Ein erstes Resumée zum Kongress Shortcut Europe 2010 von Norbert Sievers
Zum zweiten Mal hat der Fonds Soziokultur mit Partnern einen europäischen Kongress in der Tagungsreihe „Shortcut Europe“ durchgeführt, der sich mit einer ernsten und schwierigen gesellschaftspolitischen Thematik auseinandergesetzt hat. Vor elf Jahren in Weimar hieß das Thema „Kultur und Konflikt“. In diesem Jahr war es die Frage der Armut und der sozialen und kulturellen Exklusion, die gegenwärtig in vielen europäischen Ländern virulent ist. Über 300 Akteure aus den verschiedensten Praxisfeldern der Kulturarbeit haben daran teilgenommen, 50 davon aus dem europäischen Ausland.
Zwei Tage lang haben wir uns ausgetauscht, von Beispielen gelungener kultureller Praxis erfahren und miteinander diskutiert. Auf die Mitwirkung von Kulturpolitikern haben wir bei diesem Kongress weitgehend verzichtet. Nicht, weil uns ihre Anerkennung nicht wichtig wäre oder die Soziokultur ihrer Unterstützung nicht bedürfte, sondern um deutlich zu machen, dass es in diesem Praxisfeld jetzt zuallererst darum geht, sich selbst ein Bild der Lage zu machen und sich darüber zu verständigen, was möglich und notwendig ist, bevor die Politik Adressat von Erwartungen wird. Ich meine: Die Soziokultur braucht mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, um in dieser Zeit bestehen zu können.
Was wird?
Die Zukunft ist mehr denn je ungewiss. Die aktuelle Finanz- und Haushaltskrise ist in ihren Ausmaßen noch nicht einmal bekannt. Das europäische Projekt wird wieder in Frage gestellt. Sicher geglaubte Standards der Kulturförderung werden überprüft - sicherlich nicht mit dem Ziel, ihr Niveau anzuheben. Sparen ist angesagt. Drastische Einschnitte in den Kulturetats sind zu befürchten. Die Einrichtungen der alltagsnahen Kulturarbeit und kulturellen Bildung werden davon betroffen sein, vielleicht sogar überproportional.
Damit dies nicht geschieht, damit die fragilen Strukturen der Kulturarbeit, die außerhalb der Hochkultureinrichtungen überwiegend aus zivilgesellschaftlicher Initiative entstanden sind, nicht zerstört werden, sollten sich die Akteure, die sie tragen, unterstützen und davon leben, einer Tugend erinnern, die sie in ihren Gründerjahren stark gemacht hat: die Fähigkeit, Politik zu betreiben. Ich meine Politik, nicht Lobbyismus. Der Ruf nach mehr öffentlichen Mitteln wird voraussichtlich in den nächsten Jahren auf taube Ohren stoßen – und dies nicht ganz zu Unrecht.
Politik als zivilgesellschaftliches Projekt braucht Ideen, Begeisterung, Sachkenntnis und Engagement, fundierte Analysen, überzeugende Konzepte, die Solidarität der Akteure und die Zustimmung derer, für die die Anstrengungen unternommen werden, also praktizierte Teilnahme und artikulierte Anerkennung. Und sie braucht Botschaften, die überzeugen. Formelhafte Phrasen und Kalendersprüche wie „Kultur macht schlau“ oder „Kultur ist ein Lebensmittel“ reichen nicht mehr. Wir brauchen eine Sprache, die konkret ist und verstanden wird, Kommunikationsmittel, die genutzt werden und Angebotsformate, die auf Interesse stoßen. Vor allem aber brauchen wir eine Vorstellung davon, was wir wollen, außer unseren Broterwerb zu sichern.
Aufgabe von Kulturarbeit
Zu den Gründungsdokumenten der demokratischen Kulturpolitik, wie sie von den Veranstaltern dieses Kongresses vertreten wird, soweit ich ihre Programmatik kenne, gehört die Abschlusserklärung der Expertenkonferenz des Europarates „Kultur und Entwicklung“ von Arc et Senans aus dem Jahr 1972. Darin heißt es: „Die Aufgabe von Kulturarbeit ist es .., alternative gesellschaftliche Entwicklungsrichtungen vorstellbar zu machen und in jedem Individuum den Sinn für das Mögliche zu wecken, das heißt, ihn zu befähigen, Krisen nicht auszuweichen und nicht der Sklave, sondern Herr seiner Geschichte zu werden.“
Die Diktion und das Pathos dieser Formulierung mögen veraltet klingen, die Intention indes ist es nicht. Wir haben heute allen Grund, uns den emanzipatorischen Auftrag, der darin enthalten ist, wieder in Erinnerung zu rufen und neu zu interpretieren: Menschen zu befähigen, ihr Leben souverän zu gestalten und vor der Aufgabe, auch die Gesellschaft in ihrer Entwicklung zu beeinflussen, nicht auszuweichen, so schwer dies auch sein mag und so wenig aussichtsreich dies auch scheinen mag. Die kulturelle Praxis, die sich dieser demokratischen Idee verbunden fühlt, ist ein unvollendetes Projekt geblieben und wird wohl auch weiterhin bleiben. Ihre Bedeutung war dennoch selten größer – gerade heutzutage in Deutschland, gerade jetzt in Europa.
Dr. Norbert Sievers ist der Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V.
Schlagworte: Kultur für alle, Kulturelle Teilhabe, Kulturpolitik, Ungleichheit
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