Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 - Gesamten Artikel lesen
Ich war in der Zeit der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie Mitglied des Bundesjugendkuratoriums. Das Bundesjugendkuratorium wird von der jeweiligen Bundesregierung berufen und ist ihr jugendpolitisches Beratungsorgan. Wir hatten damals einige sehr kritische Papiere zur Lage der Jugend in Deutschland veröffentlicht, wobei wir zur Beschreibung dieser Lage das Wort „Zukunftsdiebstahl“ verwendet haben. An dieser Stelle ist zum ersten Mal an den französischen Bildungs- und Kultursoziologen Pierre Bourdieu zu erinnern, der bereits in den 70er Jahren ein auch in Deutschland rege rezipiertes Buch veröffentlicht hat: Die Illusion der Chancengleichheit. Denn die historische Bildungsforschung zeigt, dass die Geschichte des Bildungswesens zugleich eine Geschichte des Bildungsmonopols ist. Dies leuchtet sofort ein, wenn man an den Slogan von Francis Bacon erinnert, demzufolge Wissen Macht ist. Denn wenn Wissen Macht ist, dann muss man mit Wissen ebenso wie mit Macht sehr vorsichtig umgehen und sich sehr genau überlegen, wer welche Anteile davon haben soll.
Kultur: Hier ist die Evaluation etwas schwieriger. Ein erster Ansatz wäre es, sich Nutzerstudien von Kultureinrichtungen anzuschauen. Solche Nutzerstudien gibt es in den letzten Jahren in immer größerer Anzahl. Die letzte mir bekannte Nutzerstudie stammt von der Zeppelinuniversität in Friedrichshafen und betrifft das Publikum von Opernhäusern. Das Ergebnis ist immer wieder erstaunlich, aber letztlich nicht neu: Nur 2% der Bevölkerung nutzen die Oper als Kultureinrichtung. Zwei Zielgruppen werden besonders gründlich in Deutschland untersucht. Zum einen ist es die Zielgruppe der Jugendlichen und ihre kulturellen Interessen. Seit einigen Jahrzehnten ist Jugendforschung in Deutschland wesentlich Jugendkulturforschung. Zudem gibt es seit einigen Jahren empirische Bestandsaufnahmen über die kulturellen Interessen der Jugendlichen, etwa das Jugendkulturbarometer des Zentrums für Kulturforschung in Bonn. Das Ergebnis ist ebenfalls nicht neu: Gerade unsere teuren Hochkultureinrichtungen sind ausgesprochen wenig beliebt bei Jugendlichen.
Eine zweite problematische Gruppe im Hinblick darauf, inwieweit sie als Teil des Publikums der Kultureinrichtungen auftauchen, sind Zuwanderer. Das Ergebnis ist bekannt: Sie tauchen quasi überhaupt nicht im Publikum unserer Kultureinrichtungen auf. Dasselbe gilt übrigens nicht nur für Deutschland, sondern wir haben eine ähnliche Entwicklung in vielen europäischen Ländern. Anfang der 90er Jahre hat dies etwa Paul Willis, damals Mitglied des Birmingham Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) veröffentlicht: Nur 2% der englischen Jugendlichen besuchen zumindest gelegentlich Kultureinrichtungen.
Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 - Gesamten Artikel lesen
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
Schlagworte: Armut, Ausgrenzung, Bildung, Integration, Kulturelle Bildung, Kulturelle Teilhabe, Teilhabe, Ungleichheit
