Ausgrenzung – auch eine Frage der Kulturpolitik?

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Was heißt dies für die aktuelle Kulturpolitik?

Ich möchte nur drei Bemerkungen zur aktuellen Relevanz dieser Überlegungen für die heutige kulturpolitische Situation darstellen, weil sich die komplette Tagung anhand konkreter Beispiele und Initiativen im Detail mit dieser Problemstellung befassen wird.

  1. Der Orientierungsbedarf der Menschen wird – gerade in Zeiten unserer Wirtschafts- und Finanzkrise – nicht kleiner, sondern größer. Eine zentrale Aufgabe von Kunst und Kultur besteht darin, Möglichkeiten zur Selbstreflexion, zur Auslotung von Orientierungsmöglichkeiten in einer schwierigen Zeit anzubieten. Versteht man den Slogan „Kultur für alle“ in dieser Weise, nämlich in der Bereitstellung von Möglichkeiten der Sinnstiftung und Orientierung, so muss man konstatieren, dass er seine Relevanz überhaupt nicht verloren hat, sondern dass diese eher noch größer geworden ist.
  2. Die aktuelle ökonomische Entwicklung zeigt, dass Armut ein immer relevanteres Problem für unsere Gesellschaft wird. Armut heißt aber auch: ökonomische Ausgrenzung. Ökonomische Ausgrenzung kann aber dazu führen, dass der notwendige gesellschaftliche Zusammenhalt verloren geht. Die zentrale Frage ist daher auch in der Politik: Welche politischen Maßnahmen sind geeignet, um die notwendige Integration herzustellen? Ein erster Schritt ist natürlich eine starke materielle Absicherung, also das, was man unter dem Aspekt eines Wohlfahrtstaates diskutiert. Alle wissen, in welcher Weise der Wohlfahrtstaat, den es heute in allen europäischen Ländern gibt, immer wieder Angriffe erleiden muss. Eine zweite Strategie zielt auf das Mentale und Geistige. In Deutschland etwa ist es die immer wieder in die Diskussion gebrachte „Leitkultur“. Diese Idee könnte ja durchaus funktionieren. D. h. wenn es gelänge, alle Menschen in Deutschland auf ein eindeutiges Wertesystem einzuschwören, das darüber hinaus mit einem verbindlichen Kanon in Musik, Literatur, Theater, Tanz und Bildender Kunst unterfüttert wird, wäre quasi eine einvernehmliche Wertebasis für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt gesorgt. Leider kann das nicht funktionieren, denn Kultur hat es nun einmal an sich, zum einen ein dynamischer Prozess zu sein, der zweitens durch Vielfalt geprägt ist und sich ständig in einem Austausch mit äußeren und inneren Einflussimpulsen bewegt. Alle Versuche einer Festlegung von Leitkultur gehen also völlig an der Art und Weise vorüber, wie Kultur in der Gesellschaft funktionieren kann.

Interessant ist, dass dies auch ein internationales Problem zu sein scheint. So war ein starker Trend bei der zweiten UNESCO-Weltkonferenz zur kulturellen Bildung in Seoul im Mai 2010 die Betonung der kulturellen Traditionen, die insbesondere von Vertretern aus Afrika, Asien oder Südamerika eingebracht wurden. Allerdings handelte es sich dort um die Anerkennung indigener Kulturen, für die es in Deutschland kaum etwas Vergleichbares gibt.

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