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Bourdieu ist mit seinen Überlegungen bis heute hochrelevant. Eine besondere Relevanz könnte allerdings Bourdieu auch im Hinblick auf eine bestimmte politische Aktivität bekommen. Er bekam nämlich mit seinen Kollegen vom Collège de France den Auftrag vom französischen Staatspräsidenten, den Entwurf eines neuen Curriculums für die Schulen Frankreichs vorzulegen. Aufgrund seiner Erkenntnis, wie stark die ästhetische Kompetenz und ästhetische Souveränität darüber entscheidet, welchen Platz in der Gesellschaft man später findet, hat er versucht, für den Erwerb einer umfassenden ästhetischen Kompetenz einen großen Platz in diesem Curriculum vorzusehen. Er tat dies dabei als Politiker, der sich der Emanzipation gerade der unteren Gesellschaftsschichten verpflichtet fühlte, er hat es nicht als Erziehungswissenschaftler, Psychologe oder Kunsttheoretiker getan. D. h., es ging im nicht um zweifelhafte „humanisierende“ Wirkungen von hoher Kunst – an diese hat er kaum geglaubt: Es ging ihm um ihre belegten sozial-strukturellen und politischen Wirkungen.
Interessanterweise ist dieser Ansatz völlig in Einklang mit Überlegungen, die in den 70er Jahren im Europarat entwickelt worden sind, die die Basis für die Neue Kulturpolitik darstellen und die zu den theoretisch-konzeptionellen Grundlagen der Soziokultur gehören. Kultur und Bildung hatten nicht bloß ihren Eigenwert, sondern sie wurden stark als Motoren für die Entwicklung einer verbesserten parlamentarischen Demokratie betrachtet. Im Europarat wurden damals zwei Konzepte diskutiert: das erste war die Demokratisierung der Kultur und das zweite war die kulturelle Demokratie. Das erste Ziel einer Demokratisierung der Kultur betraf die Ausdehnung des Nutzerkreises bei Kulturangeboten. Es ist kein Zufall, dass sich in dem gleichen Kontext Fragen des Kulturmanagements entwickelt haben. Etwas salopp kann man dies als Frage eines geeigneten Marketings betrachten. Ich selber habe damals an dem berühmten Projekt Nummer 10: Culture and Region teilgenommen, das eine wesentliche Motivation für Kulturmanagementstudiengänge in Deutschland in den späten 80er und frühen 90er Jahren war. Das zweite umfassendere Konzept ist das der kulturellen Demokratie. Kulturpolitik spielt hier eine Rolle als Mittel einer politischen Veränderung. Kulturpolitik wird hier eindeutig verstanden als Politik der Gesellschaftsveränderung durch Teilhabe, ganz so, wie sie in dem deutschen Konzept der Soziokultur theoretisch fundiert wird.
Kulturpolitik kann verstanden werden als Mentalitätspolitik, als Kampf um die Köpfe und Herzen der Menschen. So gesehen ist Kulturpolitik überhaupt kein harmloses Politikfeld, sondern wichtiges, vielleicht sogar das entscheidendste Machtmittel im Hinblick auf unsere politische und geselschaftliche Ordnung. Eine demokratische Kulturpolitik muss daher anstreben, zahlreiche Orte zu schaffen, in denen Menschen selbst für sich definieren können, wie sie leben wollen. So gesehen ist Soziokultur niemals aktueller gewesen als heute.
Prof. Dr. Max Fuchs ist Direktor der Akademie Remscheid und Präsident des Deutschen Kulturrates , Ehrenvorsitzender der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung und Vorsitzender des Instituts für Bildung und Kultur . Lehrt Kulturarbeit an den Universitäten Duisburg-Essen und Basel.
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Schlagworte: Armut, Ausgrenzung, Bildung, Integration, Kulturelle Bildung, Kulturelle Teilhabe, Teilhabe, Ungleichheit
