Ausgrenzung – auch eine Frage der Kulturpolitik?

Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 - Gesamten Artikel lesen

Ein Blick in die Realität

Wie steht es nun mit der Umsetzung dieser im letzten Teil genannten Zielvorstellungen und Visionen?

Wohlstand: Die meisten kennen die traurige 1-Dollar-Armutsgrenze, die die Weltbank festgelegt hat. Damit ist der Anteil der Menschen gemeint, die weniger als 1 Dollar pro Tag zur Verfügung haben, um all ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Es ist offensichtlich, dass 1 Dollar überhaupt nicht ausreicht, um ein menschenwürdiges Leben zu garantieren. 1 Dollar reicht in der Regel noch nicht einmal aus, um ein gesichertes biologisches Überleben zu gestatten. Trotzdem wächst der Anteil der Menschen, die unter dieser 1-Dollar-Armutsgrenze bleiben, jährlich an und erfasst inzwischen ein Sechstel der Weltbevölkerung.

Deutschland ist ein reiches Land. Daher war es für viele überraschend, als in einem offiziösen Dokument, nämlich in dem Kinder- und Jugendbericht des Bundes, Mitte der 90er Jahre zum ersten Mal offiziell von Kinderarmut die Rede war. Man wollte es nicht so recht wahrhaben. Daher hat die damalige Jugendministerin aufgrund einer schlechten Beratung durch ihre Mitarbeiter in ihrem Ministerium geglaubt, diese Feststellung von Kinder-Armut in Deutschland als bloßes Definitionsproblem, nämlich als eine falsche Begriffsbestimmung dessen, was Armut sei, aus der Welt schaffen zu können. Dies ist offensichtlich nicht gelungen. Es hat sich vielmehr die Forderung ergeben, dass man in Deutschland einen Armutsbericht braucht. Dieser wurde sehr stark gefordert von der damaligen Opposition, nämlich von der Sozialdemokratie und den Grünen. Im Jahre 1998 war es dann soweit. Zum einen haben SPD und Grüne die konservativ-liberale Regierung abgelöst. Zum anderen wurde endlich der erste Armutsbericht vorgelegt. Zunächst einmal triumphierten die ehemaligen Oppositionsparteien. Denn der Armutsbericht stellte das fest, was in dem genannten Kinder- und Jugendbericht bereits angedeutet war: Armut ist ein relevantes Problem in dem reichen Deutschland. Allerdings trat relativ schnell eine Ernüchterung ein. Denn man erkannte, dass die Armen, die in diesem Armutsbericht beschrieben werden, nicht mehr länger die Armen einer konservativ-liberalen Regierung, sondern nunmehr einer rot-grünen Bundesregierung sind. Von daher war die Begeisterung, den vorgesehenen zweiten Armutsbericht zu erstellen und vorzulegen, nicht mehr sonderlich groß. Aber auch dies ließ sich nicht verhindern und es stellte sich sogar ein skandalöses Ergebnis ein: Die Anzahl der Armen hat sich nicht nur nicht reduziert, sondern sie ist in der Amtszeit der rot-grünen Regierung größer geworden. Inzwischen haben wir es offiziell, nämlich durch jährliche Berichte der OECD, also der wirtschaftspolitischen Organisation, die auch PISA verantwortet: Deutschland ist geradezu weltmeisterlich darin, mit welcher Geschwindigkeit die Schere zwischen Arm und Reich auseinander geht. Und man kennt auch die Armutsrisiken: Kinder zu haben ist in Deutschland ein Armutsrisiko, ein weiteres Armutsrisiko besteht darin, Kinder alleine erziehen zu müssen und selbstverständlich ist eine schlechte Bildung ein erhebliches Armutsrisiko. Bezogen auf das Versprechen von Wohlstand, das Ludwig Erhard in den 50er Jahren noch gegeben hat, fällt die Bilanz für die bürgerliche Gesellschaft – nicht nur in Deutschland – negativ aus.

Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 - Gesamten Artikel lesen

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12

Schlagworte: , , , , , , ,