je prekärer die Erwerbsarbeit, was Lohnhöhe und Stetigkeit betrifft, desto höher auch das Risiko der Ausgrenzung.
Wir erleben also gerade das Goldene Zeitalter der Rentner, weil sich das Erwerbsleben dieser Generation in Zeiten der Vollbeschäftigung abgespielt hat?
Die Renten der jüngeren Generationen, die mit durchbrochenen Erwerbsbiografien gelebt haben, werden das aktuelle Niveau kaum erreichen. Damit droht uns in absehbarer Zeit wieder die Gefahr der Altersarmut, die in Deutschland lange Zeit überwunden war.
Gibt es bei der Erwerbsarbeit noch Unterschiede zwischen öffentlichem und privatwirtschaftlichem Bereich?
Diese Unterschiede gehen immer mehr zurück. In der öffentlichen Verwaltung ist die Befristung geradezu zum normalen Einstiegsverhältnis geworden. Die Chancen zur Übernahme in feste Arbeitsverhältnisse gehen zurück. Interessant bei diesen befristeten Arbeitsverhältnissen ist, dass die damit verbundenen Einkommenseinbußen auch dann nachwirken, wenn die jeweilige Person fest übernommen wird. Die Benachteiligung bezieht sich also sowohl auf die Sicherheit wie auf das Einkommen. Generell kann man sagen, dass die Beschäftigungssicherheit sowohl in der Privatwirtschaft wie im öffentlichen Dienst schmilzt.
Einkommen und Freizeit
Ein geringeres Einkommen hat natürlich auch Folgen für die Freizeitgestaltung. Bekommen da die sozialen Netze, die Geselligkeit unter Freunden und Bekannten eine stärkere Bedeutung?
Das muss man differenziert betrachten. Die Risiken am Arbeitsmarkt sind sozialstrukturell ungleich verteilt. Es gibt zwar auch viele Akademiker in der Befristungs- und Praktikumsschleife, aber sie haben zum einen sehr viel mehr Möglichkeiten und Ressourcen, doch noch in stabile Beschäftigungen einzurücken. Zum anderen haben sie in der Regel größere und tragfähigere soziale Netze. Bei weniger Gebildeten ist die Gefahr ungleich höher, arbeitslos zu werden und auch zu bleiben und entsprechend den Rückhalt in ihren sozialen Netzen zu verlieren.
Wie stark hängt der Rückhalt von einer Beschäftigung ab?
Viele soziale Netze werden über die Erwerbstätigkeit geknüpft, vor allem bei Männern. Ungekehrt werden die sozialen Netze brüchig, wenn die Erwerbsarbeit weg fällt. Je länger der Zustand der Arbeitslosigkeit anhält, desto prekärer werden auch die sozialen Einbindungen.
Was heißt das für eine kulturelle Teilhabe?
Bei der kulturellen Teilhabe muss man zweierlei unterscheiden. Im engeren Sinne bedeutet sie, man nimmt an Veranstaltungen und Aktivitäten teil, die man als kulturell bezeichnet. Also ins Kino gehen oder am Vereinsleben teilnehmen. In einem umfassenderen Sinne verbindet sich damit, für sich selbst eine Perspektive entwickeln zu können, die in der Gesellschaft allgemein als erstrebenswert angesehen wird. Dass man in der Lage ist, einen gewissen Lebensstandard zu halten. Vor allem bei letzterem ist das Einkommen sehr wichtig. Das zeigt sich ja auch an der erregten Debatte darüber, ob die Hartz IV-Leistungen ausreichen, um einen kulturell angemessenen Lebensstandard aufrecht zu erhalten.
Ist denn der kulturell angemessene Lebensstandard überhaupt messbar?
Definitiv ja. Das Erstaunliche ist, wie wenig das in der Diskussion um das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu diesem Thema eine Rolle spielt. Man kann den Lebensstandard durchaus ermitteln, der der vom Gericht vorgegebenen Orientierung an der Menschenwürde gerecht wird. Dazu gibt es ausgefeilte sozialwissenschaftliche Verfahren, die zum ersten Mal in England Ende der siebziger Jahre angewandt wurden, dann in Holland, USA, auch in Deutschland. Man könnte empirisch seriös belegen, was mindestens zu einem kulturell angemessenen Leben gehört, zum zweiten, was wünschenswert wäre, aber nicht unbedingt notwendig ist und zum dritten, was als Luxusgut einzustufen wäre.
Gibt es denn schon so etwas wie einen qualitativen Grundkonsens?
Erstaunlicherweise gibt es den in den entwickelten Industriegesellschaften. Also Einigkeit darüber, ob ein Telefon, ein eigenes Konto oder ein Fernseher zum Mindeststandard gehört. Der Standard gilt übrigens unabhängig vom Einkommen und den Unterschieden in der sozialen Schichtung.
Gibt es in diesen Erhebungen auch Aussagen über den engeren Kulturkonsum, also den Besuch von Kino, Museum oder Theater, das Hören von Musik?
Das müsste man erst noch abfragen. Es gibt nur sehr wenige neuere Studien, weil sie sehr kostspielig und zeitaufwendig sind. Dass solche Erhebungen selten gefördert werden, liegt vielleicht auch daran, dass sie politisch nicht sehr populäre Ergebnisse bringen würden. Sie würden nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit zeigen, dass etwa die offiziellen Sozialhilfesätze hinter dem Standard eines kulturell angemessenen Lebens zurückbleiben.
Sie haben Studien aus Großbritannien, Holland und Deutschland erwähnt.
Die Studien stammen aus den neunziger Jahren. Interessanterweise gab es in Deutschland noch Mitte der neunziger Jahre die Meinung, dass ein sicherer Arbeitsplatz zu den Mindeststandards eines gesicherten Lebens gehört. Ob das heute noch so ist, müsste man herausfinden.
Begriffsgeschichte
Der Begriff der Exklusion ist vergleichsweise jung. In Deutschland taucht er verstärkt erst in den Neunziger Jahren auf.
Der Begriff kommt aus Frankreich. Dort gab es schon in den frühen 1980er Jahren eine Sensibilität für die neuen Krisenphänomene. Das war einmal die Massenarbeitslosigkeit, zum anderen soziale Veränderungen, die mit der Individualisierung einher gingen. Individualisierung bedeutete positiv eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen, eine bessere Bildung. Das alles vor dem Hintergrund der langen Wachstumsphase seit den 1950er Jahren und dem Ausbau des Wohlstandsstaates und sozialstaatlicher Absicherungen. Jetzt zeigte sich auf einmal die Kehrseite ..
Der negative Individualismus ..
Die alten sozialen Netzwerke hatten sich teilweise aufgelöst, Menschen verloren die staatliche Unterstützung, obwohl sie ihrer gerade jetzt bedurft hätten. Bestimmte Bevölkerungsgruppen hatten überhaupt keine oder eine zu geringe sozialstaatliche Absicherung. Das galt vor allem für Jugendliche. Bei Alleinerziehenden war das Armutsrisiko besonders hoch, übrigens überall in Europa. Mit dem Begriff Exklusion wurde darauf hingewiesen, dass man es mit einer neuartigen Krise des Sozialen zu tun hatte, die sich gleichzeitig an vielen verschiedenen Fronten zeigte. Ende der 1980er Jahre wurde die „Exklusion“ von EU-Kommissionspräsident Jacques Delors in die Europäische Union eingeführt und hat seitdem auch die europäische Diskussion befördert. Wie schon gesagt, sehe ich den großen Vorteil dieses Begriffs darin, dass er verschiedene Dimensionen als Prozess zusammenbindet.
Könnte die Politik diese exklusiven Trends korrigieren?
Sagen wir, es besteht ein großer Bedarf zum Gegensteuern. Ich denke, Exklusion berührt auf Dauer die Grundlagen des demokratischen Zusammenlebens. Demokratie ist nur möglich, wenn die Menschen auch in ihrem Alltag in der Lage sind, ihr Leben zu gestalten, Entscheidungen zu treffen, nicht nur aus Not heraus, sondern aus guten Gründen. Wenn Menschen diese Möglichkeiten entzogen werden, wenn der Alltag von Unsicherheiten überschattet wird, dann werden sie auch keinen Sinn darin sehen, auf das Leben in der Gesellschaft, auf das politische Leben Einfluss zu nehmen.
Die sinkende Wahlbeteiligung könnte man als Indiz dafür interpretieren?
Nicht in jedem Fall, es gibt ja auch Wähler, die aus Protest der Wahl fernbleiben wie jetzt in NRW. Nichtsdestotrotz ist die Demokratie in Gefahr, wenn der Trend anhält. Die Unsicherheiten in der Gesellschaft nehmen ja bis weit hinein in die Mittelschichten zu. Man sollte die Sicherheitsbedürfnisse der Einzelnen nicht unterschätzen. Der Staat müsste den Individuen neue Sicherheit bieten, nicht nur den Banken. Damit ist nicht etwa mehr Polizei auf der Straße gemeint, sondern mehr biografische Sicherheit für den Einzelnen, die Möglichkeit, eine Lebensperspektive zu entwickeln. Dafür müsste man Güter wie Bildung, Gesundheit oder eine annehmbare Altersicherung vor den Marktrisiken schützen. Ob dieser Wunsch realistisch ist, sei dahin gestellt. Jedenfalls hat die Verteilungsdiskussion für die nächsten Jahre längst begonnen.
Würde eine stärkere egalitäre Orientierung helfen?
Es ist eine wichtige und auch empirisch gestützte Erkenntnis, dass eine Gesellschaft, die eher egalitär ausgerichtet ist, allen nutzt. Untersuchungen zum Bildungsbereich belegen etwa, dass ein Bildungssystem, das soziale Ungleichheit reduziert, nicht etwa alle nach unten zieht, sondern dass die besten Schüler noch besser werden und alle anderen auch nach oben gezogen werden. Das gleiche gilt für alle Lebensbereiche in der Gesellschaft. Die Lebensqualität in der Gesellschaft nimmt zu, wenn sie die Ungleichheit reduziert. Umgekehrt: ungleiche Gesellschaften fördern Abstiegsängste und Abstiegsängste unterminieren die sozialen Beziehungen, erhöhen den Stress und die Gesundheitsgefährdung.
Dr. Martin Kronauer ist Professor für Strukturwandel und Wohlfahrtsstaat in internationaler Perspektive an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und Senior Researcher am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft) Bonn. Einen Vortrag von Martin Kronauer Thema Exklusion/Inklusion finden Sie hier
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Schlagworte: Armut, Ausgrenzung, Europa, Exklusion, Inklusion, Integration, Kulturelle Teilhabe, Teilhabe, Ungleichheit
