Ausgrenzung – auch eine Frage der Kulturpolitik?

Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 - Gesamten Artikel lesen

Versprechungen der Moderne

Es ist bereits über 350 Jahre her –wir befinden uns in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der schlimmsten Katastrophe, die die Menschheit sich selber zugemutet hat vor dem 20. Jahrhundert – als der tschechische Philosoph Komensky (lateinisch: Comenius) einen faszinierenden programmatischen Slogan formulierte und umfangreich begründete: Bildung für alle. Dieser Slogan ist offenbar bis heute aktuell. Denn eines der zentralen bildungspolitischen Programme der Vereinten Nationen heißt: Education for all. Es tobte über Jahrzehnte ein furchtbarer Krieg, sodass die zentrale Sehnsucht aller Menschen in Europa diejenige nach Frieden war. Der Grundgedanke von Comenius war der: Gebildete Menschen werden dafür sorgen, dass Frieden eintritt und Frieden erhalten wird. Revolutionär war dieser Slogan, weil er eine Bildung für Mädchen und Jungen erfasste, weil er Bildung quer durch alle Stände und Klassen meinte. Dies meinte insbesondere, dass Bildung kein Privileg besonderer gesellschaftlicher Gruppen war. Zur gleichen Zeit formulierte der englische Philosoph Francis Bacon ebenfalls einen wichtigen Slogan: Wissen ist Macht. Er stellte damit die Bildung in einen politischen Kontext, ordnete ihr nämlich die genuine Aufgabe von Politik zu, Macht zu erobern und Macht zu erhalten. Er schrieb eine der berühmten gesellschaftlichen Utopien der Neuzeit (neben Thomas Morus: „Utopia“ und dem Mönch Campanella: „Sonnenstaat“): Das neue Atlantis. Und dieses neue Atlantis war eine Bildungsrepublik.

Ich mache nun einen Sprung in das 20. Jahrhundert. Vor gut 55 Jahren gab es einen Wirtschaftspolitiker, Ludwig Erhard, der später auch Kanzler der Bundesrepublik Deutschland wurde. Ludwig Erhard gilt als „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“, und er veröffentlichte 1956 ein Buch „Wohlstand für alle“. Man erinnere sich, es war die Nachkriegszeit, Deutschland und Europa waren zerbombt. In dieser Situation formulierte Erhard eine ökonomische Utopie und legte die Konturen dessen fest, was man heute Soziale Marktwirtschaft oder etwas salopper Rheinischen Kapitalismus nennt: Eine kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die sich allerdings dadurch etwa von angelsächsischen Modellen auszeichnet, dass es ein starkes soziales Netz zur Absicherung gegen bestimmte Risiken gibt.

Vor gut 30 Jahren formulierte Hilmar Hoffmann den bekannten Slogan „Kultur für alle“. Gleichzeitig formulierte Hermann Glaser – in einer eher juristischen Sprache – das Bürgerrecht Kultur. Ich will daran erinnern, dass zur gleichen Zeit Ralph Dahrendorf – noch war er nicht Lord im englischen Oberhaus, sondern deutscher Soziologieprofessor – als Staatssekretär im Bundesbildungsministerium versuchte, ein Bürgerrecht Bildung verbindlich im Grundgesetz oder durch eine einzelgesetzliche Regelung durchzusetzen. Damit war er nicht erfolgreich.

Vor gut einem Jahr formulierte der Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, in einem Grundsatzartikel in der Frankfurter Allgemeinen, dass das zentrale Versprechen der sozialen Marktwirtschaft sozialer Aufstieg für alle war. Als Integrationsminister bezog Armin Laschet hierbei ausdrücklich die Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ein.

Alle Slogans zusammen sind Versprechungen der Moderne auf eine bessere Zukunft. Sie formulieren die Vision oder die Utopie einer bürgerlichen Gesellschaft, in der elementare Menschen- und Bürgerrechte realisiert werden. Diese bürgerliche Gesellschaft stellte man sich als Marktwirtschaft, also als kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung vor, sicherlich im Einklang mit dem Begründer einer theoretischen Marktwirtschaft, nämlich mit dem Schotten Adam Smith, der diese Vision nicht als Ökonom, sondern als Moralphilosoph, der er war, als erster umfangreich begründet hat („Reichtum der Nationen“, 1776).

Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 - Gesamten Artikel lesen

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12

Schlagworte: , , , , , , ,