Andreas Kämpf zieht seine Kongressbilanz zu „Shortcut Europe“.
Strahlend blauer Himmel, fast schon tropische Hitze und ein Dietrich-Keuning-Haus, das zwar nicht durch Zaha-Hadid-haftige Kühnheit, wohl aber durch entspannte architektonische Angemessenheit glänzte – all das, zusammen mit einer reibungslosen Organisation, ergab eine schon fast mediterrane Stimmung während dieser drei Tage im Juni in einem als „eher schwierig“ geltenden Stadtteil von Dortmund. 10 Jahre zuvor hatte man sich zuletzt im Rahmen der damaligen Kulturhauptstadt Weimar getroffen und viel gegensätzlichere Städte als Weimar und Dortmund kann man sich schwerlich vorstellen. Beide Veranstaltungen werden bei vielen Besuchern in guter Erinnerung bleiben. Das dürfte an den Inhalten, der Organisation und, vielleicht, auch etwas an der Sonne gelegen haben.
Ein Konzept wandert durch die Städte Europas
„Kulturelle Strategien und soziale Ausgrenzung“ lautete der Titel des Kongresses, der vom 3. bis 5. Juni in Dortmund stattfand. Die Veranstaltung, an der zahlreiche ZentrumsvertreterInnen aus ganz Europa teilgenommen haben, wurde im Rahmen der Reihe „Shortcut Europe“ des European Network of Cultural Centres“ (ENCC) durchgeführt, die vor Jahren von den dänischen Kulturzentren erfunden wurde. Sie steht häufig aber nicht immer im Zusammenhang mit der aktuellen „Kulturhauptstadt Europas “, im konkreten Fall mit der „Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010“. Zusammen mit den Referenten hatten sich rund 300 Menschen aus 15 Nationen für den Kongress angemeldet und so war es, neben den zahlreichen inhaltlichen Impulsen, gerade für viele deutsche TeilnehmerInnen sicherlich eine Erfahrung, zu erleben in wie vielen europäischen Ländern Menschen eine vergleichbare Arbeit machen wie in den deutschen Soziokulturellen Zentren. Wobei diese Häuser außerhalb Deutschlands nicht als „Soziokulturelle Zentren“ bezeichnet werden, sondern in der jeweiligen Landessprache als Kulturzentren, in den slawischsprachigen Ländern auch als dom cultury, das heißt als Kulturhaus.
Eine „Shortcut Europe“- Veranstaltung findet jedes Jahr an wechselnden Standorten statt. Letztes Jahr traf man sich in Helsinki und diskutierte unter anderem über die Frage der freien Trägerschaft. In den verschiedenen europäischen Ländern ist die Frage der Trägerschaft der Zentren sehr unterschiedlich geregelt. Im Jahr 2008 standen beim „Shortcut Europe“ in Pècs die verschiedenen europäischen Kulturpolitiken und deren Auswirkungen auf die Arbeit der Kulturzentren im Mittelpunkt und beim „Shortcut Europe“ im Kopenhagen des Jahres 2007 ging es um „Experience Economy“. In der Regel werden die Kongresse vom örtlichen nationalen Netzwerk der Kulturzentren gemeinsam mit dem ENCC organisiert. Deutschland macht hier eine Ausnahme, da das „Shortcut Europe“ in Dortmund – ähnlich wie schon zehn Jahre zuvor die entsprechende Veranstaltung in Weimar – von einem nationalen Veranstalterverbund organisiert wurde, bei dem der Fonds Soziokultur die Federführung hatte. Die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren war Partner dieses Veranstalterverbunds. Europäischer Partner war das European Network of Cultural Centres, dem über ihre jeweiligen nationalen Netzwerke über 2.000 Zentren als Mitglied angehören.
Kulturelle Teilhabe –uneingelöst
Kulturelle Teilhabe zu ermöglichen gehört in verschiedenen Ausprägungen zu den großen gemeinsamen Themen in der Arbeit all dieser europäischen Zentren. In diesem Zusammenhang machte es sicherlich Mut vom Eröffnungsredner Max Fuchs, dem Vorsitzenden des Deutschen Kulturrates, zu hören, dass die Forderung nach umfassender Teilhabe zu den großen Versprechen der Moderne gehört und erstmals vor 350 Jahren von Comenius als Forderung nach „Bildung für alle“ formuliert wurde. Dem stellte Fuchs unter anderem gegenüber, dass gerade einmal 2 Prozent der Gesamtbevölkerung die Oper besuche und der Anteil der Jugendlichen bei der Wahrnehmung von Angeboten der Hochkultur bei 0 bis 0,5 Prozent liege. Pius Knüsel, der Direktor der Schweizer Stiftung Pro Helvetia, nahm am Ende des Kongresses dieses Thema noch einmal auf, als er darauf anspielte, dass der geringe Anteil der Teilhabenden an der sogenannten Hochkultur in der Regel im umgekehrten Verhältnis zum Finanzierungsanteil dieser Kultureinrichtungen an der gesamten Kulturfinanzierung stünde. Die Überwindung des Gegensatzes von Kunst und Alltag, die die Soziokultur sich seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf die Fahnen geschrieben hat, findet nach der vermutlich zutreffenden Einschätzung des Direktors von Pro Helvetia vor allem deshalb wenig Gegenliebe bei den Vertretern der sogenannten Hochkultur, weil hierdurch die überaus angenehmen finanziellen Verhältnisse dieser Kulturschaffenden in Frage gestellt würden. Als Abwehr errichtete man seit den neunziger Jahren das Postulat der künstlerischen Professionalität und verstärkte die strikte Abgrenzung zur gering geschätzten „Amateurkunst“. Die Freiheit der Kunst wurde zunehmend als Freiheit von Verantwortung gedeutet.
Natürlich fehlt es nicht an Versuchen aus diesem Getto der Hochkultur auszubrechen. So entstehen vorzügliche Projekte wie das leider mittlerweile zu Tode zitierte „Rythm is it“ der Berliner Philharmoniker oder Theaterproduktionen mit Harz 4-Empfängern und Migranten, wie sie der Regisseur Volker Lösch in Hamburg und Stuttgart auf die Bühne brachte. Lösch, der seine Arbeit am letzten Tag des Kongresses vorstellte, ließ die problematischen Seiten dieser Projekte nicht aus. Dazu gehört unter anderem, dass häufig Jugendliche nach der Zusammenarbeit mit einem riesigen Apparat wie dem Stuttgarter Staatstheater in ein Loch fallen und Probleme mit einer realistischen Selbsteinschätzung bekommen. Es fällt schwer sich zu entscheiden zwischen der Sympathie, die mutige Projekte wie die von Volker Lösch unweigerlich hervorrufen und dem Gefühl, dass sie eben auch als ein Randalieren im Goldenen Käfig erscheinen. Es stellt sich die Frage der Nachhaltigkeit bei diesen zuweilen durchaus faszinierenden Leuchtturm-Projekten. Eine Nachhaltigkeit, die doch wohl eher bei den dezentral und eingebunden in Stadtteilzusammenhänge arbeitenden Soziokulturellen Zentren zu finden wäre.
Netzwerke sind immer Netzwerke von Menschen
Die Vorträge und Podiumsdiskussionen bildeten nur einen Teil der über drei Tage sich erstreckenden Veranstaltung. Der Samstagvormittag war gefüllt mit zahlreichen Foren, bei denen stark praxisorientiert und mit europäischer Perspektive über die verschiedenen Aspekte der kulturellen Teilhabe berichtet und diskutiert wurde. Nach dem Mittag fanden dann Exkursionen zu verschiedenen Orten in der Europäischen Kulturregion Ruhrgebiet statt. Hier wurden konkrete kulturelle Projekte wie „Kein Wasser runterschütten“ in Essen-Steele, das Projekt „Klassenlose Kultur auf der/von der Straße“ in Dortmund-Hörde oder auch „STAGE! Schule, Theater und Arbeit“ in Gelsenkirchen präsentiert. Am Abend trafen sich alle Kongressteilnehmer schließlich in der Zeche Zollern in Dortmund. Vor der beeindruckenden Kulisse dieses Ruhrgebietsmonumentes klang der Tag bei gutem Essen, reichlich Getränken, mildem Sommerklima und vielen interessanten Gesprächen aus.
Bei einer so vielfältigen Veranstaltung mit so zahlreichen Teilnehmern wie es „Shortcut Dortmund“ war, wird jeder eigene Eindrücke mit nach Hause nehmen. Manches wird auch erst nach Tagen und Wochen ins Bewußtsein aufsteigen. Deshalb ist es im Inhaltlichen kaum möglich ein allgemeines Fazit zu ziehen. Ganz sicher kann man aber sagen, dass Shortcut-Dortmund ein Ort der Begegnung war, wo Menschen aus vielen verschiedenen europäischen Ländern und Kulturen sich getroffen und ausgetauscht haben. Es ist wieder ein Stück jenes Netzwerkes entstanden, an dem Organisationen wie das ENCC mit ihren bescheidenen Mitteln arbeiten. Es reicht dazu nicht die Computer zu vernetzen, denn Netzwerke sind immer vor allem Netzwerke von Menschen. Und es wird weiter gehen, nächstes Jahr beim „Shortcut Warschau“, wozu die polnischen Kulturzentren eingeladen haben. Auch das ein Ergebnis von drei sonnigen Tagen in einem sogenannten „schwierigen“ Stadtteil von Dortmund.
Andreas Kämpf ist Mitglied im Vorstand der Bundesvereinigung soziokultureller Zentren e.V. und ihr Vertreter im „European Network of Cultural Centres“ (ENCC) und bei „Culture Action Europe“. Sprecher des Rates für Soziokultur, Mitglied im Sprecherrat des Deutschen Kulturrates
Schlagworte: Diversity, Europa, Exklusion, Inklusion, Soziokultur, Teilhabe
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