Ausgrenzung – auch eine Frage der Kulturpolitik?

Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 - Gesamten Artikel lesen

Nun weiß man schon lange, dass an der Frage der Teilhabemöglichkeit sich die Legitimität der Gesellschaft entscheidet. Daher hat man unterschiedliche politische Maßnahmen getroffen, um Ausgrenzung und Ausschluss zumindest zu reduzieren, sodass sich daraus keine Gefahr für die politische Stabilität des jeweiligen politischen Systems ergeben kann. Interessant ist der Hinweis, dass es in den früheren Gesellschaftsordnungen in der Antike oder im Mittelalter Klassengesellschaften gegeben hat, bei denen also Gleichheit überhaupt nicht angestrebt worden ist. Trotzdem war die Frage der Ungleichheit kein gesellschaftlich relevantes Problem. Dies wurde erst innerhalb der Moderne, bei der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft zu einem Problem. Und dieses war so groß, dass sich zum einen eine eigene Wissenschaft entwickelt hat, nämlich die Soziologie Anfang des 19. Jahrhunderts, die sich ausschließlich mit Fragen des Zusammenhalts bzw. mit den Ursachen von Desintegrationserscheinungen befasste. Und man wurde politisch aktiv.

Dass Desintegration mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft, was auch heißt: mit der industriellen Moderne verbunden ist, lässt sich durch einen kleinen historischen Exkurs plausibel machen. Denn die industrielle Moderne hatte einen enormen Bedarf an Arbeitskräften für die neu entstehenden Fabriken. Man muss daran erinnern, dass zu dieser Zeit der überwiegende Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft gearbeitet hat. Und genau dort besorgte man sich die Arbeitskräfte, wobei man vor keiner Zwangsmaßnahme gescheut hat. Man sorgte dafür, dass die Bauern ihre landwirtschaftliche Existenzgrundlage verloren und von daher gezwungen waren, in die neuen städtischen Siedlungen und in die Fabriken zu gehen. Das bedeutete allerdings einen geradezu revolutionären Umschwung in der Lebensweise der Menschen. Bauern leben im Einklang mit der Natur. Sie richten sich nach den Jahreszeiten bzw. im Tagesablauf nach dem Sonnenstand. Es gibt eine relativ stabile wertemäßige Ordnung, die stark religiös gestützt wird. Ein Spruch lautet: Es verließen fromme Katholiken ihre Dörfer, die in der Stadt als Heiden und Atheisten ankamen. Es entstand also im frühen 19. Jahrhundert die „soziale Frage“. Hiermit assoziiert man oft das Problem einer materiellen Not und eines großen Elendes. Denn die Bezahlung war schlecht und die Unterkünfte der Arbeiter nicht menschenwürdig. Dies ist allerdings nur ein Teil der sozialen Frage. Ein zweiter Aspekt, der damit aufs engste zusammenhängt, ist die Sorge um den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Man sorgte sich darum, dass die Massenloyalität verloren gehen könnte, denn man hatte inzwischen nicht bloß Erfahrungen mit Revolutionen gesammelt, es entstand zudem eine dynamische Arbeiterbewegung auch als politischer Protest gegen menschenunwürdige Bedingungen. In dieser Zeit am Anfang des 19. Jahrhunderts tauchte auch der Begriff der „Integration“ als publizistischer und wissenschaftlicher Begriff zum ersten Mal auf. Begriffe tauchen dann auf, wenn die Problemlagen, die von ihnen erfasst werden, virulent werden. Das Wort Integration hat offensichtlich lateinischen Ursprung, sodass man vermuten könnte, es sei sehr alt. Dies ist nicht der Fall. Es ist vielmehr ein Kunstwort aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts. Von den lateinischen Wurzeln her kann man auf zwei Quellen hinweisen: Zum einen bedeutet integrare wieder herstellen einer verloren gegangenen Ganzheit. Zum zweiten steckt das Wortelement integer, also unversehrt, mit darin. Man spürt es schon von der Wortwahl her: In dem Wort Integration schwebt eine Sehnsucht nach einer verloren gegangenen Gemeinschaft mit, schwebt die Sehnsucht nach einem Dorfidyll mit, bei dem alle Menschen am selben Strang ziehen. Wenn Sie sich aktuelle Debatten über Integrationsfragen anschauen, werden Sie diese verborgene Sehnsucht nach einem verloren gegangenen Idyll immer wieder feststellen, woraus erklärlich wird, dass immer wieder unrealistisch hohe Integrations- (also Anpassungs-)Erwartungen formuliert werden.

Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 - Gesamten Artikel lesen

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12

Schlagworte: , , , , , , ,