Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 - Gesamten Artikel lesen
Was hat man politisch getan, um eine die Erhaltung der Massenloyalität bedrohende Desintegration zu verhindern? Man ist mit zwei Strategien vorgegangen. In der sich entwickelnden Sozialpolitik im 19. Jahrhundert hat man in Deutschland versucht, zumindest ein Minimum einer materiellen Absicherung sozialer Risiken aufzubauen. Otto von Bismarck, dem diese Initiative zugeschrieben wird, musste sich hier vehement gegen andere Interventionsvorschläge wehren, die Ruhe und Ordnung lieber mit Polizei und Militärgewalt durchgesetzt hätten. Letztlich zählte die Argumentation, dass eine minimale Sozialpolitik auf alle Fälle finanziell günstiger war als ein vermehrter Polizei- und Militäreinsatz. Eine zweite Interventionsform betrifft die Bildungspolitik. Im 19. Jahrhundert setzt sich in vielen europäischen Ländern ein flächendeckendes allgemeinbildendes Schulwesen durch. Eine erste Vermutung über die Ursachen dieser Entwicklung könnte darin bestehen, dass es die ökonomische Entwicklung war, die erhöhte Qualifikationen erforderlich machte. Die historische Bildungsforschung weiß, dass dies nicht der Fall ist. Es waren vielmehr politisch- ideologische Gründe, die der stärkste Motor für die Entwicklung eines Bildungssystems waren. Und sieht man sich die Lehrpläne der damaligen Zeit an, so stellt man fest, dass es in der Tat religiöse und nationale Inhalte waren, also eine national bezogene Werteerziehung, mit der man alle Kinder und Jugendlichen in der Gesellschaft hat erreichen wollen.
Eine Verunsicherung gab es allerdings nicht bloß bei den unteren sozialen Schichten: Auch die „Eliten“ hatten ihre Probleme. Insbesondere musste sich das Bürgertum in Deutschland immer wieder verdeutlichen, dass es anders als bei den Klassengenossen in anderen europäischen Ländern nicht gelingen wollte, einen angemessenen Anteil an der politischen Steuerung der Gesellschaft zu erwerben. Eine Kompensation für diese politische Unfähigkeit sah man daher im Kulturbereich. Der Aufbau eines dichten Netzes von Kultureinrichtungen wurde forciert mit der zentralen Aufgabe, dem städtischen Bürgertum Orte einer Identitätsstiftung zu geben. In dem schönen Buch von Bernd Wagner „Fürstenhof und Bürgergesellschaft“ kann man diese Entwicklung im Detail studieren. Dies heißt aber auch zugleich, dass mit dem (Bildungs-)Bürgertum eine Trägergruppe mit eindeutigen Interessen für die entstehenden Kultureinrichtungen vorhanden war, wobei diese eine klare gesellschaftliche und politische Funktion zu erfüllen hatten. Das Paradoxe an dieser Entwicklung war, dass diese starke gesellschaftliche Funktionalisierung von Kultur am besten durch eine „autonome“ Kunst gelingen konnte. Diese Dialektik der Autonomie bereitet bis heute erhebliche Verständnisschwierigkeiten.
Insgesamt handelt es sich also um eine Doppelstrategie: Zum einen führte man eine marginale materielle soziale Absicherung ein, zum anderen aber gab es einen heftigen Kampf um die Köpfe und Herzen der Menschen. Bildungs- und Kulturpolitik haben es mit den letzteren zu tun, sodass es ein sinnvoller Ansatz ist, Bildungs- und Kulturpolitik zum einen als Einheit, zum zweiten als Mentalitätspolitik zu begreifen. Alle drei politische Strategien, die Sozial-, die Bildungs- und die Kulturpolitik sind so gesehen drei verschiedene Wege mit dem selben Ziel, nämlich dem politischen Ziel des Machterhaltes.
Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 - Gesamten Artikel lesen
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
Schlagworte: Armut, Ausgrenzung, Bildung, Integration, Kulturelle Bildung, Kulturelle Teilhabe, Teilhabe, Ungleichheit
